Unheilige Allianz Asylunterkünfte als Gelddruckerei für die Mafia

Die Brüder der Barmherzigkeit und die 'Ndrangheta machten mit einem Flüchtlingsheim in Süditalien das grosse Geschäft. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die ungebrochene Macht der Mafia.

2013 patroullieren Soldaten vor dem Flüchtlingszentrum bei Crotone.

Bildlegende: Im Flüchtlingszentrum bei Crotone (Aufnahme von 2013) sollen über Jahre Millionen an die Mafia geflossen sein. Keystone/Archiv

Das Wichtigste in Kürze

  • Flüchtlingsheime als «Geldautomat» für die Mafia: Die 'Ndrangheta hat ihre Hände wohl auch bei der Unterbringung von Migranten im Spiel.
  • Bei einem Schlag gegen die kalabrische 'Ndrangheta wurden 68 mutmassliche Mitglieder eines einflussreichen Clans festgenommen.
  • Sie sollen aus der Verwaltung eines Flüchtlingslagers in der südlichen Provinz Crotone Gewinne in Millionenhöhe gezogen haben.
  • Das Zentrum gilt als das grösste in Italien. Verwaltet wird es von der katholischen Organisation Misericordia.

In einer kleinen süditalienischen Stadt ist Schluss mit der vorsommerlichen Ruhe: Die Mafia soll dort unter anderem aus der Verwaltung eines Flüchtlingslagers Gewinne in Millionenhöhe abgezweigt haben. Bei der grossangelegten Polizeiaktion wurde auch der Dorfpfarrer, der die Einrichtung mit seiner Bruderschaft der Barmherzigen verwaltete, verhaftet.

Ermittlungen zufolge ist der Mafia-Clan seit mehr als zehn Jahren in die Geschäfte des Aufnahmezentrums in Isola Capo Rizzuto verwickelt. Er soll in dieser Zeit rund 32 Millionen Euro von öffentlichen Geldern abgezweigt haben.

«  Das Zentrum ‹C.A.R.A. Sant’Anna ist zu einer Geldruckerei für die Mafia geworden.  »

Rosy Bindi
Vorsitzende der Anti-Mafia-Kommission im italienischen Parlament

Doch wie es überhaupt möglich, dass die Mafia an staatliche Gelder kommt? Die Mafia sei in vielen Gemeinden Süditaliens sehr tief verwurzelt, erklärt SRF-Korrespondent Franco Battel: «Oft kontrolliert sie das ganze Wirtschaftssystem einer Gemeinde oder sogar einer ganzen Region.»

Italien trägt Hauptlast der Flüchtlingskrise

Italien ist derzeit in Europa das Hauptankunftsland für Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr kamen rund 180000 Migranten an – in diesem Jahr werden noch mehr erwartet. Italien erhält in der laufenden Finanzperiode von 2014 bis 2020 allein aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU mehr als 310 Millionen Euro. Die EU-Kommission erklärte, der Fall sei ihr nicht bekannt und verwies auf die italienischen Behörden.

Die Mafia erschliesst neue Märkte

Ein solches «Wirtschaftssystem» könne vom Bäcker, der ein Flüchtlingsheim beliefert bis zu Baufirmen reichen, die im Heim neue Unterkünfte bauen: «Der Mechanismus, um den Staat zu betrügen, ist dabei meist derselbe: Es werden ganz einfach viel zu hohe Rechnungen gestellt.» Eine Lieferung Brot könne dann 2000 statt 500 Euro kosten – und im Klima der Angst, das die Mafia schaffe, würden die Leute eben auch schweigen.

Im vorliegenden Fall geht die Verfilzung aber offenbar so weit, dass sich eine wahrlich unheilige Allianz herausgebildet hat: «Im Haus des örtlichen Pfarrers wurden 250‘000 Euro Bargeld gefunden.» Er soll pro Jahr 150'000 Euro für die «spirituelle Hilfe» für die Migranten bekommen haben.

«  Ein Mafioso soll am Telefon gesagt haben, dass sich mit Flüchtingsunterkünften mehr Geld verdienen lässt als mit Drogen. »

Franco Battel
SRF-Korrespondent in Italien

Dass Pfarrer, aber auch Lehrer oder Polizisten in Mafia-Geschäfte involviert sind, ist laut Battel nicht weiter erstaunlich: «Sie sind oft Teil des Systems. Zumindest ist aber sichergestellt, dass sie schweigen.» Ein Sinnbild dessen, wie tief die Mafia vielerorts ins «Gemeindeleben» integriert ist: «Bei Prozessionen – also wenn Heiligenfiguren durch die Orte getragen werden – verneigen sich die Leute oft vor dem Haus des Bosses.»

Es dürfte noch mehr ans Licht kommen

Der Vorwurf, dass die Mafia bei der Flüchtlingsunterbringung mitverdient, ist schon mehrmals aufgekommen. Zuletzt hatte der italienische Staatsanwalt Carmelo Zuccaro das Thema auf den Tisch gebracht. Der Chef der italienischen Antikorruptionsbehörde, Raffaele Cantone, sagte, der Fall in Crotone sei wohl nur «die Spitze des Eisbergs».

Ähnliche Exzesse seien aber auch aus Rom bekannt, so Battel: Dort soll ein Mafioso während eines abgehörten Telefongesprächs gesagt haben, dass sich mit Flüchtlingsunterkünften mittlerweile mehr Geld verdienen lasse als mit Drogen.

Franco Battel

Porträt Franco Battel

Franco Battel ist seit Anfang 2015 SRF-Korrespondent in Rom. Davor war er als Auslandredaktor für Italien, Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich. Er berichtete zudem vom UNO-Sitz in Genf.