Zum Inhalt springen

UNHCR kritisiert Sperrzone Aus den Augen, aus dem Sinn?

«Menschen, die vor Verfolgung und Krieg flüchten, kann man nicht einfach stoppen», sagt der Sprecher des UNO-Flüchtlingskommissariats: Er fordert legale Fluchtwege für diejenigen, die wirklich Schutz brauchen.

Legende: Audio UNHCR-Sprecher William Spindler zur Situation in Libyen abspielen. Laufzeit 4:38 Minuten.
4:38 min, aus Rendez-vous vom 15.08.2017.
  • Seit einigen Tagen geht Libyen mit mehr Druck gegen Flüchtlinge und Hilfsschiffe vor.
  • Die libysche Küstenwache hat ihr eigenes Kontrollgebiet massiv ausgeweitet. So werden Flüchtlinge daran gehindert, übers Mittelmeer nach Italien zu gelangen.
  • Das UNO-Flüchtlingskommissariat nimmt gegenüber SRF News Stellung zur «Sperrzone Mittelmeer».

SRF News: Was halten Sie von der Ausweitung der Kontrollzone durch die libysche Küstenwache?

William Spindler: Wir erwarten eine Erklärung der libyschen Behörden, was diese «Search and Rescue»-Zone vor der Küste bedeutet. Wir wollen auch wissen, was die Zugangsbeschränkung zu dieser Zone für die Rettungsschiffe der Nichtregierungsorganisationen heisst.

Die NGOs verurteilen die Erweiterung dieser Such- und Rettungszone als Verstoss gegen internationales Recht. Stimmen Sie dem zu?

Es ist noch zu früh, um ein Urteil abzugeben. Es hängt sehr davon ab, was in dieser Zone genau passiert. Wie gesagt, wir erwarten Erklärungen von den libyschen Behörden.

Alle reden von den Gefahren auf dem Mittelmeer, dabei sterben viele bereits auf dem Weg nach Libyen durch die Wüste.

Haben Sie Verständnis dafür, dass Italien zufrieden damit ist, wenn weniger Flüchtlinge ins Land kommen?

Italien hat viele Flüchtlinge und Migranten aufgenommen. Das Land ist zum Eingangstor von Europa geworden. Italien braucht Hilfe von der EU, um mit der Situation umgehen zu können. Aber jene Menschen, die vor Verfolgung und Krieg flüchten, haben keine Wahl. Man kann sie nicht einfach stoppen. Diese Menschen werden andere Wege finden, um in Sicherheit zu kommen. Wir müssen ihnen dafür legale Wege anbieten können.

Von der EU kommen keine Signale. Was müsste sie machen?

Brüssel müsste dafür sorgen, dass Flüchtlinge auf sicheren Wegen legal nach Europa reisen können. Es braucht Programme, um Familien zusammenzuführen und anzusiedeln und sie bei ihrer Integration zu unterstützen. All diese Programme gibt es bereits, sie müssen bloss umgesetzt werden. Aber nochmals: Flüchtlinge sollen nicht mehr auf gefährlichen Routen reisen müssen, auf denen viele ihr Leben verlieren.

Flip Flops am Boden in der Wüste zwischen Libyen und Algerien.
Legende: Menschenhandel, Gewalt, Hitze: Der Weg durch die Wüste bis nach Libyen ist oft gefährlicher als die Fahrt übers Meer. Reuters

Wie kann man mit Libyen zusammenarbeiten – einem gescheiterten Staat?

Wir müssen in den Lagern in Libyen bessere Bedingungen schaffen, die Flüchtlinge werden dort richtiggehend gefangen gehalten. Es braucht Zentren, wo sich Flüchtlinge Hilfe und Beratung holen können. Auffallend ist, dass alle von den Gefahren auf dem Mittelmeer reden, dabei sterben viele bereits auf dem Weg nach Libyen durch die Wüste. Wir müssen auch diese Wege sicherer machen, respektive dafür sorgen, dass Menschen auch in den Transitländern ein anständiges Leben führen können und nicht diese gefährliche Reise auf sich nehmen.

Libyen ist kein sicheres Land, um Menschen dorthin zurück zu schicken.

Können die internationalen Hilfsorganisationen und die UNO den Flüchtlingen in Libyen konkrete Hilfe leisten.

Wir arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen in Libyen. Die Sicherheit ist nicht gewährleistet. Es gibt keine regelmässige internationale Präsenz dort. Wir arbeiten hauptsächlich mit libyschen Mitarbeitern. Manchmal ist es sogar für sie zu gefährlich und das bedeutet, dass sie ihr Haus nicht verlassen können und von dort aus zu arbeiten versuchen. Deshalb sagen wir, dass Libyen kein sicheres Land ist, um Menschen dorthin zurück zu schicken.

Flüchtlinge und Migranten liegen in einer Reihe an einer Mülltonne.
Legende: Endstation Libyen: Über Jahre leben Migranten und Flüchtlinge schutz- und rechtlos vor sich hin. Reuters/Archiv

Gleichzeitig versuchen wir aber, die Bedingungen dort zu verbessern. Wir versuchen dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge aus den Gefangenenlagern freigelassen werden. Die EU kann bei der Hilfe in Libyen eine wichtige Rolle spielen. Aber sie soll ihre Unterstützung darauf konzentrieren, dass die Menschen nicht in Libyen festgehalten werden und nicht weiterkommen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

19 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Um solche Lager von Flüchtlingen in Libyen zu vermeiden müssten die Flüchtlinge bereits vor der Grenze zu Libyen gestoppt werden. Keine Einreise mehr nach Libyen. Ausweisung in ihre Heimatländer. Dort sorgen für mehr Zukunftsperspektiven, Unterstützung für Ausbildung, Lehrbetriebe mit Gelder der EU fördern. Europa kann und darf nicht weiterhin X-Tausende aus Afrika aufnehmen. Hilfe ja, aber Vorort.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Fabienne Uhlmann (Cueni)
      "Dort sorgen für mehr Zukunftsperspektiven, oder Hilfe vor Ort, etc." gut und recht, ich kann es trotzdem bald nicht mehr hören: Afrika wird behandelt wie "ewig minderjährig, ein Leben lang am Rockzipfel der Eltern". Statt es selbständig erwachsen werden zu lassen, Verantwortung übernimmt statt delegiert, sich wehrt gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, die Ärmel hochkrempelt statt wegzulaufen, Toleranz gegen Andersgläubige, statt sich zu bekämpfen! Ich weiss: Geht nich von heute auf morgen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Es ist verlogen immer wieder"Hilfe vor Ort" zu fordern,wenn jeder weiss,dass "vor Ort" ein Kriegsgebiet oder von Terroristen tyrannisiertes Land ist wo keine Hilfe möglich.Es ist auch verlogen "Hilfe vor Ort" zu fordern und die entsprechenden Gelder laufend zu kürzen.Und es ist auch verlogen zu fordern dass "Afrika Verantwortung übernimmt" im Wissen,dass seit Jahrhunderten unsere Länder von der Ausbeutung der Bodenschätze,Bestechungsgelder auf Nummernkonten und dem Handel mit Waffen profitieren
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Fabienne Uhlmann (Cueni)
      Müller: bitte Kommentare richtig und genau lesen, bevor Sie kritisieren. Danke.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christophe Bühler ((Bühli))
    In Agadez, im Niger auf der Sahararoute verlassen pro Woche gut 200 Pickups mit je durchschnittlich 35 Migranten die Stadt Richtung Libyen. Jeder hat zwischen 4000 bis 5000 US-Dollar für die Reise an einen Schlepper bezahlt. Das UNHCR betreibt dort ein Beratungsbüro für Flüchtlinge. Da muss sich doch allen die Frage stellen, wieweit erfüllt William Spindler als Boss des UNHCR den Tatbestand der Beihilfe zu Menschen-schmuggel und versteckt sich dabei hinter der Immunität der UNO?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Menschlichkeit ist kein Verbrechen, sondern zentraler Inhalt unserer christlichen Traditionen. Einem Durstigen Wasser zu reichen ist nicht Fluchthilfe sondern Ueberlebenshilfe am Nächsten. Sie unterstellen die Beratung gehe darum wie man am besten nach Europa kommt. Es geht aber darum wie man nach Hause kommt, wo man Essen und Trinken findet etc. Die Werte des christlichen Abendlandes gehen nicht verloren wegen Muslimischen Zuwanderen, sondern weil die Einheimischen sie tagtäglich verraten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Um der tatsächlichen Flüchtlingen eine sichere Route zu gewähren, müsste man das ganze Asylverfahren zuerst nach Libyen verlagern, um die richtigen Kriegsflüchtlinge von den Wirtschaftsmigranten zu trennen. Davon reden wir, Bevölkerung schon seit Längerem. Bei der Umsetzung hapert es... Selber schuld.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Stimmt, gute Idee. Es gab mal das Botschaftsasyl. Auf Betreiben der SVP und anderer bürgerlicher Kreise wurde es abgeschafft und 2015 auch nicht wieder eingeführt, als die Folgen sichtbar wurden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Das Botschaftasyl haben aber lange vor den Schweizer sämtliche Länder in der EU abgeschafft. Auch als die Folgen 2015 sichtbar wurden, hat sie die EU nicht wieder eingeführt. Macrons Vorschlag über Hotspots in Libyen, war ja zwischen ihm & Merkel diese Tage Thema. Dort könnten dann eben echte Flüchtlinge & Migranten ermittelt & Migranten mit finanzieller "Starthilfe" in ihre Heimatländer zurgeschickt werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen