Auch in Europa ist schwere Ausbeutung keine Seltenheit

Europa kritisiert oft die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in anderen Ländern. Doch zuhause ist es nicht viel besser. Die EU-Grundrechteagentur prangert haltlose Zustände und schwere Ausbeutung in Europa an. Auch die Internationale Arbeitsorganisation reiht sich in den Reigen der Kritiker ein.

Stahlarbeiter arbeiten an einem Hochofen.

Bildlegende: In manchen Branchen sind die Arbeitsbedingungen nicht viel besser in den von Europa angeprangerten Staaten. Keystone/Symbolbild

Für die Aussicht auf mehr Gehalt als zu Hause gehen viele ins reichere Ausland – als Erntehelfer, Küchenhilfe oder Bauarbeiter. Das geschieht auch in Europa. Doch auf faire Arbeitsbedingungen hoffen viele laut einer Untersuchung vergeblich.

Hungerlohn, Pass einkassiert, von der Aussenwelt abgeschnitten: Schwere Ausbeutung von Arbeitskräften ist nach einem EU-Bericht in einigen Wirtschaftszweigen weit verbreitet.

Die EU-Grundrechteagentur (FRA) stützt sich bei dieser Einschätzung unter anderem auf rund 600 Gespräche mit Gewerkschaftern, Polizisten oder Mitarbeitern von Aufsichtsbehörden. «Ausländische Arbeitnehmer haben in der EU ein ernsthaftes Risiko, ein Opfer von Arbeitsausbeutung zu werden», sagte eine Sprecherin der FRA.

Unterschiedliche rechtliche Situationen

Jeder fünfte Gesprächspartner traf demnach mindestens zweimal pro Woche auf einen solchen Fall, heisst es weiter. Zum Teil verdienten die Betroffenen nur einen Euro pro Stunde oder weniger, arbeiteten an sechs bis sieben Wochentagen und hätten keinen Vertrag.

Eine klare Definition ist indes schwierig. Die rechtliche Situation unter den EU-Ländern ist unterschiedlich. In Polen beispielsweise gelten landwirtschaftliche Betriebe als Privatgrundstücke, relevante Kontrollen seien schwierig. «Sie können die Bedingungen für die Hühner kontrollieren, aber nicht für die Arbeiter», beklagte die FRA-Sprecherin weiter.

«Verbrechen geschehen im Verborgenen»

Insgesamt sahen die Teilnehmer der Untersuchung im Bereich Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei das höchste Risiko für Ausbeutung, gefolgt von der Baubranche, dem Hotel- und Gaststättengewerbe, der Beschäftigung im Haushalt und in der verarbeitenden Industrie.

Zahlen zum Ausmass des Problems liefert die Studie nicht. «Diese Verbrechen geschehen im Verborgenen», hiess es weiter. «Niemand kann diese Zahlen haben.» Die Autoren hätten vielmehr nach Ursachen forschen oder Gruppen von Betroffenen identifizieren wollen.

ILO prangert vertraglose Arbeitsverhältnisse an

Die Agentur pocht auf bessere Kontrollen und schärfere Gesetze. Vorbildlich seien die Instrumente im Kampf gegen den Menschenhandel. Denkbar sei auch ein staatlich überwachtes Siegel für Produkte, die ohne Ausbeutung entstanden sind.

Am Montag hatte die internationale Arbeitsorganisationen (ILO) berichtet, dass weltweit die Hälfte aller Arbeiter ohne Arbeitsvertrag arbeite. Die Organisation will den Kampf gegen diese vertraglose Arbeit verstärken