Bald gibt's auch in Paris ein Fixerstübli

Fast 30 Jahre nach der Schweiz soll es künftig auch in Frankreich möglich sein, in einigen Städten Fixerstübli einzurichten. Dort können Drogenabhängige legal Heroin konsumieren. Bald startet in Paris ein erstes Pilotprojekt. Die Initianten liessen sich vom Schweizer Modell inspirieren.

Symbolbild: jemand gibt einer anderen Person drei verpackte Spritzen über eine Theke.

Bildlegende: Spritzenabgabe in einem Schweizer Fixerstübli: Auch Frankreich soll nun ähnliche Einrichtungen erhalten. Keystone Archiv

In einem unscheinbaren Pariser Haus hinter der Place de la République betreibt der Verein Gaia eine Anlaufstelle für Drogenabhängige. Mehrere hundert Personen gehen hier täglich ein und aus. Sie tauschen ihre gebrauchten Spritzen gegen neue, saubere ein.

Nur wenige nutzen Methadon-Programm

Gaia sei jeden Tag auch mit zwei Kleinbussen in der Stadt unterwegs und verteile Spritzen, erzählt der medizinische Leiter, Thomas Dusouchet. «Wir sind da, wo die offene Drogenszene ist. Wir verteilen Spritzen und versuchen, die Drogenabhängigen medizinisch zu versorgen.» Man versuche auch, sie zum Eintritt in ein Drogenabgabe-Programm zu bewegen.

Seit rund zehn Jahren kennt auch Frankreich die Möglichkeit, Schwerstabhängigen Methadon als Heroinersatz zu verschreiben. Aber nur eine kleine Zahl Drogenabhängiger nimmt an solchen Programmen teil. Laut Dusouchet liegt der Hauptgrund darin, dass viele Süchtige sozial immer mehr verwahrlosen und alle Kontakte zu ihrem Umfeld abbrechen.

Die Mitarbeiter von Gaia seien häufig der einzige Kontakt der Süchtigen ausserhalb der Drogenszene. «Die Mehrheit der Menschen, die zu uns kommen, lebt auf der Strasse in sehr prekären Verhältnissen», sagt Dusouchet.

Tausende Abhängige – allein in Paris

Wie viele Drogensüchtige es in Paris gibt, weiss niemand genau. Gaia selber betreut regelmässig rund 3000 Personen – und das allein im Nordosten der Stadt. «Das grösste Fixerstübli Frankreichs sind darum wohl die Toiletten rund um den Gare du Nord», stellt Dusouchet lakonisch fest.

Seit Jahren kämpft Gaia deshalb dafür, ein Fixerstübli einrichten zu können. Denn dort könnten Süchtige ihre Drogen legal konsumieren, ausserdem könnten sie medizinisch und psychologisch betreut werden. Ein solcher Ort eröffne den Mitarbeitern von Gaia die Chance, mit den Drogenabhängigen regelmässig in Kontakt zu bleiben, sagt der Arzt.

Bei den Politikern habe es viel Überzeugungsarbeit gebraucht um einzusehen, dass eine solche Struktur fehle und dass endlich die gesetzlichen Grundlagen hierfür geschaffen werden müssten. «Die französische Drogenpolitik ist immer noch auf das Ideal einer drogenfreien Gesellschaft ausgerichtet», stellt Dusouchet fest.

Wenn Organisationen wie Gaia eine Spritzenabgabe, ein Methadonprogramm oder nun ein Fixerstübli vorschlügen, würde dies häufig so interpretiert, dass man nicht mehr an einen Ausstieg der Süchtigen glaube.

Vorbild Schweiz

Nicht zuletzt haben Vertreter aus der Westschweiz und aus Bern zum Umdenken in Paris beigetragen. Sie hätten bei Behörden und Anwohnern im Quartier wichtige Überzeugungsarbeit geleistet, sagt der Leiter von Gaia.

Allen voran erwähnt Dusouchet die Kollegen von Quai9 aus Genf. Man setze in Paris nun auf die gleichen Methoden, was die Zusammenarbeit erleichtere. «Die Leiterin von Quai9 zeigte auf, wie das Fixerstübli in Genf funktioniert. Auch der Chef der Genfer Polizei war hier. Das hat viele besorgte Anwohner beruhigen können.»

In einem halben Jahr will Gaia das Fixerstübli in Paris eröffnen. Die Kollegen aus der Schweiz haben sich zur Einweihung bereits angemeldet.

Debatte um Fixerstübli

Der französische Senat berät ein neues Gesundheitsgesetz, das erstmals vorsieht, dass Heroinsüchtige in einem geschützten Rahmen ihren Stoff konsumieren können. Dazu sollen Räume eingerichtet werden, in denen saubere Spritzen abgegeben werden.

Pragmatsicher Umgang gefragt

Pragmatsicher Umgang gefragt

Frank Zobel stand Frankreich mit den Schweizer Fixerstübli-Erfahrungen als Beirat der französischen Beobachtungsstelle für Drogenfragen zur Seite. Im Gespräch erklärt der Vizedirektor von Sucht Schweiz, warum Frankreich das Schweizer Modell erst nach Jahrzehnten übernimmt und wie es hierzulande um die Drogenpolitik steht.