«Bei Afroamerikanern denkt man nicht an Unternehmer»

Den Schwarzen ginge es wirtschaftlich deutlich besser, wenn sie mehr Geschäfte unter sich abschliessen würden, ist Maggie Anderson überzeugt. Das brächte Arbeitsplätze und Wohlstand in die Schwarzenquartiere zurück. Ein Treffen mit der umtriebigen Frau, die sich nicht vor Selbstversuchen scheut.

Maggie Anderson steuert ihr grosses schwarzes Auto durch Chicagos Westside. Sie zeigt auf ein Geschäft: «Das da ärgert mich kolossal. Ein Alkoholladen. Hier gibt’s einige davon. Sie sind ein Fluch!» Dass Afroamerikaner ihre Lebensmittel in einem Alkoholladen kaufen müssten, sei haarsträubend, sagt sie. Die Westside ist eine trostlose Gegend. Viele Häuser sind verlassen, Fenster und Türen vernagelt.

Geschäfte gibt es praktisch keine. Man sieht nur wenige Menschen unterwegs. Ich soll nicht aussteigen – zu gefährlich, sagt sie. «Die meisten Menschen hier bekommen staatliche Unterstützung, um Lebensmittel zu kaufen. Die Alkoholläden führen Chips, Salami und Erdnüsse. So gelten diese vom Gesetz her als Lebensmittelgeschäfte.» Die Alkoholläden tragen dazu bei, dass sich viele Bewohner des Quartiers ungesund und schlecht ernähren.

Das Geld wird woanders ausgegeben

Sie stehen aber auch für ein Phänomen, das die Ökonomen als «wirtschaftlichen Sickereffekt» bezeichnen. Die meisten dieser Läden gehören Weissen oder Hispanics, die nicht hier wohnen – der Gewinn fliesst anderswo hin. Investitionen bleiben aus. Und wer ein Auto oder Geld für den Bus hat, kauft nicht hier ein, sondern fährt zu einem Supermarkt, der frisches Gemüse und Salat im Angebot hat, und gibt sein Geld dort aus. Der Effekt: Das Geld ist weg, dem Quartier bleibt nichts.

Genau das möchte Anderson ändern. Die schwarzen Konsumenten sollen ihr Geld hier ausgeben, in eigenen Geschäften, eigenen Restaurants, die Leuten gehören, die hier etwas aufbauen und Jobs anbieten wollen, und so etwas mehr Wohlstand schaffen können.

Versuch: Von Schwarzen, für Schwarze

Das Chicken-and-Waffles-Restaurant ist stilvoll eingerichtet, ein Dutzend Gäste sitzt an den Tischen, leise Musik im Hintergrund. Hier gibt es Southern Cuisine: Catfish, Würste, Poulet und Waffeln. Anderson mag den Ort, nicht nur, weil das Lokal einem Afroamerikaner gehört. Sie erzählt von ihrem Selbstversuch.

Sie und ihr Mann John, der in der Finanzbranche arbeitet, gaben im Jahr 2008 ihr ganzes Geld nur in Läden und bei Firmen aus, die wie dieses Restaurant in schwarzer Hand sind. «Wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns da eingelassen hatten», erinnert sie sich. «Die Idee entstand spontan, als wir in einem teuren Restaurant assen und uns fragten, was wir tun könnten, damit es anderen Afroamerikanern wirtschaftlich auch besser geht.»

«  In den ganzen USA sind heute nur neun Lebensmittelläden in schwarzem Besitz. »

Sie habe ihre Stelle gekündigt und sich voll dem Projekt gewidmet. «Ich musste viel recherchieren. Es war sehr schwierig, Banken, Tankstellen und chemische Reinigungen zu finden, die Afroamerikanern gehören.» Am schwierigsten sei der Supermarkt gewesen. «In den ganzen USA sind heute nur neun Lebensmittelläden in schwarzem Besitz. Auf der Südseite von Chicago machte soeben der letzte zu.»

