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Auf Tuchfühlung mit dem Volk Putin – der gute Zar

Legende: Audio Putin inszeniert Volksnähe abspielen. Laufzeit 06:42 Minuten.
06:42 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.06.2018.
  • Russlands Präsident Wladimir Putin hat in seiner jährlichen TV-Sendung um Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung des Landes geworben.
  • Er verurteilte in der vierstündigen Sendung die Sanktionen des Westens gegen Russland.
  • Der Kreml erfährt aus der Sendung «Direkter Draht» besser als aus Umfragen, wo beim Volk die Probleme liegen.

Jedes Jahr das gleiche Ritual: Russlands Präsident Wladimir Putin inszeniert sich als «guter Zar» in einer Reality-Show im Fernsehen. Und viele Russen setzen ihre letzte Hoffnung auf diese Fragestunde namens «Direkter Draht».

Putin warb bei der Bürger-Sprechstunde um Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung Russlands: «Es gibt eine stabile Tendenz zu nachhaltigem Wachstum», sagte der Präsident, der im Mai eine weitere sechsjährige Amtszeit angetreten hat.

Über zwei Millionen Fragen

Putin nutzte die über vierstündige Livesendung wie jedes Jahr, um sich als Problemlöser zu präsentieren. Nach Angaben des Fernsehsenders waren mehr als zwei Millionen Fragen eingegangen.

Spannung kam in die Sendung, als es um die Ukraine ging. Putin drohte dem Nachbarland falls es während der Fussball-WM Stellungen der von Russland unterstützten Separatisten in der Ost-Ukraine angreifen sollte. «Ich hoffe, dass es nicht zu solchen Provokationen kommt», sagte Putin. «Wenn das passiert, wird es sehr schwere Folgen für die ganze ukrainische Staatlichkeit haben.»

In mehr als 18 Jahren an der Macht in Russland hat Putin die Fragestunde «Direkter Draht» 16 Mal abgehalten. Auch wenn die Sendung weitgehend inszeniert ist, hat es sich doch eingebürgert, dass viele Russen Putin als letzte Instanz anrufen, wenn Arbeitgeber, Behörden oder Gerichte ihnen ihr Recht verweigern.

«Wladimir Wladimirowitsch, helfen Sie!»

Der Chef im Kreml als Kummerkasten der Nation. «Wladimir Wladimirowitsch, helfen Sie!», baten Frauen in der abgelegenen sibirischen Region Altai, die eine Schliessung ihrer Dorfschule befürchten.

Viele Russen hegten die Vorstellung, dass nicht der gute Zar, sondern sein Umfeld, die bösen Bojaren (Adeligen), schuld an den Missständen sei, schrieb die Zeitung «Nesawissimaja Gaseta». Technische Neuerung der Reality-Show in diesem Jahr war denn auch, dass Putin Kritik an die Bojaren weiterleitete. Minister und Gouverneure harrten vor der Kamera am Schreibtisch für den Fall aus, dass sie aufgerufen werden.

Wir werden sehen, wie wir solchen Familien helfen können.
Autor: Stanislaw WoskressenskiGouverneur

Benzinpreise sorgen für rote Köpfe

So beklagte sich der Vater einer kinderreichen Familie aus dem Gebiet Iwanowo, dass ein Hypothekarkredit für ihn unerschwinglich sei. Darauf musste Gouverneur Stanislaw Woskressenski öffentlich versprechen: «Wir werden sehen, wie wir solchen Familien helfen.»

Kaum etwas haben die Millionen russischen Autofahrer in den vergangenen Wochen so verärgert wie die Preissteigerung beim Benzin. Also wurde ein Lastwagen-Fahrer eingeblendet, der am Steuer fragte: «Sagen Sie bitte, wie lange die Benzinpreise noch steigen werden?» 45 Rubel (70 Rappen) koste ein Liter Diesel. «Im März hat das ganze Land Sie gewählt, und Sie können die Benzinpreise nicht stoppen?»

Wie das Volk tickt

Die Regierung habe schon Massnahmen ergriffen, sagte Putin. Rasch mussten Energieminister Alexander Nowak und Vize-Regierungschef Dmitri Kosak Auskunft geben. Die Einigung besteht bislang darin, dass die Erdöl-Förderer die Preise nicht mehr so stark erhöhen und der Staat dafür seine Steuern senkt und auf Einnahmen verzichtet. So wird der Volkszorn abgebogen.

Der Kreml erfährt aus dem «Direkten Draht» besser als aus Umfragen, wie das Volk tickt. Doch es gibt auch Kritik an der «Handsteuerung» von Problemen durch Putin. Die Anrufe an den Präsidenten wären nicht nötig, wenn andere Teile des Staatsapparates unter Putins Herrschaft nicht so verkümmert wären, meint die Zeitung «Nesawissimaja Gaseta».

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Putin muss keine Volksnähe inszenieren - denn der ist Volksnah. Diese weit mehr als 1 Mio. Anfragen werden schon sehr genau ausgewertet. Wenn da jemand 2800 Km entfernt in Norilsk reklamiert. Darum hat Norilsk Chef Potanin auch Auflagen für Emissionsreduktionen, Null Quoten für Unfälle in den Minen etc. Präsident Putin ist ein Exzellenter Controller - ob Fussballstadien - Flughafen Rostov er ist vor Ort. Das Desinteresse von Angela Merkel beim Berliner Flughafen - undenkbar in Russland.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    So schlimm scheint die Unterdrückung der Bevölkerung in Russland nicht zu sein, dass sich da keiner traut was zu sagen.
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer (Koni)
      Wenn das Leben in Russland so schlecht wäre wie uns die westliche Propaganda immer weismachen will hätten wir sicher Hunderttausende Flüchtlinge aus Russland an unserer durchlässigen Grenze. Es gibt - für die westliche Propagandamaschinerie völlig unverständlich - Leute die zu Russland gehören möchten. Z.B. die Ostukrainer oder die Krimbewohner die sogar über eine Zugehörigkeit abgestimmt haben.
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Die Russen haben sich auch daran gewöhnt, zu politischen Fragen möglichst nichts zu sagen. Das kommt noch aus der Sowjetunion. Aber trotzdem, auch Heute ist man vorsichtigt einem Parteimitglied seine Meinung zu sagen. Aber der Russe ist auch eher sehr geduldig, wenn es ihm einigermassen gut geht, Ist das in Ordnung. Sie haben eine ganz andere Einstellung zum Leben und motzen nicht über alles wie im Westen. Putin wird es schon richtig machen hö rt man sehr oft.
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