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International Bald 1.80 Franken Lohn pro Tag?

Die Proteste in Bangladesch scheinen zu fruchten: Die Fabrikbesitzer bieten eine Erhöhung des Mindestlohns an. Doch auch mit dem neuen Lohn wird eine Textilarbeiterin kaum leben können. Die Gewerkschaften fordern denn auch eine viel stärkere Erhöhung.

Textilarbeiterin in Bangladesch.
Legende: Textilarbeiterin in Bangladesch. Keystone

Die Textilarbeiterinnen und -arbeiter in Bangladesch sollen mehr Lohn erhalten. Die Arbeitgeber stellten eine Anhebung des Mindestlohns um 50 bis 80 Prozent auf umgerechnet rund 1.80 Franken pro Tag (oder rund 60 Franken pro Monat) in Aussicht. Um die dadurch entstehenden Kosten zu decken, wollen sie internationale Modefirmen und Bekleidungsmarken zur Kasse bitten: Diese sollen den Plänen zufolge 15 Prozent der Erhöhung finanzieren.

Regierung entscheidet Anfang November

Das weltweit zweitgrösste Exportland für Textilien hofft damit auch den internationalen Druck zu mildern, seine Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das Angebot der Arbeitgeber wird nun der Regierung vorgelegt. Diese soll Anfang November den neuen Mindestlohn definitiv festlegen.

Die Ankündigung der Fabrikbesitzer ist ein Hoffnungsschimmer für die Arbeiter. Sie erfolgt nach monatelangen Protesten und unter grossem, internationalem Druck. Denn nach dem verheerenden Einsturz eines Fabrikgebäudes im vergangenen April, bei dem mehr als 1130 Arbeiterinnen ums Leben gekommen sind, hatten sich alle Augen auf Bangladesch gerichtet. Die Regierung konnte die Forderungen der Beschäftigten nicht mehr länger ignorieren.

Nur ein erster, kleiner Schritt

Doch Grund zum Jubeln haben die Fabrikarbeiter, unter ihnen viele Frauen, trotz der erwarteten Erhöhung des Mindestlohns nicht. Denn bei einer Inflation von neun Prozent war eine Lohnanpassung längst überfällig. Zudem bleiben Bangladeschs Textilarbeiter mit dem neuen Lohn die weltweit am schlechtesten bezahlten Angestellten in der Kleiderindustrie: Sie werden immer noch weniger verdienen als die Textilarbeiter in Vietnam, Kambodscha oder China.

Bloss als «ersten Schritt in eine gute Richtung» bezeichnet denn auch Christa Luginbühl von der Erklärung von Bern (EvB) das Angebot der Fabrikbesitzer in Bangladesch. Denn auch 60 Franken pro Monat wären «meilenweit entfernt von einem Existenzlohn», sagt Luginbühl gegenüber SRF.

Lippenbekenntnisse der Modehäuser im Westen

Vorwürfe macht Luginbühl den grossen Modehäusern im Westen: Diese würden zwar vordergründig Lohnerhöhungen unterstützen, in der Realität seien dies aber kaum mehr als Lippenbekenntnisse. So habe etwa H&M nach den letzten Protesten angeregt, den Angestellten die Teuerung jedes Jahr auszugleichen. Angesichts der extrem tiefen Löhne in dem Land ist das für Luginbühl noch weniger als ein Lippenbekenntnis: «Da bewegen wir uns im Promille-Bereich.»

Unklar bleibt, wie die Gewerkschaften in Bangladesch auf das Angebot der Fabrikbesitzer reagieren werden: Sie fordern nämlich eine weit stärkere Erhöhung des Mindestlohnes auf rund 3.50 Franken pro Tag (gut 90 Franken pro Monat).

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Gemäss aktueller Medien-Meldung scheinen die Schweizer|innen mit Abstand am meisten Klamotten zu kaufen, und wenn ich z.B. durch's alte Shoppi Spreiti spaziere, begegne ich bald nur noch Klamotten-Shops. Jeden Tag etwas Neues, ist doch die Devise. Dass aber die genaugleichen Leute auch immer GreenPeace schreien, Human Rights proklamieren, und Flüchtlinge bedauern, die doch nur irgendwo überleben wollen, stimmt mich mehr als nur nachdenklich. Es ist Schizophenie in Reinkultur, was 'gelebt' wird.
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Das ist keine Schizophenie, das ist der Kapitalismus. Wenn keine Bedürfnisse vorhanden sind dann werden eben Bedürfnisse fabriziert. Meistens sind es eben nicht die genau gleichen Leute, die sich für eine bessere und gerechtere Welt einsetzen.
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    2. Antwort von Ernst Jacob, Moeriken
      Die Nachfrage regelt das Angebot, Herr Planta, so funktioniert der Kapitalismus. Ein gutes Beispiel ist der Autobahn-Fressbalken in Würenlos Sonntags, endlose Heerscharen gelangweilter Chick's wühlen sich durch Fashion-Sortimente, irgendwas gibt's immer, das passt und nicht viel kostet. Bedürfnisse gibt's immer, auch wenn man bei der Hinfahrt zur Ladenstrasse noch nicht weiss, was man vielleicht will. Ungerecht ist es eigentlich nicht, irgendwer verdient ja immer daran, wenn Andere konsumieren.
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    3. Antwort von Albert Planta, Chur
      Längst nicht alle Leute sind so wie sie es uns weismachen wollen. Es gibt immer noch eine Menge Leute die nach dem Motto "mehr sein als scheinen" leben und ihr Geld langfristig anlegen. Überdurchschnittlich viele von denen unterstützen Umweltprojekte und setzen sich für bessere Bedingungen in Drittweltländer ein.
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  • Kommentar von M. Tisserand, Schweiz
    Arm sein, bedeutet nicht, dass man sich auch Arm fühlen muss - und man sollte nicht immer mit dem westlichen Standard vergleichen...so toll ist das ja auch wieder nicht! Es gibt genügend reiche Inder, die sich einmal im eigenen Land um ihre Armen kümmern könnten - tun aber die Meisten nicht! Es gibt auf dieser Welt verschiedene "Wirklichkeiten"! Meine bedeutet: Keine Arbeit in der Reichen Schweiz - und auch keine Unterstützung durch den Staat! Wenn kümmerts?
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    1. Antwort von Marie-Luise Reck, Turbenthal
      Da gebe ich ihnen recht das natürlich in erster Linie die eigene Regierung dazu verpflichtet ist zu schauen das es den eigenen Leuten gut geht. Aber es leider ist noch zuviel altes Herrscherdenken vorhanden und darum wird sich wahrscheindlich in nächster Zeit auch nicht viel verändern. Darum kann man ihnen zeigen wie man es machen könnte aber eben nicht mit dem eigenen bestreben Milliardär zu werden.
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  • Kommentar von Marie-Luise Reck, Turbenthal
    Was das Problem ist in Indien oder China sie haben genug Arme die für noch für weniger Arbeiten Hauptsache sie haben eine Arbeit und jeden werden wieder Menschen anstehen für unterbezahlte Arbeit , solange man in Europa Oder auch der Schweiz ein T-Shirt für 5.- oder eine Jeans 10.- zahlt da muss man wahr kein Hellseher sein was da noch ankommt. Bedenklicher finde ich die Herstellung der teueren Kleider bei denen sollte endlich das Kapitalistische Denken ein mal inne halten.
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