Andere Bevölkerungsgruppen solidarischer

Mit Rassismus habe das Experiment nichts zu tun, sagt Anderson. Sie hört diesen Vorwurf oft, vor allem von Weissen. Es gehe um Gerechtigkeit: Die Kaufkraft der Afroamerikaner betrage 1,3 Billionen Dollar pro Jahr, aber nur ein winziger Bruchteil davon bleibe in der eigenen Bevölkerungsgruppe. Bei anderen Minderheiten – den Asian Americans, den Hispanics, selbst kleineren ethnischen Minderheiten – sei die Solidarität untereinander grösser. Sie schlössen viel öfter Geschäfte unter sich ab.

Maggie und John machten auf ihr Projekt in den lokalen Medien aufmerksam. Sie erzählten ihren Freunden und Arbeitskollegen und jedem, den sie trafen, davon. Sie hofften, dass möglichst viele dem Beispiel folgten. Weit gefehlt: «Wir waren wirklich enttäuscht. Vor allem auch über die lustlose Reaktion vieler Afroamerikaner.»

Landesweit zu wenig schwarze Arbeitgeber

Klar, sie hätten etwas mehr Aufwand gehabt, hätten längere Einkaufswege in Kauf nehmen müssen, sagt sie. «Doch im Vergleich zu den Opfern der einstigen Bürgerrechtsbewegung wäre das doch ein Klacks gewesen. Wir wollten eine neue Bewegung starten. Hilfe für uns selber. Mit den Kräften des Marktes, ohne Staat.» Aber nur wenige zogen mit. Anderson kann sich bis heute nicht erklären, warum.

Die Fahrt geht weiter nach Oak Park, in einen wohlhabenden Vorort von Chicago mit grünem Rasen und schönen Einfamilienhäusern. Anderson, die drei Uniabschlüsse hat, wohnt hier mit ihrem Mann und den zwei Töchtern – eine völlig andere Welt. «Wenn man an Afroamerikaner denkt, denkt man an Konsumenten, nicht an Unternehmer. An Leute, die eine Stelle brauchen, nicht an die, die Stellen schaffen.»

Das habe einen direkten Zusammenhang mit den wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die die Bevölkerung in den USA habe und unter denen die Afroamerikaner am meisten leiden würden, so Anderson. «Es mangelt in diesem Land an schwarzen Unternehmern und an schwarzen Unternehmen.»

Vier Fastfood-Restaurants in schwarzer Hand

Sie hat eine Stiftung gegründet, ein Buch geschrieben, und sie hält Vorträge im ganzen Land. Viele finden ihre Idee gut, doch etwas ändern am Einkaufverhalten wollen sie dennoch nicht. Die zierliche Frau mit der grossen Energie plant jetzt ein Internetverzeichnis, in dem Firmen und Geschäfte aufgeführt sind, die Schwarzen gehören. Eine Hilfe für jene, die es sich noch anders überlegen.

Statt nach Hause zu fahren, wendet Anderson und fährt zurück ins notleidende Quartier – zu einem McDonald’s Hamburger-Restaurant. Der Besitzer ist Ron Loften, ein Bär von einem Mann. Dem Afroamerikaner gehören noch drei weitere McDonald’s-Filialen. Loften setzt seit Jahren um, was Anderson fordert.

«Wichtig sind die Arbeitsplätze. Sie geben den Menschen einen Sinn im Leben. In diesem Lokal arbeiten 65 Leute. Wer eine Arbeit hat, zahlt auch Steuern und hilft so die Infrastruktur zu finanzieren.» Und obwohl ihr Experiment schon lange vorbei ist, kauft Anderson an der Kasse zwei Geschenkkarten für McDonald’s-Produkte. Sie beschert Ron und seinem Team damit ein paar zusätzliche Dollar Einnahmen.

So schnell gibt sie ihren Kampf nicht auf.

Gemeinsamer Nenner gesucht!

Im US-Wahlkampf driften die Kandidaten, aber auch das Land und die Gesellschaft stark auseinander. Unter dem Titel «Divided We Stand» porträtiert das «Echo der Zeit» sechs Amerikaner, die für diese Polarisierung stehen. Alle setzen sich mit Herzblut für ihr Land ein, haben aber völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie die USA aussehen sollen.