«Bosnischer Frühling» oder kurzer Wutausbruch?

In mehreren Städten von Bosnien-Herzegowina stehen Gebäude und Autos in Flammen – seit drei Tagen erschüttern heftige Unruhen das Land. Tausende demonstrieren gegen soziale Ungerechtigkeiten. Die Gewalt eskaliert.

Bosnien-Herzegowina erlebt die schwersten Unruhen seit Ende des Bosnien-Krieges 1995. Am Freitag gingen in mehreren bosnischen Städten Tausende auf die Strassen und protestierten gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Wütende, vorwiegend jugendliche Demonstranten setzten in mehreren bosnischen Städten die Gebäude der kantonalen Regierungen in Brand. In der Hauptstadt Sarajevo konnte die Feuerwehr den Brand im Präsidialamt erst gegen Abend löschen.

Allein in Sarajevo wurden bei Strassenschlachten mit der Polizei 145 Personen verletzt, darunter waren mehrheitlich Polizisten. Nach Einbruch der Nacht beruhigte sich die Lage in den Städten. Bosniens Politiker reagierten schockiert und verurteilten die Gewalt. Sie betonten: Alles sei wieder unter Kontrolle.

Korrupte Politiker und erdrückender Stillstand

Der Aufstand hatte am Mittwoch in Tuzla mit einer Demonstration der Angestellten von fünf ehemaligen Staatsbetrieben begonnen. Diese sind nach der Privatisierung Konkurs gegangen.

Die Demonstrationen weiteten sich auf andere bosnische Städte aus – und wurden schliesslich zum Massenprotest gegen untätige und korrupte Politiker, gegen die Armut und den erdrückenden Stillstand im Land.

Beobachter sind sich uneinig, ob der landesweite Gewaltausbruch der Anfang eines «Bosnischen Frühlings» mit Langzeitwirkung ist. Oder ob es sich nur um einen momentanen Wutausbruch mit viel Sachbeschädigung handelt.

Die Forderungen

Die Demonstranten wollen, dass die Gehälter der Politiker den andern Löhnen im Land angeglichen werden. Zudem sollen die «kriminellen Privatisierungen» der Staatsbetriebe rückgängig gemacht und die «Wirtschaftskriminellen» vor Gericht gestellt werden. Die Regionalregierung in Tuzla soll durch parteilose Experten ersetzt werden.