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Atomendlager in Finnland Ein Projekt für 100'000 Jahre

Finnland baut seit bald 15 Jahren an einem Atommüll-Endlager. Damit nimmt das Land international eine Pionierrolle ein.

Legende: Video Ein Endlager, das auch eine Eiszeit überdauern soll abspielen. Laufzeit 00:55 Minuten.
Aus SRF News vom 08.03.2018.

Darum geht es: Auf der Insel Olkiluoto vor der Westküste Finnlands ist seit 2004 der Bau eines Tiefenlagers für radioaktive Abfälle im Gang. Ab etwa 2025 soll dort in 400 Metern Tiefe Atommüll aus den finnischen AKWs dauerhaft eingelagert werden. Der strahlende Abfall soll dort für mindestens 100'000 Jahre sicher sein, ohne dass radioaktive Strahlung aus dem Lager austritt. So sehen es die Vorgaben der EU vor.

«Wie verlässlich diese Vorgaben sind, ist schon fast eine philosophische Frage», sagt SRF-Nordeuropamitarbeiter Bruno Kaufmann. Schliesslich wisse man heute nicht einmal, wie die Welt in 100 Jahren aussehen werde, geschweige denn in einigen 1000 oder 10'000 Jahren.

Schematische Darstellung des Stollennetzwerks von Olkiluoto, das rund 70 km Länge betragen wird.
Legende: Schematische Darstellung des Stollennetzwerks von Olkiluoto, das rund 70 km Länge betragen wird. posiva.fi

So soll das Endlager funktionieren: Kilometerlange Gänge und Tunnels werden tief in den Boden getrieben, in denen der Atommüll versorgt werden soll. Anschliessend, so ist es geplant, wird die Anlage auf alle Ewigkeit versiegelt. Konkret müssen die Brennstäbe aus einem AKW zunächst mehrere Jahrzehnte lang in Abkühlbecken zwischengelagert werden.

Sie werden dann gebündelt und kommen in gusseiserne und diese wiederum in Kanister aus Kupfer. Letztere sollen eine Korrosion durch Grundwasser verhindern. Die Kupferkanister mit den Brennstäben werden schliesslich in den Tunnelboden getriebenen Felskammern platziert, die ihrerseits mit Bentonit aufgefüllt werden.

Brennstäbe, Gusseisen- und Kupferbehälter.
Legende: Brennstäbe, Gusseisen- und Kupferbehälter: So werden die Brennstäbe verpackt, bevor sie begraben werden. Reuters.

Deshalb ist das Lager ein Vorzeigemodell: In Olkiluoto entsteht das weltweit erste Endlager, das in einigen Jahren seinen Betrieb aufnehmen soll. «Es ist ein Bau, wie es ihn weltweit noch nie gegeben hat», so Kaufmann. Es würden dabei die höchsten derzeit verfügbaren Standards von Technik und Wissenschaft angewandt.

Bei der Planung des Lagers sei man in Finnland sehr pragmatisch vorgegangen: Da man AKWs hatte, musste man auch ein Endlager für den radioaktiven Abfall sorgen – auch wenn der erste anfallende Atommüll vor Jahrzehnten noch in die Ostsee gekippt und später nach Russland respektive in die Sowjetunion exportiert worden sei.

Es geht um unglaublich lange Zeiträume.
Autor: Bruno KaufmannSRF-Mitarbeiter in Nordeuropa

Es gibt auch Widerstand gegen das Projekt: Wie überall auf der Welt gibt es auch in Finnland Gegner der Atomkraft. Die Argumente sind ähnlich wie andernorts: «Es geht vor allem um die unglaublich langen Zeiträume, mit denen man operiert», sagt Kaufmann.

So sorgen die AKWs in einigen wenigen Jahrzehnten der Energieproduktion für hochgefährliche Abfälle, die über Zehntausende Jahre sicher verwahrt werden müssen. Gegner des Endlagers von Olkiluoto befürchten auch, dass die Ostsee atomar verstrahlt werden könnte, falls es zu einem unterirdischen Leck käme.

