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International Blazer gesteht Bestechung für WM 1998 und 2010

Mit Chuck Blazer hat ein ehemaliger Fifa-Funktionär erstmals Korruption und Bestechung vor der Vergabe von Weltmeisterschaften gestanden. Geschmiert wurde unter anderem für Frankreich und Südafrika. Fifa-Chef Sepp Blatter wird im Gerichtsprotokoll über den 70-jährigen «Whistleblower» nicht erwähnt.

Legende: Video «Kronzeuge gegen Blatter» abspielen. Laufzeit 2:12 Minuten.
Aus Tagesschau vom 04.06.2015.

Erstmals liegen Aussagen eines ehemaligen Fifa-Funktionärs vor einem Gericht zu Bestechungspraktiken im Führungszirkel des Weltverbandes öffentlich vor. Die Ergebnisse der Befragung von «Whistleblower» Chuck Blazer wurden in dieser Form durchaus erwartet, brisant sind sie dennoch.

Auf 40 Seiten, schwarz auf weiss, mit einer roten Identifizierungsnummer am Rand ist das Protokoll festgehalten, in dem Chuck Blazer als erster ehemaliger Fifa-Funktionär vor einem ordentlichen US-Gericht Korruption und Bestechung vor WM-Vergaben vollumfänglich zugibt.

Die Veröffentlichung der Aussage des früheren Mitglieds des Fifa-Exekutivkomitees in Brooklyn, New York aus dem Jahr 2013 bringt neue Erkenntnisse im jüngsten Korruptionsskandal um den Fussball-Weltverband. Sie bringt aber womöglich auch Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke in Bedrängnis.

Was wusste Valcke?

Blazer räumt ein, dass er gemeinsam mit namentlich nicht genannten Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees und einem Mitverschwörer – dem Vernehmen nach der namentlich ebenfalls nicht genannte frühere Fifa-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad und Tobago – Schmiergeld vom späteren WM-Gastgeber 2010 Südafrika erhalten habe.

Eine viel diskutierte Zahlung von zehn Millionen Dollar über ein Fifa-Konto unter angeblich möglicher Mitwisserschaft von Valcke wird in den Unterlagen nicht explizit genannt.

Doch die Indizien deuten darauf hin, dass Blazer diesen Deal in seinem Geständnis als Bestechung einstufte. Valcke bezeichnete den Vorgang bislang als legale Zahlung Südafrikas für die Fussball- Entwicklung in Mittelamerika, die zudem vom damaligen, mittlerweile verstorbenen, Fifa-Funktionär Julio Grondona freigegeben worden sei und nicht von ihm. Eine Reaktion Valckes auf die Aussagen Blazers steht noch aus. Die WM-Organisatoren in Südafrika haben Bestechungsvorwürfe zurückgewiesen.

Flossen schon vor 1998 Schmiergelder?

Ein weiterer Vorwurf aus den in der Vorwoche publik gewordenen Ermittlungsakten von US-Justizministerin Loretta Lynch wird durch Blazers Aussage ebenfalls bestätigt. Auch vor der WM 1998 in Frankreich gab es Bestechung im Fifa-Apparat. Blazer gab zu, vor der Vergabe eine Zahlung erhalten zu haben – allerdings nicht von wem. Laut US-Behörden kam die Zuwendung vom gescheiterten Kandidaten Marokko.

Frankreich hatte sich damals mit 12:7 Stimmen gegen Marokko durchgesetzt. Die Vergabe der WM 1992 fiel noch unter die Amtszeit von Blatters Vorgänger João Havelange als Fifa-Präsidenten.

An Marokko soll sich Blazer auch vor der Vergabe für 2010 gewendet haben. Als die Signale aus der Fifa-Zentrale Richtung Südafrika als WM-Favoriten gingen, wurde aber dort der Deal eingefädelt, hiess es in dem schon in der Vorwoche veröffentlichten Report des US-Justizministeriums.

Legende: Video «Frankreich im Zwielicht» abspielen. Laufzeit 1:55 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 04.06.2015.

In Frankreich sind jüngsten Enthüllungen eine Randnotiz, sagt SRF-Korrespondent Michael Gerber. Die Rolle von Uefa-Präsident Michel Platini bei der Vergabe der Endrunde nach Katar wird nur von wenigen Medien kritische beleuchtet.

Blatter kommt im Protokoll nicht vor

Die nun publiken Aussagen bringen kurz nach der Rücktrittsankündigung von Präsident Joseph Blatter neuen Schwung in die Fifa-Affäre. Der scheidende Chef des Weltverbandes wird in dem Gerichtsprotokoll nicht erwähnt. Blatter hatte stets jede Verwicklung in irreguläre Geschäfte bestritten. Weiter unbestätigt sind Berichte von US-Medien, nach denen das FBI auch gegen den 79-Jährigen ermitteln soll.

Auch Russland und Katar unter Verdacht

Mit den Turnieren 1998 und 2010 sowie der ebenfalls in weiteren Verfahren untersuchten Vergabe der WM 2018 an Russland und der WM 2022 in Katar stehen insgesamt vier Endrundenturniere unter Korruptionsverdacht. Keine Anhaltspunkte für Unregelmässigkeiten förderte die Blazer-Befragung für die WM 2006 in Deutschland zutage. Damals war Südafrika knapp an der deutschen Bewerbung gescheitert.

Die Funktionärskarriere von Blazer endete 2013. Der schwer erkrankte Amerikaner hatte früh mit den Behörden kooperiert und soll bei den Olympischen Spielen Gespräche in Funktionärskreisen heimlich aufgenommen haben. Nach der Anhörung in New York kam er gegen eine Kaution von zehn Millionen Dollar frei. Derzeit soll er wegen einer schweren Erkrankung im Spital sein. Von der Fifa gab es vorerst keine Reaktion zu den Blazer-Aussagen.

18 Kommentare

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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Das Gute an der Fifa-Affäre ist, dass das Vertrauen in die Integrität von Personen, die unter US-Einfluss stehen, zunehmend kleiner wird. Wer glaubt, dass es hier in 1. Linie um Korruptionsbekämpfung geht, hat einen zu engen Blick auf globale Strategien. Es gibt Leute auf diesem Planeten, die ein Aufkommen vom Konkurrenz schon im Ansatz verhindern. Vor allem, wenn es gegen ihre langjährigen Strategien geht.
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  • Kommentar von Rudolf Bolli, Zürich
    Die 40 Seiten Protokoll über die Gerichtsverhandlung, in der Chuck Blazer sich schuldig bekennt, enthalten zum grössten Teil Ausführungen des Richters zum Verfahren. Blazers Aussagen auf drei Seiten des Dokumentes sind summarisch. Offenbar bestätigen sie einfach den Inhalt eines dem Gericht vorgelegten, aber nicht veröffentlichten Dokumentes, das mutmasslich die brisanten Details enthält. Also Nahrung für Vermutungen und Gerüchte - aber wenig Handfeste für die Öffentlichkeit.
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  • Kommentar von Werner Christmann, Stein am Rhein
    Ich denke, die Amis werden sich hier noch die Pfoten verbrennen. Die FIFA ist keine börsenkotierte Bank mit CEO und Verwaltungsrat die man aufs Korn nehmen kann. Hier haben 209 Landesverbände, aufgeteilt in die jeweiligen Konföderationen das Sagen. Und jede Änderung, zB auch der Gesellschaftsform bedarf derer Zustimmung. Da genügt es bei weitem nicht, den Präsidenten und die Exekutivmittglieder kaltzustellen, um amerikanische Interessen durchzusetzen.
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