Auch in der Ostukraine verliert das alte Regime an Rückhalt

Es war vor allem die Protestbewegung auf dem Maidan in Kiew, die Ex-Präsident Viktor Janukowitsch zu Fall brachte. Doch auch im Osten der Ukraine, in Janukowitschs Hochburg, hat er sich fast jegliche Unterstützung verspielt.

Versammlungen, Protestmärsche und Aktionen: Fast jeden Tag trifft man in der Innenstadt von Charkow auf Protestierende. Die einen demonstrieren für Russland, die anderen für die EU – aber alle gegen eine Spaltung der Ukraine.

Vor zwei Wochen gingen die Leute sogar auf die Strasse, um gegen Janukowitsch und seinen Clan zu protestieren. Das ist erstaunlich. Denn noch 2010 hatten über 90 Prozent der Bevölkerung den gestürzten Präsidenten gewählt. Diese Zustimmung ist mittlerweile um mehr als die Hälfte gesunken.

Anhänger Janukowitschs sind enttäuscht

Und seit ein paar Monaten erheben sogar ehemalige Anhänger ihre Stimme gegen ihn – in aller Öffentlichkeit. Zum Beispiel im Schewtschenko-Park, wo sich Protestlieder mit Popgesängen abwechseln.

Irina ist seit kurzem pensioniert. Sie hat zu Hause mit ihren erwachsenen Kindern darüber gestritten, ob solche Proteste überhaupt Sinn machten: «Jetzt bin ich hier. Und sie hocken etwas faul oder resigniert zu Hause, weil sie nach der Enttäuschung – zuerst über die Politik von Julia Timoschenko, dann über die von Janukowistch – alle Hoffnungen verloren haben. Andere Kolleginnen in meinem Büro sind eingeschüchtert, sympathisieren aber im Herzen mit den Jungen hier.»

«Es gibt keine Rechtsordnung hier»

Auch Pavel, ein Staatsbeamter, hatte nach den ewigen Streitereien der orangen Liberalen grosse Hoffnungen in Janukowitsch gesetzt – bis dieser begann, gegen Andersdenkende vorzugehen. «Als Staatsbeamter mag ich es einfach nicht, wenn mir befohlen wird, ich müsse an einer Demonstration gegen den Maidan teilnehmen. Ich habe mich geweigert, und sie warfen mir Skrupellosigkeit vor. Dabei sind sie die Skrupellosen, wenn sie Angestellte zu Demonstrationen zwingen.»

«Ja», stimmt Jelena bei, die jetzt nicht mehr recht weiss, wen sie künftig politisch unterstützen soll. «Und noch mehr stört mich, dass es hier keine Rechtsordnung gibt – wie etwa in Deutschland. Vor dem Gesetz sind wie hier längst nicht mehr alle gleich. Janukowitsch und auch kein anderer Politiker haben hier für mehr Gesetzmässigkeit gesorgt.»

Andere beklagen sich über die schwierigen Lebensbedingungen, die tiefen Renten und Löhne – während die Kosten für Lebensmittel und Wohnungen rasant steigen. Janukowitsch habe immer betont, er lege auch Wert auf das Soziale, sagt die 25-jährige Verkäuferin Nina: «Aber das stimmt einfach nicht, wir sind sozial überhaupt nicht gesichert. Immer plappert die Obrigkeit von Gratismedizin und Gratisbildung. Aber alle wissen, dass man ohne Schmiergeld einen Arzt gar nicht sprechen kann.»

«Janukowitsch ist selber schuld»

Etwas abseits steht Iwan. Er arbeitet als Kardiologe im städtischen Spital. Skeptisch schaut er auf die Kundgebung. Aber sogar Iwan, selbst Mitglied von Janukowitschs Partei der Regionen, kann über den gestürzten Präsidenten nur den Kopf schütteln.

«Janukowitsch ist doch selber schuld», sagt er. «Ein ganzes Jahr lang hat er unaufhörlich dieses Assoziationsabkommen mit der EU propagiert, hat der Partei eingeheizt. Erst im letzten Moment ist er dann zurückgerudert – aber auch nur, weil ihm Russland die Augen geöffnet hat.» Iwan geht Richtung Sumskaja-Strasse davon, wo die Protestklänge langsam verhallen.