Bootsflüchtlinge interessieren afrikanische Regierungen wenig

19.April 2015: Über 800 Menschen ertrinken im Mittelmeer. Der grössten kenianischen Zeitung «Daily Nation» ist das Unglück eine magere Agenturmeldung wert. Ebenso mager die Wortmeldungen der Regierung. Afrikas Staatspräsidenten schweigen. Wieso? Der kenianische Publizist Koigi Wamwere hat Antworten.

Bootsflüchtlinge

Bildlegende: Das Schicksal der afrikanischen Bootsflüchtlinge lässt laut Publizist Wamwere viele afrikanische Staatschefs kalt. Keystone

Der kenianische Publizist Koigi Wamwere weiss, wieso sich die afrikanischen Regierungen nicht für die Dramen im Mittelmeer interessieren. «Weil es schlechte Staatspräsidenten sind. Es sind nicht Menschen, die an der Spitze eines Landes stehen sollten. Sie sind herzlos. Sie sind weder am Allgemeinwohl interessiert noch daran, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern, sie wollen sich nur bereichern.»

Gier sei die Triebfeder ihrer Politik, sagt der Ex-Minister, der für seine kritischen Überzeugungen in Kenia elf Jahre im Gefängnis sass. Vielen afrikanischen Autokraten sei es schlicht egal, ob ihre Bürger im Meer ertrinken würden. «Wir bräuchten Führer wie Mahatma Ghandi oder Martin Luther King. Wir brauchen in Afrika menschliche Führer mit einem moralischen Gewissen.»

«Uns kann nichts mehr schockieren»

Weshalb lassen sich das Millionen von Bürgerinnen und Bürger in Afrika gefallen? Weshalb gibt es vor den Palästen dieses Kontinents keine Massenproteste? «Ich glaube unsere Seelen sind tot», sagt Wamwere.

«Der Teufel kann uns nicht mehr erschrecken, weil wir bereits zu lange mit dem Teuflischen leben müssen. Nicht einmal mehr der Tod kann uns erschüttern. Egal ob er in Form von Apartheid, Bürgerkriegen oder ethnischen Auseinandersetzungen kommt. Uns kann nichts mehr schockieren. Wir haben das Mitgefühl für uns selber und selbst für unsere Kinder verloren. Wir glauben alles sei Gottgegeben und haben die Hoffnung aufgegeben, dass man es ändern könnte.»

Erbschaft des Kolonialismus

Egoismus, Gier, das Fehlen von moralischen Schranken – all dies ist nicht einfach typisch afrikanisch, sondern sei eine unheilvolle Erbschaft aus der Kolonialzeit. Gierig wurden die Bodenschätze des Kontinents geplündert, Afrikaner als Sklaven und Zwangsarbeiter benutzt, verstümmelt und getötet. Allein im Kongo sollen während der belgischen Kolonialzeit 8 bis 10 Millionen ums Leben gekommen sein.

Das unmenschliche Kolonialsystem wurde von nachfolgenden schwarzen Herrschern leider oft nicht abgeschafft, sondern kopiert, meint Wamwere. «Wenn ein solches System einmal da ist, wird man es nicht mehr los. Es hat uns geprägt. Wir leiden unter einem unmenschlichem Kapitalismus, unter gieriger Korruption, Diktatur und ethnischen Vorurteilen. Deshalb ist dieser Kontinent krank.»

Die Symptome sind deutlich: Nirgends auf der Welt gibt es soviel Armut wie in Afrika. Nirgends leiden die Menschen mehr. Auf dem jüngst publizierten globalen Gücks-Index rangieren Afrikas Staaten auf den hintersten Rängen. Für dieses Chaos hat Europa laut Wamwere eine historische Verantwortung: «Der einzige Weg Verantwortung zu übernehmen, ist die Sünden der Kolonialdiktatur wieder gut zu machen.»

Diese Sünden würden Europa solange verfolgen, bis Afrika ein Ort ist, wo Menschen ein normales Leben führen können, so Wamwere. «Deshalb hat Europa eine Verantwortung, welche es noch lange begleiten wird. Und immer wenn die Europäer Menschen sehen, die im Meer ertrinken, bleibt ihnen allein zu sagen: mea culpa, mea culpa, mea culpa.»

Viel falsch gemacht

Nun ist es ja nicht so, dass Europa in den vergangenen 50 Jahren nichts für Afrika getan hat. Experten gehen davon aus, dass in dieser Zeit gegen zwei Billionen Dollar an Hilfsgeldern nach Afrika geflossen sind. Das sei richtig, sagt der 62-jährige Wamwere. Europa habe viel getan, aber oft auch das Falsche. Es habe aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen Diktatoren wie Mobuto, Moi oder Bokossa unterstützt.

Und Europa mache noch heute nicht immer das Richtige: «Seit Europa gegen Gaddafi Krieg geführt hat, ist das Land ein Chaos. Die Europäer sollten sich deshalb die Frage stellen: Lohnt es sich einen Krieg zu führen, ohne zu wissen was danach kommt? Ist ein Krieg wirklich die Lösung? Offensichtlich war es in diesem Fall nicht die Lösung.

Mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit für alle

Chaos auf der einen Seite des Meers, Wohlstand auf der anderen. Für Wamwere erleben wir heute eine neue Form der Apartheid. «Wenn es nicht möglich ist, dass man sich auf dieser Erde frei bewegen kann – nur weil wir diejenigen, die alles haben, sich schützen, vor denen die nichts haben – dann haben wir eine globale Apartheid. Eine Apartheid, die Reiche und Arme trennt.»

«Anstatt sich zu überlegen, wie man sich die Armen am besten vom Leib hält, sollte Europa sich Gedanken machen, wie man den armen Teil der Welt so entwickelt, dass er Teil der restlichen Welt wird.»

Der Kenianer Wamwere verlangt nicht, dass Europa alle Migranten aus Afrika aufnimmt. Aber er möchte mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit für alle. Und solange jede Hauskatze in Europa besser ernährt und medizinisch versorgt sei, als Millionen von Afrikanern, gebe es weder noch.