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International Augenschein im Steuerparadies Delaware

Auf der Jagd nach amerikanischen Steuersündern kennen die USA kein Pardon. Doch wenn es um ausländische Steuergelder in den USA geht, sieht das alles etwas anders aus.

Es ist eine Sehenswürdigkeit, die in keinem Reiseführer steht. Und doch will sie Andrew Groff, der sich letztes Jahr für die Grüne Partei von Delaware erfolglos um einen US-Senatssitz beworben hatte, unbedingt zeigen: 1209 Orange Street in Wilmington, der grössten Stadt im zweitkleinsten US-Bundesstaat.

 1209 Orange Street in Wilmington.
Legende: Das Haus an der 1209 Orange Street in Wilmington: Hier sind Zehntausende Briefkastenfirmen registriert. zvg

An dieser Adresse haben fast 300'000 Firmen ihren Geschäftssitz. Keine aber hat ein eigenes Büro in Delaware. Denn hier reicht eine lokale Adresse für die Post, schreibt das Gesetz von Delaware vor. Besichtigen darf man das Gebäude von innen nicht. Andrew Groff lacht: Da gäbe es wohl auch nicht viel zu sehen.

Das Gebäude sei für ihn ein gutes Beispiel dafür, wie die internationale Finanzwelt heute funktioniere, erklärt der Grünen-Politiker: Grosskonzerne seien in der Lage, dank komplizierter Firmenkonstrukte steuerliche Unterschiede weltweit zu nutzen – so wie hier mit Briefkastenfirmen, die sich innert Stunden gründen lassen. Fast eine Million Firmen hat es in Delaware, mehr als Einwohner.

Banken aus aller Welt

In Wilmingtons Strassen sieht man viele schweigende Herren in Anzügen, in der Hand eine Mappe oder ein Rollkoffer. Banken aus aller Welt sind hier und viele Anwaltsbüros. Im zwölften Stock eines modernen Hochhauses befindet sich die Kanzlei von Scott Waxman.

Limited-Liability-Companies, sogenannte LLC-Firmen, sind für Waxman ein wichtiges Geschäft. LLC-Firmen sind beliebt, weil es für die Behörden schwierig ist herauszufinden, wer dahintersteckt. Ähnlich wie bei den Trusts in der Karibik. Viele Briefkastenfirmen sind LLC-Firmen. Waxman sagt, je nach Kunde und Auftrag benötige er unterschiedlich viele Informationen. Eine braucht Waxman allerdings nie: die beglaubigte Identität des Firmengründers.

Organisationen wie das Tax Justice Network oder die Geldwäscherei-Abteilung der OECD kritisieren dies. Sie fordern seit Jahren, Delaware müsse besser prüfen, wer hinter einer Firma stecke.

Steuer- und Strafverfolgungsbehörden im Ausland und selbst in den USA beklagen sich, sie hätten in den meisten Fällen Mühe, den wahren Eigentümer einer Firma zu eruieren. Die Konstrukte könnten deshalb für Geldwäscherei oder Steuerdelikte missbraucht werden.

Ausweispapiere für Firmengründung nicht nötig

Richard Geisenberger sieht das anders. Der stellvertretende Staatssekretär von Delaware verteidigt seinen Bundesstaat. Die Vorwürfe seien manchmal frustrierend: Delaware werde für etwas kritisiert, das in den übrigen 49 US-Bundestaaten ebenfalls gang und gäbe sei. Kein Bundesstaat verlange für die Firmengründung Ausweispapiere. Dieser Aufwand würde das Wirtschaftswachstum bremsen. Es gebe zudem Grenzen, was der Staat wissen müsse.

Auch die Bezeichnung Steueroase treffe auf Delaware nicht zu. Die Steuern des Staates seien zwar attraktiv. Aber dass reine Briefkastenfirmen in Delaware keinerlei Steuern bezahlten, sei durch das nationale Steuerrecht vorgegeben. Das gelte überall, nicht nur in Delaware, sagt der Mann mit der Hornbrille.

Diese Aussagen sind in der Tat korrekt. Trotzdem toppt Delaware alle anderen US-Bundesstaaten: Das Gesamtpaket aus einem besonders flexiblen Unternehmensrecht, einem wirtschaftsfreundlichen Gericht, tiefen Steuern und einem erfolgreichen Standortmarketing zieht Firmen reihenweise an. Das weiss auch der stellvertretende Staatssekretär Richard Geisenberger.

Delaware lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Es sei wie mit den Schweizer Uhren, erklärt er: Man könne auch andere Uhren kaufen, aber die in der Schweiz seien die besten. Und Firmen hätten es eben in Delaware am besten. Ein Wettbewerbsvorteil, den Delaware nicht freiwillig aufgeben will. Zu viel steht auf dem Spiel: Die Gebühren, die der Staat für Firmengründungen erhebt, machen einen Viertel der Gesamteinnahmen aus.

Die Obama-Regierung zeigt kein Interesse, Steuerschlupflöcher in den USA für Ausländer zu stopfen. Die Forderung aus Europa und von der OECD nach mehr Steuertransparenz wird zwar lauter. Doch in Delaware lässt man sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen.

Legende: Video Steuerparadies Delaware abspielen. Laufzeit 06:14 Minuten.
Aus ECO vom 07.06.2010.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Bettina Scheibner, Frankfurt am Main
    Bin 1/2 DE, 1/2 CH. In DE zu wenig über CH bekannt. Schätze Ihr Land sehr, gut organisiert + Bankwesen professionell. CH hat Stärken, die sich nicht verstecken müssen! In DE Wahlkampf, Themen gesucht. Bitte machen Sie sich als Schweizer Ihre Stärken klar und behalten Sie diese bei. Im DE z.Z. viel Unmut ggü EU wie Gründung der neuen Partei AFD zeigt., gerade aus dem Mittelstand. Der einzige deutsche Politiker, der m.E. Ihr Land versteht, ist Herr Schäuble (Finanzminister/Süddeutscher).
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  • Kommentar von Simon Schmid, Bern
    Es läuft hier genauso wie in allen anderen Angelegenheiten. Die "mächtigen Länder" tun was sie wollen, bürgen den kleineren hingegen Regeln und Vorschriften auf und (achtung jetzt kommt das Beste) argumentieren mit Gerechtigkeit und Moral. UNO und alle andern Abkommen erhalten meine Unterstützung, bis es mich betrifft.
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  • Kommentar von Rudi J Hardy, Coolangatta
    Endlich mal ein anderes Land wie die Schweiz! Habe da "Tax Havens" in den Google eingegeben und da gibts haufenweise Steueroasen die ueber die ganze Welt verstreut sind. Sogar unsere Nachbarn Neuseeland und Vanuatu sind erwaehnt. Warum denn immer ueber die Schweiz klagen? Sind wir ein masochistisches Laendchen geworden? Wenn ja, seid wann denn auch?
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