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Terrorgruppen in Afrika Armut und schlechte Chancen begünstigen Extremismus

Legende: Audio Warum werden junge Afrikaner zu Extremisten? abspielen. Laufzeit 03:50 Minuten.
03:50 min, aus Echo der Zeit vom 07.09.2017.
  • Armut, Perspektivlosigkeit und ein Leben am Rand der Gesellschaft treiben in Afrikas Randregionen die Menschen in die Arme von Extremisten.
  • Je höher die religiöse Bildung, desto kleiner ist offenbar die Gefahr, in den Extremismus abzugleiten.
  • Zu diesem Schluss kommt eine UNO-Studie. Insgesamt wurden über 500 Personen gefragt.

Es sind Kämpfer der schlimmsten Terrorgruppen, die in Afrika wüten. Junge Männer und auch Kinder, die etwa für Al Shabaab in Ostafrika und Boko Haram im Norden Nigerias Dörfer überfallen, Mädchen entführen. Sie morden und vergewaltigen und zerstören so ganze Dorfgemeinschaften. Terroristen, die im Namen des Islam keine Gnade kennen. Manche von ihnen sehen ihr Fehlverhalten ein, einige können fliehen.

Um zu erfahren, was sie radikalisiert hat, sind die Autoren der UNO-Studie zwei Jahre lang in die gefährlichsten Gegenden gereist, um Aussteiger zu befragen – zu ihrer Kindheit, ihrer Familie, ihrer Erziehung und auch zur religiösen Bildung. Anhand von 500 auskunftswilligen Kämpfern zeigt die Studie zum ersten Mal auf, was junge Männer in die Fänge von Terroristen treibt.

Zwei mutmassliche gefangene Boko Haram Mitgleideder
Legende: Die Terrororganisation Boko Haram terrorisiert den Norden Nigerias. Im Bild: Zwei mutmasslich gefangene Mitglieder. Keystone

Soziale Faktoren und Ausgrenzung

Das Resultat ist überraschend: Es sind kaum religiöse Ideologien oder islamische Schriften, die aus unauffälligen Schülern extremistische Gewalttäter machen. Im Gegenteil: Je höher die religiöse Bildung, desto kleiner sei die Gefahr, sich terroristischen Gruppierungen anzuschliessen, so die Autoren.

Obwohl die meisten Kämpfer religiöse Gründe für ihre Gewalttaten angaben, gestanden 57 Prozent, dass sie kaum religiöse Schriften lesen oder überhaupt gar keine kennen.

Dass vor allem soziale Faktoren, Armut, Ausgrenzung und Hoffnungslosigkeit die Jungen besonders anfällig machen für die verlockenden Versprechen der Extremisten, ist naheliegend.

Es sind vor allem Jugendliche aus vernachlässigten Randregionen, die in die Gewalt abdriften. Kinder aus unterversorgten Grenzgebieten, wo es keine Arbeit, kein Auskommen gibt und über die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt.

«Reise in den Extremismus in Afrika»

Allerdings, so die UNO-Studie, genügen solche Benachteiligungen meist nicht. Oft entscheidend, ja fast immer ausschlaggebend sind Regierungs-Willkür und staatliche Gewalt. Die meisten befragten Kämpfer haben erlebt, wie sich Politiker bereichern, wie sie manche Menschen besser behandeln als andere.

Viele haben mitangesehen, wie Familienmitglieder oder Freunde verhaftet, misshandelt oder sogar zum Verschwinden gebracht wurden. Es ist das vielleicht ernüchterndste Ergebnis der Studie: 71 Prozent der Ex-Kämpfer gaben an, wegen einer ganz konkreten Regierungsaktion zu Gewalttätern geworden seien.

Mann der ein Gewehr in der Hand hält. Schrotpatronenen sind an seiner Weste angehängt.
Legende: Für die UNO-Studie wurden 500 freiwillige Rekruten extremistischer Organisationen in ganz Afrika befragt. Keystone

Die «Reise in den Extremismus in Afrika» – so der Titel der umfangreichen Studie – kann denn nur mit einem massiven Einsatz vor Ort, in den Gemeinden gestoppt werden. Mit wirtschaftlicher Förderung etwa.

Lokale Projekte fördern

Gezielte Entwicklung bringe mehr Sicherheit, so die Autoren, in- und ausserhalb der Randregionen. Denn der stark steigende Extremismus in Afrika sei eine Gefahr für die globale Entwicklung und die Sicherheit weltweit.

Ebenso wichtig sei aber die Stärkung lokaler Projekte und Führungspersonen, auch der Imame, die sich für Toleranz und Gerechtigkeit und den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft einsetzten.

Die Autoren sind überzeugt: Angesichts des massiven Misstrauens in die Politik können nur lokale Vertrauensleute die Jungen vom Weg in den Extremismus abhalten.

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Das wirtschaftliche Wachstum kann gar nicht richtig mit dem Bevölkerungswachstum schritthalten. Und die "Globalisierungen" sind eher geeignet mehr Armut zu schaffen als zu beseitigen. Wir alle geraten daher auch zusehends in eine gravierende Schieflage mit sehr problematischen Herausforderungen, denen wir eigentlich gar nicht mehr gewachsen sind, gewachsen sein können.
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    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Die UNO erwähnt das nicht mal im Bericht, ich habe der UNICEF geschrieben. Die Antwort war das sie auf Bildung setzen und dann die Geburten automatisch zurück gingen. Die Realität zeigt, dass es nicht funkioniert. Die EU-Exportsubventionen für Poulet, Dosen Tomaten, usw. für Arika und ruinieren dort die einheimischen Bauern. Die aufgezwungenen Fischfangrechte vor Afrikas Küsten. Das hofieren von korrupten Politikern. Unsere "westlichen Freunde" bombardieren einfach andere Länder.
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    2. Antwort von Niklaus Bächler (sensus communis)
      Da haben sie recht, Hans Haller. Doch berechtigt uns dieser Sachverhalt, Menschen auszugrenzen, die nicht so viel Glück hatten wie sie und ich? Oder haben sie etwas geleistet, Schweizer sein zu dürfen? Was, wenn sie als Eritreer, Somalier oder sonst wo in Schwarzafrika zur Welt gekommen wären? Haben sie sich dies schon mal überlegt?Es ist leicht andere mit voller Geldbörse fernhalten zu wollen. Sie und ich hatten einfach nur pures Glück, verdient haben wir uns diesen Sachverhalt nicht.
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    3. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Die Migrationsstroeme, die da gerade aus falsch verstandener Humanität verursacht wurden, verschärfen die Schieflage dramatisch Herr Baechler. Jeder Mensch muss am Ort seiner Heimat sei Ein-, Auskommen und Fortkommen vorfinden können. Ansonsten gehen wir sehr düsteren Zeiten entgegen, wohlverstanden sehr düsteren Zeiten mit viel Leid, Krieg und Elend.
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    4. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      @N. B.: Europa im Mittelalter das Armenhaus der Welt war, haben diese Menschen, welche ausgewandert sind ganz ohne Unterstützung für sich ein besseres Leben schaffen müssen. Und alle diejenigen, welche geblieben sind auch. Europa mit 2 Weltkriegen haben es auch Europäer wieder geschafft, Europa wieder erfolgreich zu machen. Und sämtliche Nachkriegsgenerationen waren auch nicht auf Rosen gebettet. Erst ab 1960-igern, geht es vielen Europäern gut, aber längst nicht allen & die Armut wächst wieder.
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    5. Antwort von Niklaus Bächler (sensus communis)
      Sie weichen dem Kern des Problems aus,H.Haller.Im Gegensatz zu ihnen & mir ist es eben für sehr viele Menschen nicht möglich,in ihrem Land noch ein Auskommen zu haben.Es ist auch falsch zu meinen,die Migrationsstöme würden aufgrund unserer Humanität stattfinden.Nein,wir müssen vielmehr erkennen,dass sich die Völker vermischen & gewaltige Umwälzungen stattfinden werden.Auch sie haben dazu beigetragen,als sie nach Thailand auswanderten,denn sie zeigen dort,dass der CH Geld hat & privilegiert ist.
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    6. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Schon wieder falsch Herr Baechler, der Farang gerade aus Europa, zeigt hier oftmals gar ein sehr hässliches Gesicht.
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    7. Antwort von Niklaus Bächler (sensus communis)
      E.Waeden, ich kann ihre Ausführungen durchaus verstehen & nachvollziehen.Doch sie unterliegen eben wie so viele hier einer Fehlinterpretation oder dem Unwissen über den afrikanischen Kontinent. Aktuell fokussiert sich ganz Eurpoa auf Afrika.Ich aber sage ihnen, Afrika wird in Zukunft das kleinere Problem sein.Schauen sie z.B.nach Asien. Es wird ein gewaltiger Migrationsstrom von Ost nach West einsetzen.Die Welt wird eng & bei > 9 Mia. Menschen kommt es unweigerlich zur Durchmischung der Völker.
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    8. Antwort von Niklaus Bächler (sensus communis)
      Das ist ja gerade zu 100 % das, was ich sage, Herr Haller. Ich bin froh dass sie meine Ansichten und Feststellungen bestätigen.
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    9. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Ach ja Herr Baechler, gerade das Verhalten der Globalisierung in der Wirtschaft ist letztlich ein Ausgrenzen all jener die da nicht, oder eben noch nicht, wettbewerbsfähig mithalten können. Da wird sehr viel gesündigt und verbockt.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    "Je höher die relig.Bildung, desto kleiner sei die Gefahr, sich terroristischen Gruppierungen anzuschliessen" Es sollte nun aber bitte keinem einfallen, dies auf unsere europ.Kultur zu übertragen. Ich finde es zudem gewagt, von relig.Bildung zu sprechen, dann eher von Indoktrinierung, Manipulation. Diese Leute sind von kleinauf im Schosse ihrer Glaubensbrüder, die ihnen Koran/muslim.Kultur eintrichtern. Da besteht logischerweise weniger Bedürfnis, abzudriften. Aber hier funktionierte das nicht!
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Prof. Jean-Paul Pougala: "Sind diejenigen, die die Demokratie exportieren wollen, selbst Demokraten? Die Afrikaner sollten an die wirklichen Gründe denken, aus denen Länder des Westens Krieg gegen Libyen führen, schreibt Jean-Paul Pougala in einer Analyse, die die Rolle dieses Landes bei der Formung der Afrikanischen Union und der Entwicklung des Kontinents aufzeigt." Pougala zeigt die positiven Entwicklungsimpulse Gaddafis für Afrika auf, welche aber für den Westen profitschädigend waren...
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    1. Antwort von Arnold Weiss (A.Weiss)
      Ich verstehe nicht, wie auf welcher Grundlage Sie so etwas behaupten. Gaddafi war jahrelang höchst profitabel für den Westen, man schaue sich nur all die abgeschlossenen Deals und Treffen an! Ausserdem wird allzugerne vergessen, dass der Westen gegen Gaddafi keine Bodentruppen einsetzte. Er musste einen Krieg gegen sein eigenes Volk führen und verlor diesen, als ihm der Westen seine Lufthoheit nahm. Wäre er ein gerechter Herrscher gewesen, wäre er wohl kaum vom eigenen Volk gelyncht worden.
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