Auch Maliki kämpft mit Hilfe von Extremisten

Auch auf Seiten des irakischen Premierministerns kämpfen Extremisten: Es sind Schiiten, die in den Kampf gegen die sunnitischen Gotteskrieger der Isis ziehen. Maliki facht so die konfessionellen Untertöne des Konflikts noch an.

Eine Lange Vierereihe von Männern in Schwarz, die einem schwarz Vermummten folgen.

Bildlegende: Die Mehdi-Armee erhält Zulauf – Hunderte Männer melden sich freiwillig. Reuters

In Bagdads grösster Vorstadt Sadr City leben schätzungsweise eine Million Schiiten in ärmlichen Verhältnissen. Das riesige Siedlungsgebiet im Nordosten ist ein Nährboden für radikale Kräfte. Von Arbeitervierteln wie Sadr City aus mobilisierten schiitischen Milizen schon gegen die amerikanischen Besatzer. Tausende Anschläge, Raketenangriffe oder Entführungen wurden ihnen angelastet.

Iran finanziert Schiiten-Kämpfertruppen

Es gibt diverse Gruppierungen, etwa die Mehdiarmee von Muqtada al Sadr, benannt nach dem Messias der Schiiten. Oder die Hizbollah-Brigaden der Partei Gottes, eine Abspaltung von Mehdi. Hinzu kommt deren grosser Rivale, der Bund der Tugendhaften oder Assaib Ahl al Haq.

Sie alle sollen direkt oder indirekt von der schiitsichen Regionalmacht Iran finanziert und – in unterschiedlichem Mass – kontrolliert werden. Ihre Stärke wird insgesamt auf über zehntausend Mann geschätzt.

Vor den Wahlen letzten Frühling verkündete Qais al Khazali, der Anführer von Assaib Ahl al Haq, die Verwandlung seiner Miliz in eine politische Partei zur Unterstützung von Premierminister Nuri al Maliki. Doch wer nicht weit von Sadr City die grosse Wahlveranstaltung der Partei besuchte, sah, wie die Milizen weiter ganz ungeniert mit ihren Kalaschnikovs die Zugänge sicherten.

Seit Monaten werden Männer rekrutiert

Schon damals mobilisierten sie für den Kampf gegen sunnitische Extremisten: Assaib al Haq betrieb bereits zu diesem Zeitpunkt Rekrutierungsbüros für den Kampf im benachbarten Syrien auf der Seite des Regimes von Baschar al-Assad. Und sie rüsteten sich auch für die befürchtete Konfrontation mit Isis im Irak – und das offenbar mit dem Segen Malikis. Das hat nicht gerade zur Entspannung zwischen Sunniten und Schiiten im Land beigetragen.

Karte von Irak und den umliegenden Ländern.

Bildlegende: Die Isis-Gotteskrieger haben weite Teile im Westen und Norden Iraks unter ihrer Kontrolle. SRF

Der Premier kontrolliert als Oberkommandierender bereits sämtliche Sicherheitsapparate des Staates. Und er besetzte die Schlüsselpositionen mit vorwiegend schiitischen Gewährsleuten. Trotzdem wollte er sich offenbar nicht auf die offiziellen Streitkräfte verlassen. Er glaubte, auch auf die berüchtigten schiitischen Milizen angewiesen zu sein, um den sunnitischen Protest niederzuschlagen.

Die Entwicklung überstürzt sich

Diese Tatsachen relativierte der Maliki-Vertraute Abbas al Baiati zwar noch im April: Die Regierung arbeite nur mit legalen Verbänden zusammen, sagte der Abgeordnete. Doch schon zu diesen Zeitpunkt bestand offenbar ein Abkommen mit Asaib al Haq und andern schiitischen Islamistenverbänden. Maliki begann einige von ihnen in seinen Sicherheitsapparat zu integrieren. Nun hat sich die Entwicklung überstürzt.

Männer in Reih und Glied skandieren Parolen, einige haben die Arme erhoben, zu sehen auch ein irakischer Soldat.

Bildlegende: Tausende Freiwillige – meist Schiiten – sind dem Aufruf gefolgt, sich zum Kampf gegen Isis zu melden. Reuters

Nach dem Fall von Mossul forderte der Premier in einem dramatischen Appell die Mobilisierung sämtlicher Kräfte gegen den Vormarsch der Dschihadisten. Und die Milizen zögerten nicht.

Inzwischen verbreitet der Fernsehkanal der Asaib al Haq Erfolgsmeldungen von der Front. Schiitische Milizen würden im Verbund mit regulären Truppen nördlich von Bagdad gegen sunnitische Gotteskrieger und andere Regimefeinde die schiitischen religiösen Schreine verteidigen. Der Kanal zeigt ausserdem tausende schiitische Freiwillige, die sich zur Rekrutierung melden.

Syrien-Kämpfer werden zurückgeholt

Auch der höchste schiitische Würdenträger, Grossayatolla Ali al Sistani, hatte dazu aufgerufen, sich für die Verteidigung Iraks zu melden. Freilich nannte er nicht ausdrücklich Schiiten – doch im Land wurde er so verstanden. Offenbar holen die schiitischen Radikalen auch Söldner von der syrischen Front zurück für den Kampf gegen die sunnitischen Extremisten zu Hause.

Es geschehe im Interesse des gesamten Landes, heisst es. Doch nicht alle Iraker sind davon überzeugt. So wird im Irak der politische Konflikt immer stärker in konfessioneller Logik ausgetragen.