Zum Inhalt springen
Inhalt

Krise in Griechenland «Beim Mittelstand gab es noch etwas zu holen»

Legende: Audio «Die Rente meiner Grosseltern wurde schon drei Mal gekürzt» abspielen. Laufzeit 07:18 Minuten.
07:18 min, aus Rendez-vous vom 20.02.2017.

SRF News: In Griechenland geht es mittlerweile auch dem Mittelstand deutlich schlechter. Woran liegt das?

Rodothea Seralidou: Der Mittelstand war in den letzten Jahren derjenige, bei dem noch etwas zu holen war. Also hat ihn die Regierung stärker ins Visier genommen: Die Selbstständigen – Rechtsanwälte, Ingenieure, Apotheker – aber auch die Beamten. Sie hat die Gehälter und die Renten stark gekürzt. Gleichzeitig stiegen die Steuern und Sozialabgaben enorm an.

Wie stark ist die Belastung denn?

Als Beispiel: Die Einkommensteuertabelle bei Selbstständigen fängt bei 26 Prozent des Einkommens an, auch wenn jemand nur 500 oder 600 Euro im Monat verdient. Für die Rente und Krankenkasse müssen weitere 40 Prozent des Einkommens bezahlt werden. Unter dem Strich bleibt also wirklich nicht viel zum Überleben übrig.

Wie stark werden denn die Reichen und Reichsten in Griechenland besteuert?

Der aktuelle Spitzensteuersatz liegt bei 45 Prozent des Nettogewinns. Wer nur schon 40'000 Euro im Jahr verdient, muss fast die Hälfte seiner Nettoeinnahmen dem Staat geben. Das eigentliche Problem ist aber, dass keine Regierung an die wirklich Reichen rankommt – oder nur sehr schwer. Die meisten Superreichen haben ihre Schäfchen bereits ins Trockene gebracht. Sie haben ihren Firmensitz ins Ausland verlegt und auch ihr Geld dorthin gebracht. Zum Beispiel ins Nachbarland Bulgarien, wo sie nur einen Steuersatz von 10 Prozent bezahlen. Der griechische Staat geht in diesem Fall komplett leer aus.

Die EU-Finanzminister diskutieren heute, ob Griechenland die nächste Tranche an Hilfsgeldern bekommen soll. Gleichzeitig betont Ministerpräsident Tsipras er wolle und könne nicht noch mehr sparen. Hat er überhaupt eine Wahl?

Theoretisch ist alles Verhandlungssache. In der Praxis ist es aber sehr schwer für ihn, neue Sparmassnahmen zu umgehen. Vor allem, weil der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble eine harte Linie fährt und auch andere Länder auf weitere Sparmassnahmen bestehen. Deshalb geht man in Griechenland davon aus, dass Tsipras schliesslich neuen Sparmassnahmen zustimmen werden muss. Oder – und auch das gilt als mögliches Szenario – er wirft schon bald das Handtuch und löst so vorgezogene Neuwahlen aus.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Da viele Reiche und Superreiche auch in der Politik tätig sind, wird gegen Steuerflüchtlinge auch nicht wirklich was unternommen. Lieber schröpft man die welche eh schon wenig bis nichts haben komplett leer. So ein Verhalten ist aber langfristig das Ende eines Staates und dient eigentlich nur dazu, den Reichen noch mehr Zeit zu geben um ihr Geld woanders zu verstecken. Dieses Verhalten beschränkt sich nicht nur auf Griechenland, Europa und die Schweiz zeigen ähnliche Tendenzen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ivo Muri (Ivo Muri)
    Danke Frau Seralidou. Seit Jahren wissen wir, dass man den EURO nicht retten kann. Da wird eine Bevölkerung in die Armut getrieben, statt dass man die für de EURO Verantwortlichen entmachtet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Zum Thema Superreiche: Ist Bulgarien nicht auch ein EU- Land? Jetzt müssten doch die Massnahmen gegen Steuerflucht greifen die so vielgepriesen und heiss diskutiert wurden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Zur Steuerflucht erschien kürzlich ein interessanter Denkanstoss: https://www.welt.de/wirtschaft/article162093851/Darum-brauchen-wir-eine-voellig-neue-Steuerpolitik.html Der Anteil der Steuern die die Unternehmen in der Schweiz bezahlen, betragen 12% vom Steueraufkommen bei den direkten Steuern. 68 % der Unternehmen bezahlen keine Gewinnsteuer, nur eine Kapitalsteuer. Eine globale Lösung ist durchaus möglich, es fehlt allein der politische Wille.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen