«Breivik hat ein Klagelied ohnegleichen geboten»

Im Gerichtssaal sass er nur wenige Meter vom Massenmörder entfernt: SRF-Mitarbeiter Bruno Kaufmann erzählt, was ihm während des Prozesses von Anders Behring Breivik gegen den norwegischen Staat durch den Kopf ging.

SRF News: Welches waren die Forderungen, die Breivik gestellt hat?

Bruno Kaufmann: Er hat ein Klagelied ohnegleichen geboten – obwohl er im Gefängnis über drei eigene Zimmer verfügt und sich viele Personen um ihn kümmern. Während drei Stunden stellte er eine Forderung nach der anderen. Diese gingen von heissem Kaffee, über dass er endlich eine Frau finden könne, bis dass der norwegische Staat Parteien, die Breivik gebildet habe, endlich zulassen solle.

Breivik ist ein Massenmörder. Viele sprechen von einem Psychopathen. Sie sassen im Gerichtssaal nur wenige Meter von ihm entfernt. Wie hat er auf Sie gewirkt?

Erstaunlich konzentriert und aufmerksam. Breivik wirkt von seiner Person her wie ein Mensch. Gleichzeitig vertritt er sehr Unmenschliches, hat sehr Unmenschliches getan und ist bis heute stolz darauf.

«  Breivik wirkt von seiner Person wie ein Mensch. Gleichzeitig hat er sehr Unmenschliches getan. »

Wie war es für Sie als Journalist, den Prozess so nah mitzuerleben?

Es war beklemmend, ich hatte den ganzen Tag ein unangenehmes Bauchgefühl. Ich empfand das Ganze als sehr surrealistisch, habe mich immer wieder gefragt, ob das alles wirklich real sei. Natürlich war es noch viel schwieriger für die Anwesenden, die zu den Überlebenden gehören oder Angehörige der Opfer sind. Breivik beschuldigte sie immer wieder als Feinde und Extremisten.

Trotz aller Schwere wurde der Prozess nach rechtsstaatlichen Prinzipien durchgeführt.

Ja, es war sehr beeindruckend zu sehen, wie mit dem Mann in einer Art und Weise umgegangen wird, wie er es anderen nicht zugesteht. Immer wieder hat die Richterin Breivik ausreden lassen. Das war für mich ein Beispiel, wie ein Rechtsstaat mit einem Terroristen umgehen kann.

«  Das war für mich ein Beispiel, wie ein Rechtsstaat mit einem Terroristen umgehen kann. »

Im Vorfeld wurde breit darüber diskutiert, ob und wie man über den Prozess berichten soll. Wie haben die Medien diese schwierige Aufgabe schliesslich gelöst?

Sehr gut. Die Medien haben eine Gratwanderung versucht, zwischen ihrer Berichterstattungspflicht und der Vorsicht, Breivik keine zusätzliche Bühne zu geben.

Nun ist der öffentliche Teil des Prozesses zu Ende. Wie geht es weiter?

Es handelt sich hier um die Klage Breiviks gegen den norwegischen Staat in erster Instanz. Breivik hat das Recht, zwei weitere Instanzen in Norwegen anzurufen. Schliesslich kann er auch noch an den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gelangen.

«  Breiviks Taten von 2011 werden Norwegen weiter beschäftigen. »

Die Öffentlichkeit wird also noch eine Weile von Breivik hören.

Ja. Das ist die Tragödie nach der Tragödie. Selbst wenn Breivik nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten oder nicht mehr da sein wird: Seine Taten von 2011 werden Norwegen weiter beschäftigen.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Trotz Protesten: Mahnmal für Breivik-Opfer

Der bekennende Nationalsozialist Andres Behring Breivik hatte am 22. Juli 2011 zunächst acht Menschen bei einem Bombenanschlag in der norwegischen Hauptstadt Oslo getötet. Anschliessend erschoss er auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Sommerlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation. 2012 wurde er zur in Norwegen geltenden Höchststrafe von 21 Jahren Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt.

Nun will Norwegens Regierung trotz Protesten von Anwohnern gegenüber der Insel Utøya ein Mahnmal für die Opfer des Massenmörders errichten. Nach Plänen des schwedischen Architekten Jonas Dahlberg soll eine Schneise in die Felsenlandschaft geschlagen werden. An die Schnittseiten sollen die Namen der Opfer eingemeisselt werden. Die Fertigstellung ist für 2017 geplant. Ursprünglich sollte das Mahnmal schon am 5. Jahrestag der Anschläge eingeweiht werden. Anwohner der Gemeinde Hole hatten gegen die Pläne protestiert, weil sie nicht auf diese Weise täglich daran erinnert werden wollen. Sie wollen nun rechtlich gegen den Bau des Mahnmals vorgehen.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann lebt in Schweden und berichtet als freier Korrespondent für Radio SRF über die nordischen und baltischen Staaten. Der Politikwissenschaftler forscht ausserdem zu Fragen der modernen Demokratie.