«Auch in anderen internationalen Verbänden herrscht jetzt Angst»

Nach Blatters Rücktrittsankündigung müsse die ganze Fifa-Führungsebene ausgetauscht werden, fordert der Fifa-Kritiker Jens Weinreich. Das Eingreifen der Schweizer Justiz bezeichnet er als «Dammbruch»: Auch andere internationale Verbände in der Schweiz könnten nun durchleuchtet werden.

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Jens Weinreich

1:00 min, aus Club vom 2.6.2015

SRF News: Wie überrascht sind Sie vom Rücktritt Joseph Blatters?

Jens Weinreich: Ich glaube, jeder ist überrascht. Das hat man so nicht erwartet und sicher nicht ein paar Tage, nachdem er sich noch unbelehr- und unbeirrbar präsentiert hat. Noch am Freitag sagte Blatter: Flächendeckende Korruption gebe es nicht, das seien alles Einzelfälle. Ausserdem habe er alles im Griff und sei der richtige Mann für Reformen. Insofern ist der Rücktritt schon fast eine kleine Sensation.

Wie erklären Sie sich den Entscheid Blatters, jetzt doch zu gehen?

Die Gründe sind teilweise noch spekulativ. Aber es deutet doch vieles darauf hin, dass dies quasi unter Zwang geschehen ist und mit den FBI-Ermittlungen in den USA zu tun hat. Mit den Amerikanern ist in solchen Fällen überhaupt nicht zu spassen. Da kann mitunter ein Anruf eines Blatter-Anwalts sehr viel ändern. Etwa, wenn ihm ein solcher gesagt hat: ‹Kooperiere jetzt, dann kannst du möglicherweise dein Strafmass lindern›. Ich will das Blatter zwar jetzt nicht schon zuschreiben. Aber es gab in dieser Fifa-Affäre ja bereits andere Funktionäre, die kooperiert haben und jetzt hoffen, dass sie dafür nicht ins Gefängnis müssen.

«  In einigen anderen Internationalen Verbänden herrscht jetzt grosse Angst »

Verschiedene Kommentatoren sagen, mit Blatters Rücktritt werde der Weg frei für Reformen bei der Fifa. Glauben Sie das?

Es reicht nicht, wenn Blatter geht. Das gesamte Fifa-Exekutivkomitee, also die ganze Führungsebene, muss abtreten. Das gilt auch für die Kontinentalverbände. Und vor allem muss auch bei der Administration etwas geschehen. Generalsekretär Jérôme Valcke, der ein gerichtlich verbriefter Serienlügner ist, und andere Direktoren der Fifa – sie alle müssen abtreten. Leute wie Domenico Scala, die jetzt ad interim quasi die Führung übernehmen, müssen nun in Aktion treten. Es gibt genügend Strafrechtsexperten, die Erfahrung darin haben, korrupte Konzerne in die Legalität zu führen und Good Governance einzuführen. Solche Leute braucht es jetzt.

Nach den Verhaftungen in Zürich haben Sie geschrieben, dass die Korruption bei der Fifa nur mit der Härte des Gesetzes bekämpft werden könne. Glauben Sie, dass die Behörden weltweit dazu bereit sind?

Es geht nicht um die Frage, ob alle weltweit dabei sind. Wir sehen an den Amerikanern, dass sie bereit sind. Dass sie die Ermittlungen aufgenommen haben, ist klar nachzuvollziehen: Am Anfang standen journalistische Enthüllungen. So sollte es eigentlich ja auch ablaufen: Es braucht Enthüllungen durch Medien. Dann können auch Staatsanwälte von Amtes wegen oder aufgrund von Anzeigen Ermittlungen aufnehmen. Das Neue im Fall der Fifa war nun, dass die Schweizer Justiz das Amtshilfegesuch der Amerikaner erfüllt hat. Das war ein Dammbruch und er wird Folgen haben, die wir uns jetzt noch gar nicht ausmalen können. Denn es gibt in der Schweiz ja mehr als 60 internationale Verbände wie das IOC oder die Uefa. Von einigen weiss ich, dass dort jetzt grosse Angst herrscht. Auch unter Sportfunktionären, die nicht aus der Fifa kommen.


«Die ganze Fifa-Führungsebene muss nun abtreten»

5:02 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.06.2015

Thema Sponsoren: Wie viel Druck können die nun machen, um die Fifa zu Reformen zu drängen?

Bislang waren das bloss Wortgeplänkel. Nur unter grösstem öffentlichem Druck haben Sponsoren bisher ein paar kryptische Sätze fallen gelassen. Fakt ist: Bisher ist kein einziger Sponsor in irgendeiner Weise aus einem Vertrag ausgestiegen, obwohl es diese Option gegeben hätte. Es ist bisher auch keine TV-Anstalt – in der Schweiz oder Deutschland sind die Fifa-Rechte ja in der Hand der Öffentlich-Rechtlichen – ausgestiegen. Das waren bisher alles nur leere Worte. Das ist ein grosses Problem und gleichzeitig Bestandteil des bisherigen Fifa-Systems. Insofern war es logisch, dass es irgendwann nur mit der Härte des Gesetzes geht.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Jens Weinreich

Jens Weinreich

Weinreich ist Journalist, Autor und Korruptionsexperte. Er hat sich als scharfer Kritiker von Fifa, IOC & Co. einen Namen gemacht.

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