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International «Auf Saudi-Arabien kommen schwere Zeiten zu»

Saudi-Arabien war bis vor Kurzem Garant für Stabilität in einer von Unruhen erschütterten Region. Doch in den vergangenen Wochen verübten Anhänger der Terrormiliz IS mehrere Anschläge auf schiitische Moscheen. Die Saudis ernten nun, was sie jahrzehntelang gesät haben.

Symbolbild: Der saudische König Salman (rechts) empfängt den kuwaitischen Emir al Sabah auf dem Flughafen, im Hintergrund weitere Männer in arabischer Kleidung sowie Sicherheitsmänner..
Legende: Mehr und mehr bedroht der IS auch die Macht der arabischen Herrscher am arabischen Golf. Keystone

SRF News: Gewinnt der sogenannte Islamische Staat IS nun auch in Saudi-Arabien an Einfluss?

Toby Matthiesen: Der «Islamische Staat» versucht seit ungefähr einem Jahr, auch in Saudi-Arabien Anschläge zu verüben. In Saudi-Arabien befinden sich die zwei heiligsten Stätten des Islams, Mekka und Medina. Sie haben einen grossen symbolischen Wert: Wer ein Kalifat ausruft, muss diese Stätten beherrschen, um als Kalif anerkannt zu werden. Deshalb versucht der IS, nach Saudi-Arabien zu expandieren. Was die kürzlich verübten Anschläge auf Schiiten betrifft, so scheint es, dass die Schiiten als eigentliche weiche Ziele ins Visier des IS geraten sind. Sie sind nicht so schwierig zu attackieren wie etwa Ministerien oder Botschaften. Weil viele der sunnitischen Saudis Ressentiments gegenüber den Schiiten hegen, erhofft sich der IS gewisse Sympathien in der saudischen Bevölkerung für die Anschläge.

Versucht der IS also gezielt, Unruhe im Land zu stiften?

Karte von Saudi-Arabien, eingezeichnet sind Riad und Al-Katif im Osten des Landes am arabischen Golf.
Legende: Bei Al-Katif wurde der Anschlag vom 22. Mai verübt. SRF

Es ist sicher das Ziel dieser Anschläge, dass die Stimmung zwischen Sunniten und Schiiten noch schlechter wird. Erstaunlich ist, dass gleich zwei grosse Anschläge innert einer Woche verübt werden konnten. Denn der Sicherheitsapparat ist überall im Land präsent, die schiitischen Orte sind seit der schiitischen Protestwelle 2011 mehr oder weniger durch Checkpoints abgeriegelt. Dass die Bombenattentäter nun durch diese Kontrollposten kommen, verursacht unter den Schiiten sehr viel Angst.

Der IS will die am Golf herrschenden Königsfamilien stürzen.

Wie stark konnte der IS in Saudi-Arabien denn bereits Fuss fassen?

Soweit man weiss, stellen die Saudis die grösste Zahl an ausländischen Kämpfern des IS in Syrien und Irak. Man schätzt ihre Zahl auf 3000 bis 4000. Und das sind nur jene, denen die Reise in die Levante gelungen ist. Inzwischen verhängt Saudi-Arabien schwere Strafen für Personen, die dorthin zum Kämpfen wollen. Deshalb bleiben viele IS-Sympathisanten im Land und sind manchmal bereit, dort Attentate zu verüben. Tatsächlich wurden alle bisherigen Anschläge in Saudi-Arabien von eigenen Bürgern verübt. Daran sieht man, dass die Unterstützung für den IS inzwischen recht verbreitet ist. Auch in den sozialen Netzwerken sieht man eine grosse Unterstützung aus Saudi-Arabien für die Taten des IS.

Wie beurteilt das saudische Königshaus die Gefahr durch den IS?

Saudi-Arabien hat in den letzten Jahrzehnten in den Schulen ein Anti-Schiitentum unterrichtet. Das war einer der Hauptaspekte ihrer religiösen Indoktrination. Zudem wurde die salafistisch-wahhabitische Ideologie forciert. Auch ist die Aussenpolitik seit Jahrzehnten auf die Rivalität mit Iran und zuletzt mit der schiitisch dominierten Regierung in Irak ausgerichtet. Jetzt stellt sich für Riad die Frage, ob dies klug gewesen ist. Denn viele der Lehren, die der IS jetzt propagiert, sind sehr nah an den Lehren der ursprünglichen Wahhabiten. Auch die IS-Eroberungszüge – geprägt von raschen Einnahmen der Städte sowie anschliessender Bekehrung, Ermordung oder Vertreibung von religiösen Minderheiten – ähneln der ursprünglichen wahhabitischen Bewegung, als diese die arabische Halbinsel erobert hat. Nicht zuletzt deshalb gibt es in Saudi-Arabien recht viel Zuspruch für den IS, was für die Königsfamilie zunehmend zu einer Bedrohung wird. Denn der IS will ein ähnliches Staatsgebilde aufbauen, wie es in Saudi-Arabien vorherrscht: Etwa mit einer religiösen Polizei, welche die öffentliche Moral aufrechterhält. Als grosser Unterschied will der IS aber keine Monarchie etablieren, sondern ein Kalifat. So will der IS die am Golf herrschenden Königsfamilien stürzen.

Die IS-Ideologie stösst in Saudi-Arabien auf grossen Zuspruch.

Das saudische Königshaus hat in den letzten Jahrzehnten also quasi eine Saat ausgebracht und fährt nun eine Ernte ein, welche es eigentlich gar nicht wollte?

Seit Jahrzehnten wurde diese Ideologie exportiert: Den jungen Saudis wurde klar gemacht, dass sie die Ideologie im eigenen Land nicht anwenden durften, dafür durften sie ins Ausland in den Dschihad ziehen. Erstmals richtet sich nun aber eine dschihadistische Massenbewegung gegen die Golfstaaten.

Sind die Zeiten also vorbei, da Saudi-Arabien als ruhiger und stabiler Golfstaat galt?

Ja. Saudi-Arabien hat sich immer als Garant für Stabilität präsentiert, obwohl das bei näherem Hinschauen nicht immer so war. Doch nun gibt es Anschläge auf Ausländer und religiöse Minderheiten. Diese werden kaum abnehmen, da die IS-Ideologie auf grossen Zuspruch stösst. Es kommen sicher schwere Zeiten auf Saudi-Arabien und die Golfstaaten zu.

Das Interview führte Matthias Heim.

Toby Matthiesen

Toby Matthiesen

Toby Matthiesen ist Islam- und Politikwissenschaftler an der Universität Cambridge. Er ist Spezialist für Saudi-Arabien und die Golfstaaten. Zu diesem Thema hat er auch zwei Bücher publiziert.

Blutige Attacken

Blutige Attacken

Am 22. Mai riss ein Selbstmordattentäter in einer schiitischen Moschee im Osten Saudi-Arabiens 21 Menschen in den Tod, eine Woche später starben vier Menschen bei einem weiteren Anschlag. Zu beiden Attacken bekannte sich der IS. In Saudi-Arabien leben 30 Millionen Menschen, meist wahabitische Sunniten. 10-15 Prozent der Bevölkerung sind Schiiten.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    Saudi Arabien ist die grösste idelogische Giftmüll-Deponie der Welt. Seit Jahrzehnten exportieren sie ihr wahhabitisches Gift, vorallem auch nach Europa und haben dort ihre Aussenposten (König-Fahd-Akademie in Bonn, König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog in Wien, nebst Hunderten von Moscheen), alles mit Duldung unserer korrupten Polit-Eliten. Ich hoffe sehr, der IS schafft es bis nach Saudi Arabien und nimmt Mekka ein - nichts anderes verdienten diese Giftmischer!
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  • Kommentar von christian strahm, aarau
    Dass man sagt, Marco Polo sei die Reise in die Levante gelungen, halt ich für einleuchtend; dass man aber sagt, einem Saudi - einem saudischen Staatsangehörigen im Übrigen - gelinge die Reise in die Levante, halt ich für eher unwahrscheinlich; für ihn bleibt es ash-Sham, die Nordgegend.
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  • Kommentar von Dieter Marty, Chur
    Gar nichts wird gegen die Saudis zurück schlagen. Gegen deren Auffassung von Religion, sind die Terroristen Ungläubige. Dann, das ganze Volk ist von Prinzen durchzogen. Da entgeht nichts. Schon mal gesehen, was passiert, wenn es einen jener Aussenseiter erwischt? Aufatmen kann Europa - was die Bedohung von den Saudis aus betrifft - erst, wenn der letzte Tropfen Öl aus dem Sand gepresst sein wird.
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