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Besuch in der Heimat «Malala hat in Pakistan zu viele Feinde»

Der Besuch der Friedensnobelpreisträgerin ist nur unter aufwändiger Bewachung möglich. Wieso das so ist, erklärt Pakistan-Kennerin Britta Petersen.

Legende: Audio Britta Petersen: «Malalas Einfluss ist grösser, wenn sie im Ausland lebt» abspielen. Laufzeit 6:38 Minuten.
6:38 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.03.2018.

Sechs Jahre nachdem sie in Pakistan angeschossen wurde, ist die Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai erstmals wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt.

Ob der Besuch der Friedensnobelpreisträgerin den Pakistani viel bringen wird, bezweifelt die Pakistan-Kennerin Britta Petersen. Malala könne im Ausland wohl mehr bewirken, glaubt die Journalistin.

SRF News: Wie beliebt ist Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai in ihrer Heimat Pakistan?

Britta Petersen: Es gibt Teile der pakistanischen Zivilgesellschaft, die Malala unterstützen. Allerdings hat im aktuellen Diskurs die andere Seite die Oberhand. Islamistische Kräfte versuchen seit Jahren, Malala zu ruinieren – etwa, indem sie Gerüchte über sie streuen. Sie sei eine Verräterin, weil sie ein schlechtes Image von Pakistan befördere und im Westen schlecht von Pakistan rede, behaupten sie. Das ist eine traurige Situation.

Islamisten versuchen seit Jahren, Malala zu ruinieren – etwa, indem sie Gerüchte über sie streuen.

Warum finden solche Schmierenkampagnen in Pakistan überhaupt Anklang?

Die junge Generation ist nun schon viele Jahre lang islamistischer Propaganda ausgesetzt. Deshalb sympathisieren inzwischen viele mit den Kreisen, die solche Lügen verbreiten. Sie sind sehr stark in den Sozialen Medien engagiert, entsprechend gross ist die Resonanz ihrer Kampagnen. Zudem fühlen sich selbst unter den Nicht-Islamisten viele Pakistani in der Defensive, weil eigentlich niemand will, dass das eigene Land ein schlechtes Image hat. Sicher spielt dabei auch Neid eine Rolle – Malala lebte einige Jahre in den USA, brachte ein Buch heraus und verdiente damit viel Geld.

Malala.
Legende: Ausserhalb Pakistans ist die Friedensnobelpreisträgerin hoch respektiert. Nicht so unbedingt in ihrer Heimat: Malala letztes Jahr in Afrika. Reuters

Malala war schon in jungen Jahren politisch aktiv, inspiriert von ihrem Vater. Schon vor dem Attentat schrieb sie für die BBC einen anonymen Blog. Ist dieser Aktivismus mit ein Grund, dass sie derart angefeindet wird?

Malala kommt aus dem Swat-Tal im Osten Pakistans, das an Afghanistan grenzt. Dort leben vor allem Paschtunen. Als Malala vor neun Jahren mit ihrem Blog für die BBC begann, liessen Regierung und Armee die Taliban in diesem Gebiet nach deren Gutdünken gewähren. Die Situation für die dort lebenden Menschen war entsprechend schlimm, und als Malala 2012 angeschossen wurde, hatten die Taliban das Swat-Tal vollkommen in ihrer Hand. Später erkannte die Regierung, dass die Strategie ein Fehler war und schickte die Armee los, das Swat-Tal zurückzuerobern. Dieses war übrigens mitnichten immer schon stockkonservativ-islamisch geprägt. Vielmehr galten die dort lebenden Menschen als tolerant. Bevor der Islam im Swat-Tal Fuss fasste, dominierte dort der Buddhismus.

In Pakistan gibt es viele Kräfte, auf deren Abschussliste Malala steht.

Malalas Besuch findet unter grossen Sicherheitsvorkehrungen statt. Wie sicher ist sie heute in Pakistan?

Sie trifft sich offenbar mit dem Armeechef und kann wohl auch auf den Schutz der Armee zählen. Das macht ihren Aufenthalt ziemlich sicher. Ohne diesen Schutz wäre es für Malala allerdings sehr gefährlich, denn es gibt im Land viele Kräfte, auf deren Abschussliste sie steht. Sie wird sich in Pakistan wohl nie mehr ohne Polizeischutz bewegen können.

Wie hat sich Pakistan in den sechs Jahren des Exils Malalas verändert?

In gewisser Weise ist Pakistan stabiler geworden. 2008 wurde Militärdiktator Pervez Musharaf abgesetzt. Ein ziviler Präsident, Asif Ali Zardari, kam an die Macht. Man hatte das Gefühl, dass Pakistan nun demokratischer wird. Allerdings war die Sicherheitslage im Land nicht besonders gut, weil die Armee die politische Entwicklung nicht mit grosser Begeisterung aufgenommen hat.

Die Sicherheitslage hat sich verbessert – dafür steht die Demokratie stark geschwächt da.

2013 wurde Nawaz Sharif Staatspräsident, der auch seine Probleme mit der Armee hatte und durch deren Propaganda abgesetzt wurde. Gleichzeitig verstärkte das Militär ihr Vorgehen gegen die Taliban. Inzwischen ist die Sicherheitslage besser geworden, die Armee sitzt fest im Sattel – dafür steht die Demokratie stark geschwächt da.

Wie steht es um die Frauenrechte in Pakistan?

Auf parlamentarischer und gesetzgeberischer Ebene hat es viele Initiativen gegeben, um die Situation der Frauen zu verbessern. Allerdings gibt es im ganzen Land einen weit verbreiteten Konservatismus. Entsprechend lange wird es dauern, bis sich die Lage der Frauen konkret verbessern wird.

Wird Malala mit ihrem Besuch in Pakistan etwas bewegen können?

Viele Leute begrüssen sie herzlich, wie man den sozialen Medien hier entnehmen kann. Allerdings ist fraglich, wie viel sie angesichts der rigorosen Abschirmung aus Sicherheitsgründen tatsächlich bewirken kann. Wahrscheinlich ist ihr Einfluss grösser, wenn sie im Ausland lebt, dort studiert und für die Frauenrechte Kampagne macht. In Pakistan hat sie einfach zu viele Feinde.

Das Gespräch führte Marc Allemann.

Emotionale Worte nach der Rückkehr

Emotionale Worte nach der Rückkehr

Malala hielt nach ihrer Ankunft in Pakistan eine emotionale Rede «Ich kann nicht glauben, dass es wirklich passiert. Ich habe in den vergangenen Jahren so oft davon geträumt, wieder in meine Heimat zurückzukehren», sagte sie mit Tränen in den Augen. Nun sei sie wiedergekommen, um ihr Volk zu sehen. Sie werde sich weiter für die Bildung von jungen Menschen in Pakistan einsetzen, versprach sie.

Im Oktober 2012 hatten maskierte Kämpfer der Taliban im Swat-Tal Malalas Schulbus angehalten und ihr in den Kopf geschossen. Malala war damals 15 Jahre alt.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Eschlimann Konrad (escher)
    Beeindruckend, wie eine junge Frau mit Namen Malala Yousafzai, erwachsenen tapferen Islamisten Angst einjagen kann, dass sie sich nur in der Gruppe und bewaffnet an sie herantrauen. Womit sich zeigt, dass die schärfste Waffe gegen diese Extremisten nach wie vor die Bildung ist. Wie sehr sich diese Feiglinge dabei selbst blamieren, scheint diesen gar nicht bewusst zu sein.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Malala zeigt kein schlechtes Image von Pakistan, sie zeigt schlicht und einfach auf die Pakistan ist.
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  • Kommentar von Patrik Schaub (Kripta)
    "Malala sei eine Verräterin, weil sie ein schlechtes Image von Pakistan befördere ...". Ausgerechnet fanatische Islamisten behaupten dies - also jene, die tatsächlich selber für das schlechte Image verantwortlich sind. Ausreden, um von eigenem Unvermögen abzulenken. Oder haben die wirklich das Gefühl, im Westen glaube das jemand im Ernst?
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