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International Asthma-Tote in Sambia: Angehörige ziehen Glencore vor Gericht

Das Glencore-Kupferwerk in Sambia setzt die Einwohner der Minenstadt weiter giftigen Abgasen aus: Nach einem Leck in der Schwefelsäurefabrik des Betriebs starb ein Anwohner. Zudem muss sich der Glencore-Betrieb jetzt vor Gericht wegen dem Tod einer prominenten Politikerin verantworten.

Legende: Video Glencore und das Gift abspielen. Laufzeit 12:10 Minuten.
Aus Rundschau vom 22.10.2014.

Die Familie der Politikerin Beatrice Mithi hat den Glencore-Betrieb angezeigt, wie die «Rundschau» berichtet. Der Fall ist vor dem Gericht in der sambischen Stadt Kabwe anhängig. Mithis Angehörige werfen Glencore Fahrlässigkeit vor. Zu den Prozessakten gehört ein Obduktionsbericht, der zum Schluss kommt, Beatrice Mithi sei an einem akuten Atemversagen gestorben, ausgelöst durch «Einatmen giftiger Dämpfe».

Die in Sambia prominente Politikerin Beatrice Mithi, Kommissarin des Distrikts Mufulira, hatte bei einem Gottesdienst in der vergangen Neujahrsnacht eine tödliche Asthma-Attacke erlitten, als Schwefeldioxid-Abgase des Glencore-Kupferwerks Mopani Copper Mines Ltd. in die Kirche gedrungen waren. Glencore will sich zum laufenden Gerichtsverfahren nicht äussern.

Gemäss einem Inspektionsbericht der sambischen Umweltbehörde ZEMA (Zambian Environmental Management Agency) hat der Glencore-Betrieb in der Vergangenheit die Emissionsgrenzwerte massiv überschritten. Im ersten Halbjahr 2013 lag der Schwefeldioxid (SO2)-Ausstoss des Werks bis zu 219-mal über der behördlichen Limite von 1000 Milligramm pro Normkubikmeter. Bei Schwermetallen wie Kupfer oder Blei wurden die Grenzwerte gar bis zum 700-fachen überschritten.

Bereits aus der Ferne sind die Abgase des Kupferwerks in Sambia zu sehen.
Legende: Bereits aus der Ferne sind die Abgase des Kupferwerks in Sambia zu sehen. SRF

Grenzwerte massiv überschritten

Die Grenzwertüberschreitungen sind drastisch, wie der sambische Bericht zeigt, der der «Rundschau» vorliegt. Bei der Messstation in einer Quartierklinik wurde im März 2013 ein 24-Stunden-Durchschnittswert von 5640 Mikrogramm SO2 pro Kubikmeter Atemluft gemessen. Solche Werte sind akut gesundheitsgefährdend, wie Umweltmediziner betonen. Der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation beträgt 20 Mikrogramm pro Kubikmeter. Am Arbeitsplatz sind bei Werten über 250 Mikrogramm/Kubikmeter Vollgesichtsatemschutzmasken vorgeschrieben.

Glencores Kupferwerk Mopani hat diesen Juni eine neue Filteranlage in Betrieb genommen, welche den Grossteil der Abgase zurückhalten und in Schwefelsäure umwandeln soll. Am 15. August entwichen in Folge eines Lecks im Rohrsystem Schwefeldioxid-Dämpfe in das angrenzende Wohnquartier, worauf mehrere Anwohner, darunter Kinder in Spitalpflege benötigten. Einer der Betroffenen, der 69-jährige Bernard Mutale, verstarb im Spital. Der CEO von Mopani Copper Mines, Danny Callow, erklärte gegenüber der «Rundschau»: «Die Ärzte mit denen wir gesprochen haben, sehen keinen Zusammenhang zwischen Herr Mutales Tod und der kleinen Menge SO2, die an diesem Tag freigesetzt wurde.»

20 Franken für eine zerstörte Ernte

Wie die «Rundschau» im März berichtet hat, führte der SO2-Ausstoss der Fabrik mehrfach zu Schäden auf landwirtschaftlichem Gebiet. In der Zwischenzeit hat der Glencore-Betrieb rund 200 Farmern eine Entschädigungszahlung offeriert. Die meisten der Farmer, die auf ihren Erdnussfeldern einen Ernteausfall zu verschmerzen hatten, erhielten von Mopani 135 sambische Kwacha (umgerechnet 20,05 Franken).

Für viele der betroffenen Bauern kommt das einem Almosen gleich. Rosemarie Muongoti etwa, die auf 900 Quadratmetern Erdnüsse und Mais angepflanzt hatte, weist darauf hin, dass sie allein für die Pacht des Feldes umgerechnet 10 Franken bezahlt habe, und dass sie insgesamt vier Monate vergebens auf dem Stück Land gearbeitet hatte: «Wir dachten, sie würden uns anständig entschädigen. Wir haben uns umsonst beklagt. Aber wir haben keine Mittel, um uns gegen diese Leute zu wehren.»

Gemäss Mopani-CEO Danny Callow stellt die Zahlung an die Farmer eine «Geste des guten Willens» dar, die ausdrücklich ohne Schuld- oder Haftungseingeständnis von Seiten des Glencore-Betriebs erfolgt sei. Der der Rundschau vorliegenden interne Inspektionsbericht von Mopani legt allerdings einen direkten Zusammenhang zwischen den SO2-Abgasen und den Schäden auf den Feldern nahe: Im fraglichen Zeitraum registrierte die nächstgelegene Messstation einen deutlichen Ausschlag bei den SO2-Immissionen, und im Bericht ist festgehalten «Die Effekte von SO2 auf die Erdnuss-Pflanzungen waren offensichtlich.»

«Rundschau»-Theke

Michael Fahrbach

Michael Fahrbach, Leiter Nachhaltigkeit von Glencore, stellt sich zu den aufgeworfenen Fragen an der Theke der «Rundschau».

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Bertschinger, Zürich
    Als "grossen Erfolg" bezeichnet Glencore ihr "Engagement" in Sambia. Das Vergiften von Menschen gilt bei diesem Unternehmen also als Erfolg. Zum Dank muss Glencore in der Schweiz praktisch keine Steuern zahlen. Wir subventionieren das Ganze also auch noch. Hätten unsere Politiker ein bisschen mehr Moral und Selbstrespekt, würde Glencore des Landes verwiesen beziehungsweise ausgeschafft.
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  • Kommentar von Erich Kölliker, 3098 Köniz
    Ihr Beitrag bezüglich "Clencore" verdient meine Hochachtung! Bleiben Sie dran!
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  • Kommentar von Adrian Flury, Bern
    Zur Rundschau - Umstrittener Geldsegen: Es ist beschämend, wenn der Rüschlikoner Gemeindepräsident sagt, "was nicht passieren darf, ist dass die Schweiz wieder unter Druck kommt"! Das tragische ist in seinen Augen also nicht, dass die ärmsten Länder verhungern und vergiftet werden, während das Geld bei uns landet wo bereits mehr als genug vorhanden ist, sondern lediglich, dass das Image der Schweiz in die Kritik geraten könnte.
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