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Umgang mit dem Terror «Betroffenheit kennt eine Hierarchie»

Berlin, London, St. Petersburg: Schreckensmeldungen gehören schon fast zur Tagesordnung. Dass wir dadurch abstumpfen, sei völlig normal, sagt Politologe Michael Hermann.

SRF News: Berlin, London, jetzt St. Petersburg. Stumpfen wir mit den sich häufenden Terrormeldungen ab?

Michael Hermann: Garantiert. Aber das ist ein normaler Effekt bei wiederkehrenden Ereignissen. Man kann nicht jedes Mal die gleiche Betroffenheit empfinden. Es ist so: Terror wird weniger wahrgenommen. Aber immer noch stärker als normale Tötungsdelikte oder Familiendramen.

Woran liegt das?

Das Fiese am Terror ist: Er kommt unvermittelt und kann uns alle treffen. Islamistischer Terror schockiert zudem stärker, weil er als Anschlag auf unsere westliche Kultur gesehen wird und entsprechend grosse Symbolkraft besitzt. Der Religionskonflikt, der mitschwingt, macht vielen Leuten Angst. Und trotzdem sollten wir das in die richtigen Proportionen stellen, schliesslich stehen wir nicht kurz vor der Machtübernahme des Islamismus. Ich finde es wichtig, dass wir uns ein stückweit daran gewöhnen, denn die Macht des Terrors liegt auch in seiner psychologischen Wirkung.

Islamistischer Terror schockiert stärker, weil er als Anschlag auf unsere westliche Kultur gesehen wird und entsprechend grosse Symbolkraft besitzt.

Fehlt uns das Mitgefühl, wenn unsere erste Reaktion ist: «Nicht schon wieder»?

Nein, man kann nicht bei jeder schlimmen Tat mitfühlen. Man kann in der Welt gar nicht existieren, wenn man bei jeder Tragödie sein Leben anhält. Empathie muss man dosieren. Gewöhnung ist manchmal eine zu starke Macht, dennoch ist sie unerlässlich für unseren emotionalen Haushalt.

Warum «sind wir» Paris, Berlin und London, aber nicht St. Petersburg? Betroffenheit kennt eine gewisse Hierarchie. Sie hat viel mit geografischer und vor allem kultureller Nähe zu tun. Wenn ein Anschlag wie in Berlin in unserem eigenen Kulturraum passiert, macht es betroffener. Tripolis oder Beirut liegen zwar geografisch relativ nahe, sind subjektiv aber doch weit weg. Beim Beispiel St. Petersburg gilt: Osteuropa ist für uns immer noch hinter einem Schleier abgedämpfter Empathie.

Osteuropa ist für uns immer noch hinter einem Schleier abgedämpfter Empathie.

Liegt es womöglich auch an Russlands Politik?

Legende: Video Schock in St. Petersburg abspielen. Laufzeit 1:16 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 04.04.2017.

Ein politisches System spielt bei Betroffenheit schon eine Rolle, das sieht man stark bei Anschlägen in der Türkei. Da gibt es gewisse Leute, die finden: Das geschieht Erdogan recht. Aber Putin geniesst immer noch viele westliche Sympathien.

Was braucht es denn, damit wir Solidarität bekunden?

Hier spielt Symbolik eine wichtige Rolle. London zum Beispiel wurde trotz der wenigen Toten stärker wahrgenommen, weil der Anschlag vor dem Parlamentsgebäude passierte. Damals bei Charlie Hebdo war die Betroffenheit riesengross, weil es ein direkter Anschlag auf die Meinungsfreiheit war und öffentliche Personen betroffen waren. Dass unsere Empörung begrenzt ist, zeigt, dass heute kaum noch Facebook-Avatare geändert werden. Um noch eine besondere Wirkung zu erreichen, müsste ein Anschlag die bisherigen an Brutalität und Symbolkraft übertreffen.

Bei Solidarität spielt Symbolik eine grosse Rolle.

Das Brandenburger Tor wird nach den Anschlägen in St. Petersburg nicht beleuchtet. Wie schätzen Sie diese Entscheidung ein?

Berlin begründet es damit, dass man das nur bei Partnerstädten tut. Beim Anschlag von Nizza wurde es schliesslich ebenfalls nicht beleuchtet. Ich persönlich fände es besser, ganz auf diese Solidaritäts-Beleuchtungen zu verzichten. Das bringt meiner Meinung nach letztlich zu viel Aufmerksamkeit den Terroristen, die zum Teil nichts als gestörte Einzeltäter sind. Ausserdem ist es zwar ok, wenn unsere persönliche Betroffenheit variiert. Bei offiziellen Statements ist das problematischer. Wenn schon, müsste man die Wahrzeichen konsequenterweise immer auch beleuchten, wenn in Bagdad ein Anschlag passiert.

Ich persönlich fände es besser, ganz auf diese Solidaritäts-Beleuchtungen zu verzichten.

Ist die Welt wirklich «aus den Fugen», wie man oft hört?

Eigentlich leben wir ja heutzutage in einer sehr sicheren Welt. Noch während des Kalten Kriegs starben mehr Leute in kriegerischen Auseinandersetzungen oder an Gewaltdelikten. Aber wir haben uns an dieses enorme Sicherheitsmass gewöhnt und haben die Befürchtung, das könnte zerbrechen.

Welche Rolle spielt die Medienberichterstattung?

Früher wären die Meldungen aus St. Petersburg durch die Zeit abgedämpft bei uns eingetroffen. Diesen Filter gibt es mit dem Smartphone und den sozialen Medien nicht mehr. Man wird jetzt direkt zum Tatort katapultiert, als wäre die Welt ein Dorf. Das macht auch unsicher. Mit dieser Unmittelbarkeit müssen wir aber lernen umzugehen.

Man wird jetzt direkt zum Tatort katapultiert, als wäre die Welt ein Dorf. Das macht auch unsicher.

Das Gespräch führte Silja Kornacher

Michael Hermann

Michael Hermann

Michael Hermann ist ein Schweizer Geograph und Politikwissenschaftler. Er leitet die Forschungsstelle sotomo und lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Man darf nicht vergessen, dass vor noch nicht all zu langer Zeit Russland mit Europa stärker verbunden war. Die Weltkriege und die "Revolution" haben dann einen tiefen, künstlichen Graben gezogen. Ich finde auch nicht, dass es länderabhängige Hierachien gibt. Es ist wohl eher so, je weiter weg eine Katastrophe passiert, desto weniger betroffen fühlt man sich.
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  • Kommentar von E. Waeden (E. W.)
    Nach der Wende war dieser graue Schleier aber gelüftet worden & das Verhältnis zu Russland war ziemlich entspannt. Und alle, welche den Kalten Krieg miterlebten waren sehr froh darüber & Gscheite haben festgestellt, dass dieses Russland ja gar nicht so schrecklich ist. Dann kamen Merkel & Obama & haben diesen Vorhang mit ihrer Anti-Russlandpolitik wieder zugezogen.
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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Die Aussage von Herrn Hermann, dass Osteuropa für uns immer noch hinter einem Schleier abgedämpfter Empathie liege, finde ich etwas zu blumig und zu verharmlosend. Im Westen wird Russland gezielt mehr und mehr als ein furchterregender, unberechenbarer Schreckensstaat dargestellt, der sich immer weniger von dem der UdSSR unterscheidet. Wozu sonst die massiven NATO-Truppenaufmärsche, weil sich die baltischen Staaten vor einem eher unwahrscheinlichen Überfall durch Russland fürchten?
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