Aus Protest: Hilfswerke reduzieren Arbeit in Flüchtlingslagern

Die Situation für die Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern verstösst gegen die Grundsätze des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Aufnahmelager seien de facto zu Internierungslagern geworden. Aus Protest schränken gleich mehrere Hilfswerke ihre Arbeit deshalb in den «Hotspots» ein.

Mehrere Flüchtlinge im Lager in Moria, darunter ein Vater mit seinem kleinen Jungen.

Bildlegende: Eingesperrt wie in einer Haftanstalt – die Kritik der Hilfsorganisationen an den «Hotspots»-Lagern wiegt schwer. Reuters

Aus Protest gegen den EU-Türkei-Pakt hat das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) gewisse Aktivitäten in mehreren Lagern in Griechenland suspendiert. Die als «Hotspots» bezeichneten Aufnahmelager sind laut UNHCR nach dem Deal mit der Türkei de facto in Internierungslager umgewandelt worden.

«Den Menschen wird nicht mehr erlaubt, die Lager zu verlassen, sie sind eingesperrt», sagte eine UNHCR-Sprecherin in Genf vor den Medien. «Das verstösst gegen Grundsätze des UNHCR.»

Die UNO-Organisation habe auch ihre Hilfe beim Transport von Flüchtlingen eingestellt, die zu den Lagern gebracht werden. Indirekt unterstütze man weiterhin die medizinische Versorgung. UNHCR-Mitarbeiter würden zudem vor Ort kontrollieren, ob Griechenland die Rechte von Asylbewerbern respektiert.

Ärzte ohne Grenzen stellen Arbeit ein

Im Auffanglager Moria auf Lesbos sollen Flüchtlinge bis zu den geplanten Rückführungen in die Türkei festgehalten werden. Die EU und die Türkei haben vereinbart, dass alle ab dem 20. März in Griechenland ankommenden Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt werden.

«  Frauen, Kinder, ganze Familien dürfen dort nun nicht mal mehr ihre Baracken verlassen. Wenn das keine Haftanstalt ist, was ist es dann? »

MSF-Sprecher

Zuvor müssen diese registriert und ihre Asylanträge aufgenommen werden. Griechenland fehlt dafür aber auf den Inseln Infrastruktur und Personal, kritisiert das UNHCR. Die Rückführungen sollen planmässig am 4. April starten. Das UNHCR erwartet, dass viele Flüchtlinge wegen der Blockade neue Wege nach Europa suchen werden.

Ein Kleinkind vor einer Wand mit der Aufschrift «Freedom of movement»

Bildlegende: Die Freiheit sich zu bewegen – in gewissen griechischen Aufnahmelagern nicht erlaubt. Keystone

Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) wird ihre Arbeit im Lager Moria vorerst einstellen, wie sie mitteilte. «Frauen, Kinder, ganze Familien dürfen dort nun nicht mal mehr ihre Baracken verlassen. Wenn das keine Haftanstalt ist, was ist es dann?», sagte ein Sprecher der Organisation zur Begründung der Entscheidung. Bisher hatten die Teams von Ärzte ohne Grenzen in dem Auffanglager die hygienische und medizinische Versorgung übernommen

Was geschieht mit den Flüchtlingskindern?

Derweil kritisierte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), dass es im EU-Türkei-Flüchtlingspakt keine Aussagen zum Umgang mit Minderjährigen gebe.

Auf der Fluchtroute nach Griechenland seien auch unbegleitete Kinder unterwegs, die versuchten, zu ihren Eltern zu gelangen, erklärte eine UNICEF-Sprecherin. Es könne nicht angehen, dass sie allein in die Türkei zurückgebracht werden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Neues Flüchtlings-Regime seit Mitternacht in Kraft

    Aus Tagesschau vom 20.3.2016

    Seit Mitternacht ist der Flüchtlings-Pakt zwischen der EU und der Türkei in Kraft – ab jetzt werden illegal von der Türkei eingereiste Flüchtlinge zurück in die Türkei abgeschoben. Die Flüchtlinge selbst schreckt das bislang nicht ab – zu Hunderten setzen sie weiterhin nach Griechenland über.

  • Heftig diskutierter Türkei-Deal in Brüssel

    Aus Tagesschau vom 18.3.2016

    Die Staatschefs der EU haben eine gemeinsame Position für das Abkommen mit der Türkei vereinbart. Nun haben die komplizierten Verhandlungen mit der türkischen Regierung begonnen. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck in Brüssel.