Vor 50 Jahren Biafra – «Eine Stätte verdichteten Elends»

Viele Schweizer zeigten sich 1967 solidarisch mit Biafra. Ein Schweizer Arzt war vor Ort und erinnert sich.

Soldaten in einem Schützengraben.

Bildlegende: Der Biafra-Krieg dauerte von 1967 bis 1970 und war ein Bürgerkrieg in Nigeria. Keystone / Archiv

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor 50 Jahren begann der Biafra-Krieg, in dem Nigeria die Unabhängigkeitsbestrebungen der Provinz Biafra militärisch stoppte.
  • Der brutale Bürgerkrieg löste in der Schweiz eine Welle von Betroffenheit aus. Viele Schweizer spendeten Geld, andere suchten den persönlichen Hilfseinsatz.
  • Nuot Ganzoni arbeitete drei Monate als Kriegschirurg in einem Spital in der Stadt Aboh. Die Schicksale der Patienten prägen ihn bis heute.

Es war ein gewöhnlicher Morgenrapport im Zürcher Uni-Spital. Nuot Ganzoni war 38 Jahre alt und gerade Oberarzt geworden, als der Chef mitteilte, das Rote Kreuz suche Ärzte für Biafra.

Personen mit Transparenten vor dem Grossmünster.

Bildlegende: In Zürich wird gegen den Biafrakrieg und für die Unabhängigkeit des Staates Biafra demonstriert. Keystone / keystone

Biafra, das trieb damals alle um, sagt er, auch ihn. «Biafra hatte Sympathie, die ganze Medienwelt brachte Biafra Sympathie entgegen und es wurde auch getragen vom Volk», so Ganzoni.

Fast sofort sagte er dem Chef, Ja er wolle das, als Arzt nach Biafra. Zum Helfen und etwas Zweites kam beim jungen Arzt dazu. Noch immer leuchtet Neugier in seinen klaren Augen, wenn er sagt: «Die Arbeit hat mich gelockt, die Begegnung mit einem anderen Kontinent und auch die Art der Chirurgie, diese ausschliessliche Konzentration auf schwere Verletzungen.»

Triage war das Schwerste

Genau dies bestimmte dann die Realität im Missionsspital in der Stadt Aboh. Es begannen endlose Tage mit Operationen im Schichtbetrieb. Die Bilder von schlimmen Verwundungen wurden Normalität. Auch die Tatsache, dass – wenn überhaupt – oft nur Amputationen halfen. «Die Hauptbelastung war die simple Arbeit des Arztes und des Teams», sagt Ganzoni weiter.

Porträt Nuot Ganzoni

Bildlegende: Nuot Ganzoni arbeitete drei Monate als Kriegschirurg in der damaligen Krisenregion. SRF

Doch an eins gewöhnte er sich nie: Ganzoni erzählt, wie oft viele Verwundete gleichzeitig ins Spital gebracht wurden und er dann in kurzen Augenblicken entscheiden musste, wer in welcher Reihenfolge drankommt. Ja, die Triage, das sei das schwerste gewesen.

«Die Verletzten lagen ohne Klage da und man hat diesen Entscheid mit Schicksal verglichen. Natürlich hatte dies einen solchen Anklang, aber den Arzt als Träger dieses Schicksals zu bezeichnen, war nicht das Richtige», erklärt Ganzoni.

Nein, er habe nicht Schicksal gespielt. Das ist ihm bis heute ganz wichtig. «Man tut einfach seine Arbeit und Pflicht, dass man diese Triage machen muss.»

So oft es ging, schrieb er Briefe an seine Frau. Und in einem bezeichnete er das Spital von Aboh, als «eine Stätte verdichteten Elends.»

Drei Monate im zweieinhalbjähigen Bürgerkrieg mit Hunderttausenden von Opfern. Das war die Arbeitsstätte Ganzonis. Und auf die Frage, was aus damals denn die Erinnerung am meisten präge, sagt er: «Wahrscheinlich, auch wenn wie gesagt ein halbes Leben zurück liegt, schon die Schicksale der Patienten», und legt dann die feinen alten Chirurgenhände in den Schoss.

Wendepunkt für die humanitäre Hilfe

Vor 50 Jahren brach im Nordosten Nigerias ein blutiger Bürgerkrieg aus: Die Region Biafra suchte die Unabhängigkeit, die Folge war Krieg mit rund einer Million Toten und hungernden Menschen. Für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bedeutete der Biafra-Krieg einen Wendepunkt für die humanitäre Hilfe. Das Engagement des IKRK in der Region war 1967 das grösste seit dem Zweiten Weltkrieg.
Der Bürgerkrieg begann am 6. Juli 1967, nachdem Biafra einige Monate zuvor die Unabhängigkeit proklamiert hatte. Die nigerianischen Truppen gingen gegen diese Sezession mit Waffengewalt vor.
An diesem humanitären Einsatz waren auch einige Schweizer beteiligt. So etwa Yves Sandoz, der sich nach dem Abschluss seines Jura-Studiums als IKRK-Delegierter engagierte. «Das IKRK verfügte damals nicht über eine feste Struktur für diese Operationen und wir wurden ohne grosse Vorbereitung in den Einsatz geschickt», sagte Sandoz.
Das IKRK führte in Nigeria zwei parallele Operationen. Die eine wurde von der Hauptstadt Lagos aus geführt. Der zweite IKRK-Einsatz erfolgte in Biafra selber. Dabei ging es um direkte humanitäre Hilfe vor Ort. Diese ist oft von den Kriegsparteien blockiert worden.
Der Biafra-Krieg beschäftigte die Schweizer Öffentlichkeit. 1968 lösten Bilder hungernder Kinder eine Welle von Spenden an humanitäre Organisationen aus. Doch nicht immer war den Spendern die politische Wirklichkeit bewusst. Trotz der Medienberichte, die in der Schweiz für Aufsehen sorgten, war es nicht immer einfach, sich ein Bild von der Situation im Kriegsgebiet zu machen. Nicht zuletzt, weil beide Kriegsparteien mit den Bildern von Hunger und Leid bewusst Propaganda betrieben.
Vor dem Hintergrund dieser Propaganda ist auch die Gründung der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» zu verstehen. Der damalige IKRK-Delegierte und spätere französische Aussenminister Bernard Kouchner war unzufrieden mit der Verpflichtung zur Diskretion, die sich das IKRK auferlegt.