Männer mit Bauhelmen stehen in einem Stollen.
Legende: Seit 2004 sind die Grabungsarbeiten für die Stollen im Gang. Imago

Deshalb setzt Finnland weiter auf Atomkraft: Finnland stützte sich lange auf fossile Energie ab, namentlich waren das Erdöl und -gas aus der Sowjetunion und Russland sowie Kohle aus Schweden. Um sich künftig noch stärker aus diesen Abhängigkeiten zu lösen, muss Finnland mehr Energie selber herstellen.

Doch die Alternativen sind dünn gesät: Wasserkraft kann in dem relativ flachen Land nur wenig produziert werden. Auch der Wind weht wesentlich weniger stark und oft als etwa an der Küste in Dänemark. Ganz zu schweigen von der Sonnenenergie, von der man umso weniger produzieren kann, je nördlicher ein Land liegt. Was als Möglichkeit bleibt, ist vor allem die Kernenergie. Deshalb baut Finnland neue Atomkraftwerke.

AKW aus der Ferne.
Legende: Seit 2005 wird nahe des Endlagers auf Olkiluoto ein AKW erstellt. Es hätte 2011 ans Netz gehen sollen, wegen Problemen wird das aber frühestens 2019 sein. Reuters

Die Atomkraftgegner haben es schwer in Finnland: Es gibt zwar auch in Finnland Debatten um eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energieformen. Doch die Politik hat auf Atomkraft gesetzt – vor allem auch für die Zukunft: Der Anteil der Atomenergie am gesamten Energiemix des Landes soll von derzeit rund 25 Prozent auf etwa 60 Prozent im Jahr 2018 steigen. Ausserdem gibt es in Finnland keine direktdemokratischen Mitsprachemöglichkeiten – die Atomgegner konnten das Thema also nicht vors Volk bringen.

Legende: Auf der Halbinsel Olkiluoto sind bereits zwei AKW-Reaktorblöcke in Betrieb, ein dritter soll 2019 ans Netz gehen. Daneben (roter Punkt) wird das Atommüll-Endlager in die Tiefe gebaut. srf

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13 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Ich finde die Idee eines Tiefenlagers gut, allerdings muss m.E. die Ware jederzeit rückholbar sein. Das Material kann überdies in Zukunft als Rohstoff dienen, wer weiss.
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  • Kommentar von Ulrich Zimmermann (Crocc)
    Es ist fahrlässig, dass weltweit kaum Endlager für den radioaktiven Abfall bestehen. Allerdings müssen diese jederzeit wieder geräumt werden können, wenn sie nicht mehr sicher sind oder bessere Lösungen gefunden werden; ev. Aufarbeitung durch Kernfusion etc.
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  • Kommentar von Volker Goebel (Volker Goebel)
    Auch in Finnland versucht man ein Endlager zu erzwingen - Granit ist klüftig - schon 2 cm hinter der glatten Bohrungswand kann ein Riss biss nach oben zur Ostsee gehen - Volles Risiko. Einen Standort hat man gar nicht erst objektiv gesucht, direkt auf dem Kraftwerksgelände - die nächste Eiszeit hobelt das Finnische Zwischenlager weg - Die Finnische Atom Aufsichtsbehörde hat sich von Ing. Goebel die Pläne für ART-TEL und DBHD zusenden lassen - Mit freundlichen Grüssen von Volker Goebel Dipl.-Ing.
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Ohne Basiswissen dazu gehe ich davon aus, dass bereits die Verringerung der polaren Eismasse, und damit des Drucks auf das darunter liegende Gestein eine geologische Instabilität mit sich bringt. (Eventuell reicht dazu schon die Veränderung des Permafrosts aus.) Liege ich damit falsch, Herr Goebel?
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