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Krieg in Syrien «Auch nach Aleppo ist der Krieg in Syrien nicht vorbei»

Aleppo könnte bald vollständig von Regimetruppen zurückerobert werden. Dann dürfte sich der Krieg nach Idlib verlagern, sagt Syrien-Kenner Guido Steinberg.

  • Russland blockiert jede Resolution des UNO-Sicherheitsrats für eine Waffenruhe in Aleppo.
  • Die vollständige Eroberung der Stadt sei das Ziel Moskaus und Assads, sagt Syrienkenner Guido Steinberg.
  • Doch selbst dann werde der Krieg in Syrien nicht beendet sein.

SRF News: Wieso tut sich der UNO-Sicherheitsrat so schwer mit einer Feuerpause für Aleppo?

Legende: Video UNO fordert Kampfpause für Aleppo abspielen. Laufzeit 2:02 Minuten.
Aus Tagesschau vom 01.12.2016.

Guido Steinberg: Der wichtigste Grund ist, dass Moskau diese Feuerpause nicht will. Seit Monaten ist deutlich, dass sich das syrische Regime und seine Verbündeten – Russland und Iran – entschieden haben, den Ostteil Aleppos mit Gewalt einzunehmen.

Sie sehen überhaupt keinen Grund, einen Kompromiss einzugehen – vor allem jetzt nicht, da die Administration von US-Präsident Barack Obama in Kürze abtreten wird.

Könnte der Machtwechsel in Washington etwas an der Blockade im Sicherheitsrat ändern?

Theoretisch schon. Doch der gewählte Präsident Donald Trump hat bisher stets klar gemacht, dass er kein Interesse daran hat, den syrischen Rebellen zu helfen. Eher könnte er die Nähe zu Russland suchen und sich darauf beschränken, den «Islamischen Staat» (IS) zu bekämpfen. Auch für die bedrängte Zivilbevölkerung Aleppos hat man bislang von Trump keinerlei Sympathiebekundung gehört. Je nachdem, wer neuer US-Aussenminister wird und je nach Strategie, die Trump für Syrien entwickelt, kann sich das zwar noch ändern. Doch bisher gibt es von dieser Seite keine Hoffnung für die syrische Bevölkerung.

Nach der Eroberung Aleppos werden die Orte in Idlib umzingelt und bombardiert.

Assads Truppen haben Aleppo weitgehend zurückerobert. Stehen damit die Rebellen kurz vor der Kapitulation?

Zwar gibt es immer noch ein grosses Gebiet, das in Ostaleppo von den Rebellen kontrolliert wird. Doch tatsächlich hat das syrische Regime in kurzer Zeit sehr grosse Fortschritte gemacht. Dabei sollte man die Bedeutung von Aleppo allerdings nicht überschätzen: Sicher wäre es ein wichtiges Symbol, das die Rebellen mit Aleppo verlieren würden. Doch in anderen Landesteilen sind sie durchaus noch präsent. So kontrollieren sie fast die ganze Provinz Idlib südwestlich von Aleppo. Auch weite Teile im Süden Syriens zwischen Damaskus und der israelischen und jordanischen Grenze wird von Rebellen kontrolliert. Eine Niederlage in Aleppo hiesse also nicht, dass der Aufstand in Syrien beendet wäre. Sie würde zwar das syrische Regime konsolidieren und eine neue Phase des Bürgerkriegs einleiten: Doch die Aufständischen würden weiterkämpfen, allerdings weniger öffentlichkeitswirksam als bisher.

Welchen Verlauf könnte der Bürgerkrieg in diesem Fall nehmen?

Nach einem Ende der Kämpfe in Aleppo könnten die Assad-Treuen, also Armee sowie Hisbollah-Kämpfer und iranische Soldaten, versuchen, die Provinz Idlib zurückzuerobern. Ein solches Vorgehen wäre militärisch geboten, da die Provinz zwischen zwei Gebieten eingeklemmt ist, die von Regime-Truppen gehalten werden. Dann wird sich das Aleppo-Szenario in den Städten Idlibs wiederholen: Die Truppen werden die Ortschaften umzingeln und mit Fassbomben und wahrscheinlich auch Chlorgas bombardieren. Doch das Interesse der Weltöffentlichkeit wird dann wohl nicht mehr allzu gross sein. Die einzige Möglichkeit, an diesem Szenario etwas zu ändern, hätten die USA. Doch in dieser Hinsicht hat man aus Washington bislang überhaupt nichts vernommen.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Guido Steinberg

Portrait von Guido Steinberg

Der promovierte Islamwissenschaftler ist Sicherheitsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Bis 2005 arbeitete er als Terrorismusreferent für die deutsche Regierung. An der SWP erforscht er die Politik des Nahen Ostens und den islamistischen Terrorismus.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Jacqueline Zwahlen (Jacqueline Zwahlen)
    Frage an SRF: Wenn Sie es schon nicht lassen können, von der syrischen Regierung als einem Regime zu reden, warum benennen Sie dann die USA nicht als das, was sie ist? Nämlich ein Imperium. Barack Obama, der Abgesandte des Imperiums. Was wäre falsch daran?
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Skrupellose Gruppen bedienen sich (berechtigten) Demonstrationen/Revolten, engagieren Berater/Berufsdemonstranten, übernehmen Finanzierung und Führung. Dann wird mit aller Macht aus der Investition Profit generiert. Und Krieg ist nun mal eine der lukrativsten Branchen. Wie fast überall ist das Primärziel, aus den Angegriffenen Schuldner zu machen. Das Verhältnis Schuldner/Gläubiger macht eine Partei zu Sklaven, die für den Herrn arbeiten oder ihren Besitz weit unter Wert veräußern müssen.
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  • Kommentar von Christophe Bühler ((Bühli))
    @Lieber Herr Ineichen: Ich habe Sie hier nicht persönlich angegriffen, sondern die naive Mainstreamfragestellung von SRF des Artikels. Seltsam ich wurde deswegen zensiert. Ein Grund sich für no Billag stark zu machen?
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