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Bilanz nach Erdbeben in Mexiko «Die Bestechlichkeit kostet in diesem Land Leben»

Die grassierende Korruption sei Grund für das grosse Ausmass der Katastrophe, so Journalist Klaus Ehringfeld.

Klaus Ehringfeld
Legende: Ehringfeld hat das Beben miterlebt. Er lebt und arbeitet als freier Korrespondent in Mexiko-Stadt. Handelsblatt

SRF News: Wie ist die Lage derzeit in Mexiko-Stadt? Kann man bereits eine erste Bilanz ziehen?

Klaus Ehringfeld: Eine gute Woche nach dem Erbeben versuchen die Mexikaner, den Schock der Katastrophe abzustreifen und nach vorne zu schauen – das heisst, aufzuräumen und Schäden aufzunehmen. Bestimmte Viertel der Stadt muten tatsächlich etwas gespenstisch an. Strassenzüge sind gesperrt und Häuser evakuiert, weil sie einsturzgefährdet sind. Nachts fallen diese Viertel in die totale Dunkelheit, nur das Militär patrouilliert.

Wenn die Bauträger nur genug Geld zahlen, können sie machen, was sie wollen.

In Mexiko-Stadt müssen Häuser seit über 30 Jahren erdbebensicher gebaut werden. Weshalb kam es trotzdem zu diesen schweren Schäden?

1986, ein Jahr nach dem damaligen schweren Erdbeben, wurden die Baugesetze verschärft. So dürfen in bestimmten Zonen nicht mehr als fünf Stockwerke gebaut werden. Es müssen in der Regel Bebenexperten bei Neukonstruktionen hinzugezogen werden. Aber diese Regeln werden eigentlich nicht eingehalten. Sie werden mit dem entsprechenden Schmiergeld an die Behörden sehr leicht ausser Kraft gesetzt. Wenn die Bauträger nur genug Geld zahlen, können sie machen, was sie wollen. Dann bauen sie auch 20 Stockwerke hoch. Oder wie bei mir in der Gegend: Einen Helikopterlandeplatz auf einem Bürogebäude mit gerade mal neun Stockwerken.

Wie reagiert die Bevölkerung auf die Korruption im Bauwesen?

Es macht sich jetzt vor allem in den sozialen Netzwerken und in alternativen Medien massiver Ärger breit, dass die Korruption in Mexiko Leben gekostet hat. Hätte es keine Korruption und keinen Pfusch am Bau gegeben, wären sehr viel weniger Menschen gestorben. Nun werden die Ursachen erforscht, und auch die Justiz ist inzwischen aktiv geworden. Das erste Ermittlungsverfahren gegen ein Bauunternehmen wegen Pfuschs am Bau wird eingeleitet. Die Behörden müssen sich Fragen gefallen lassen wie: Wie kann es sein, dass in Wohngebieten, wo es gar nicht erlaubt ist, 20 Stockwerke hohe Wolkenkratzer zu bauen, solche Bauwerke entstanden sind?

War das Beben von vergangener Woche ein Weckruf? Werden die Behörden nun entschiedener vorgehen gegen Korruption?

Ich hoffe es. Vor allem für die Mexikaner, die in den letzten Tagen in einer unglaublich grossen Solidarität zusammengefunden haben. Ich wünsche mir sehr für das Land und für die Bevölkerung, dass es gelingt, gegen die korrupten Politiker vorzugehen, die dafür verantwortlich sind, dass sich aus diesem Beben ein so grosses Desaster entwickeln konnte. Die Bestechlichkeit kostet in diesem Land Leben, das hat der 19. September gezeigt. Das muss endlich bekämpft werden. Die Mexikaner sind im Moment sehr entschlossen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob diese Wut solange gärt, bis die Veränderungen eingetreten sind.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Mexiko schätzt Schäden auf knapp zwei Milliarden Franken

Die mexikanische Regierung schätzt die Schäden durch die beiden schweren Erdbeben im September auf weit über zwei Milliarden US-Dollar (1,95 Mrd. Schweizer Franken). Wie Mexikos Staatspräsident Enrique Peña Nieto mitteilte, seien 370 Millionen Dollar für die Reparatur von Schäden in den Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas notwendig, die durch das Beben der Stärke 8,2 am 7. September entstanden waren. Die weitaus grössten Kosten schlagen allerdings durch das Beben der Stärke 7,1 vom 19. September zu Buche, das besonders Mexiko-Stadt schwer traf. Neben den Reparaturkosten für Gebäude in Höhe von rund 570 Millionen Dollar (560 Mio. Schweizer Franken) wird mit rund 740 Millionen Dollar (720 Mio. Schweizer Franken) für die Instandsetzung von Schulen gerechnet.
Legende: Video Schäden in Mexiko werden beziffert abspielen. Laufzeit 1:02 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 28.09.2017.

Bergungsaktionen gehen weiter

Arbeiter zeigt auf beschädigtes Gebäude
Legende: Reuters

Eine Woche nach dem schweren Erdbeben in Mexiko-Stadt sind die Aufräumarbeiten immer noch in vollem Gang. Verzweifelte Angehörige drängen die Rettungskräfte, die Suche nach Vermissten fortzusetzen. Bislang ist die Rede von 350 Toten; 200 davon allein in Mexiko-Stadt. Diese Zahl dürfte weiter steigen.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Käppeli (thkaepp)
    Liebes SRF, bewahrt diesen Artikel gut auf. Wenn es dann eines Tages auch uns erwischt, braucht es nur noch ein Ctrl+Copy & Ctrl+Paste, Mexiko durch Guatemala ersetzen und ein paar Zahlenwerte aktualisieren. Und fertig ist der neue Bericht. So, jetzt habe ich meinem Unmut zu diesem Thema Luft verschafft. Danke für Ihr Verständnis.
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  • Kommentar von W Streuli (Wernu)
    Mexiko ist ein von Korruption und Bestechlichkeit durchsiebtes Land,das zieht sich quer durch Politk,Behörden und Unternehmen,von den nicht genannten Drogenkartellen ganz zu schweigen,die auch diese Misswirtschaft mittragen.Hr.Ehringfeld wird diese Thematik wohl kaum publizieren in Mexiko,weil Journalisten leben da sehr gefährlich bei diesen Themen.Es ist mir echt unverständlich,wie die Schweiz mit so einem Land eine wirtschaftliche Zusammenarbeit anstreben möchte.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Das unterschreibe ich sofort. Genau, wie in Ost- und Südeuropa.
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