Bedrängter «Islamischer Staat» startet rhetorische Gegenoffensive

Über Monate reihte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) militärische Erfolge aneinander. Nun sieht sie sich mit einer schlagkräftigen internationalen Allianz konfrontiert. Die Reaktion: Die Dschihadisten wollen den Kampf zum Gegner tragen.

IS-Kämpfer paradieren auf einem Wagen der irakischen Sicherheitskräfte

Bildlegende: Die breit angelegten Attacken der internationalen Koalition brachten den IS vielerorts in die Defensive. Keystone

Scheinbar mühelos eroberte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs ganze Landstriche. Auf dem Höhepunkt ihres Vormarsches rief der IS eigenmächtig ein Kalifat auf syrischem und irakischem Territorium aus. Mit der Vertreibung religiöser Minderheiten verbreitete er Angst und Schrecken und erreichte ein internationales «Publikum».

Bis sich dem IS eine internationale Koalition entgegen stellte. Zahlreiche westliche und arabische Staaten haben sich seit Anfang August der US-geführten Koalition gegen die Dschihadisten-Gruppe angeschlossen. Seither sieht sie sich verlustreichen Angriffen aus der Luft und zu Boden ausgesetzt.

Rhetorischer Gegenschlag der IS

Nun holte die Terrormiliz zum rhetorischen Gegenschlag aus: Der Sprecher der Dschihadisten, Abu Mohammed al-Adnani, rief zur Tötung der Bürger aller Staaten auf, die sich der internationalen Koalition gegen die Organisation angeschlossen haben. Anhänger und Unterstützer des IS sollten «ungläubige Amerikaner oder Europäer - vor allem die boshaften und dreckigen Franzosen» töten, verkündete Adnani in einer Botschaft in Arabisch. Übersetzungen auf Französisch, Englisch und Hebräisch folgten.

Nach der US-Luftwaffe hatten kürzlich auch Kampfflugzeuge Frankreichs erstmals Angriffe gegen IS-Stellungen im Norden Iraks geflogen. Er nannte auch Australier oder Kanadier als Ziele sowie alle «Bürger jener Länder, die sich der Koalition gegen den Islamischen Staat angeschlossen haben».

Aufruf an Einzeltäter im Westen

Die Erklärung des IS richtete sich offenbar gezielt an Einzeltäter und schien weniger zu Anschlägen mit hohem Organisationsgrad als zu einzelnen Morden aufzurufen. In westlichen Staaten wächst seit Monaten die Sorge, dass in Syrien und dem Irak radikalisierte Dschihadisten aus Europa, Nordamerika oder Australien bei der Rückkehr in ihre Heimatländer Anschläge verüben.

Das Beispiel des Syrien-Rückkehrers, der Ende Mai bei einem Anschlag im Jüdischen Museum von Brüssel vier Menschen ermordete, wird hier als Warnung angeführt.

Dschihadisten-Netzwerk auf dem Sinai?

Zudem rief der IS auch zu Anschlägen gegen Sicherheitskräfte auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel auf. Ägypten erlebt seit dem Sturz des demokratisch gewählten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi im vergangenen Jahr eine Welle der Gewalt gegen Sicherheitskräfte: «Spickt die Strassen mit Sprengstoff. Greift ihre Stützpunkte an. Überfallt ihre Häuser. Schneidet ihnen die Köpfe ab, lasst sie sich nicht in Sicherheit wiegen», so die martialische Botschaft der IS.

Ein Mitglied der Extremisten-Organisation Ansar Baital-Makdi sagte der Nachrichtenagentur Reuters, der IS habe sie mit Anleitungen versorgt, wie sie wirksamer agieren könnten. Auf das Konto der Gruppe gehen Hunderte getötete Sicherheitskräfte während des vergangen Jahres.

Stösst Russland zur Allianz?

Wladimir Putin erwägt offiziellen Angaben zufolge, sich an einer internationalen Bekämpfung der Extremistenmiliz IS zu beteiligen. Putin habe mit seinem Sicherheitsrat, einem Gremium ranghoher Politiker, beraten, wie eine Zusammenarbeit mit anderen Staaten aussehen könnte. Dies sagte ein Sprecher des Präsidialamtes der Nachrichtenagentur Interfax.