Anleger haben keine Angst vor dem griechischen Referendum

Vor drei Jahren reagierten Anleger sehr empfindlich auf negative Schlagzeilen aus Südeuropa. Viele Länder mussten enorm hohe Zinsen zahlen, bis die EZB eines Tages stabilisierend eingriff. Warum redet in der heutigen Krise niemand mehr von den «Märkten», die beruhigt werden müssen?

Zwei Personen gehen über den Paradeplatz

Bildlegende: Die privaten Banken halten keine risikobehafteten griechischen Papiere mehr. (Symbolbild) Keystone

Bange fragte man sich vor 3 Jahren, ob nach Griechenland, Portugal und Spanien Spekulanten und Geldgeber auch Italien aufs Korn nehmen würden. Rom musste damals bis zu 8 Prozent Zinsen auf seine Schulden bieten, damit Italien überhaupt noch jemand Geld lieh.

Auf dem Höhepunkt jener Euro-Krise verkündete Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, im Juli 2012, dass die EZB alles Notwendige tun werde, um den Euro zu schützen. Dieser Satz genügte, um Investoren zu besänftigen und Spekulanten in die Schranken zu weisen.

Heute dürfte es kaum mehr zu solch dramatischen Situationen kommen, sagt Andreas Höfert, Chefökonom bei der UBS. Das Banksystem gilt als sicher.

«  Die Banken haben seit der damaligen Krise die meisten ihrer Anlagen dem europäischen Steuerzahler übertragen. »

Andreas Höfert
Chefökonom UBS

Griechenland schuldet heute den Euroländern Geld – und nicht mehr dem privaten Bankensektor, der sich mit Hilfe von EU-Kommission, EZB und IWF aus Griechenland hat zurückziehen können.

Die Euro-Zone hat sich vorbereitet: 500 Milliarden liegen bereit

Die Eurozone habe Institutionen aufgebaut, die einen Austritt Griechenlands aus dem Euro begleiten könnten, sagt Höfert. Dazu gehöre die Europäische Zentralbank: Ihre Mitglieder sind sich zwar nicht einig, wie weit sie bei der Unterstützung für Länder in der Krise gehen soll. Bisher haben sich aber jene durchgesetzt, die für eine grosszügige Unterstützung sind.

Zudem verfügen EU-Kommission und die Euroländer mit dem geschaffenen Rettungsfonds über ein mächtiges Instrument, um die Märkte zu beruhigen. Bis zu 500 Milliarden Euro könnte dieser Fonds mobilisieren, um Staatsanleihen von wackeligen Ländern aufzukaufen, sollten Anleger und Spekulanten nervös werden.

EZB kauft weiterhin Staatsanleihen

Nicht zu vergessen: Die EZB selber kauft jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen. Zwar vorderhand nur von solchen Ländern, die über eine gute Bonität verfügen. Doch die Gelder könnten im Krisenfall schnell umgelenkt werden. Unter Beobachtung steht Portugal, das nach Griechenland am ehesten wieder Opfer von Spekulanten werden könnte. Doch mit der EZB und dem Rettungsfonds könnte ein dortiger Brandherd schnell gelöscht werden.

Es gebe aber auch unvorhersehbare Faktoren: Zum Beispiel wisse man nicht, wie sich die griechische Regierung nach dem Urnengang verhalten wird und wie das übrige Europa darauf reagiert.

Andreas Höfert

Ein Portrait von Andreas Höfert

SRF

Höfert ist Chefökonom der UBS und leitet dort das Wealth Management Research. Er studierte Wirtschaft mit Spezialgebiet internationale Makroökonomik und Ökonometrie in St.Gallen, wo er auch seinen Doktortitel erwarb.