Athen will einen Teil der Flüchtlinge einmieten

Griechenland hat am Brüsseler Balkan-Gipfel zugesagt, 50‘000 Aufnahmeplätze für Flüchtlinge zu schaffen. Die Mittel kommen von der EU. Ein Teil soll in Mietzuschüsse und somit in den kriselnden Immobilienmarkt fliessen, wie Journalistin Corinna Jessen in Athen berichtet.

120 Flüchtlinge aus Syrien und Irak landen auf Lesbos.

Bildlegende: 120 Flüchtlinge aus Syrien und Irak landen auf Lesbos. Das Holzboot lief von der türkischen Küste aus. Keystone

Griechenland spielt eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Flüchtlingswelle und soll jetzt Zehntausende Aufnahmeplätze schaffen. Zumindest für die Unterbringung eines Teils der Flüchtlinge hat Athen klare Pläne. Doch viele Fragen bleiben offen, wie Journalistin Corinna Jessen im Interview erklärt.

SRF News: Wie soll das gehen mit dem Aufnahmelagern in Griechenland?

Corinna Jessen: Die Regierung Tsipras ist von Anfang an dagegen gewesen, dass ein riesiges Zelt- oder Containerlager für 50‘000 Flüchtlinge entsteht. Nur hat der Premier durchgesetzt, dass 20‘000 Flüchtlinge Mietzuschüsse erhalten und so während ihres Aufenthalts zur Erholung des eingebrochenen Immobilienmarkts beitragen können. Abzüglich der 7000 bereits beschlossenen Plätze auf den so genannten Hot Spots auf den Inseln bleiben damit gut 20‘000 Plätze, die noch zu schaffen sind.

Werden diese 20‘000 Menschen in Lager untergebracht? Und wo?

Angeblich soll die Hälfte von ihnen in Attika, also um Athen herum platziert werden, die andere Hälfte in der griechischen Region Macedonien. Wo genau, ist noch unklar. Griechenland hat sich verpflichtet, mit dem UNO-Flüchtlingshochkommissariat sofort mit der Suche geeigneter Plätze zu beginnen.

Stichwort Mietzuschüsse. Weist das darauf hin, dass es hier nicht um eine vorübergehende Lösung geht, wenn Menschen eingemietet werden?

Das ist etwas widersprüchlich. Einerseits hebt die Regierung hervor, dass so bessere Integration möglich sei. Andererseits wird ständig betont, dass es in allen Fällen nur um einen temporären Aufenthalt gehe, bis die Flüchtlinge über die EU verteilt oder aber zurückgeschafft werden könnten.

Gibt es Pläne, wohin die Menschen nach diesem «Zwischenhalt» gehen sollen?

Das kann zurzeit niemand beantworten. So heisst es unter anderem, syrische Familien könnten in ein anderes Land weitergeleitet werden. Alle jene, die nicht zurückgeführt werden könnten, dürften dann in Griechenland in der Falle sitzen, etwa die vielen Afghanen. Griechenland wäre aber nicht in der Lage, sie irgendwie in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Was hat Tsipras bekommen, damit er bei der Aufnahme von Flüchtlingen doch noch eingelenkt hat?

Als erstes hat er es geschafft, dass die Idee einer gigantischen Lagerstadt verworfen wird. Dazu bekommt er Geld. Alle Mittel für die 20‘000 zu schaffenden Plätze wie auch für die Mietzuschüsse kommen von der EU.

Muss also Griechenland das Problem nicht selber stemmen?

Nicht allein. Griechenland muss die Pläne aber umsetzen. Yannis Mouzalas hat gegenüber besorgten Journalisten gerade heute wieder bekräftigt, dass Griechenland es mit der versprochenen Finanzierung schaffe. Deshalb sei die Zusage Athens auch ganz klar und eng an eine solche Finanzierung geknüpft worden.

Das Interview führte Simon Leu.

Corinna Jessen

Corinna Jessen bei TV-Schaltung nach Athen mit Mikrofon.

Corinna Jessen ist freie Journalistin in Athen, Korrespondentin für mehrere deutschsprachige Tageszeitungen und Mitarbeiterin des ZDF. Sie ist in Athen geboren und aufgewachsen. Studiert hat sie in Deutschland.