Britische Opposition zerfleischt sich selbst

Sechs Monate vor der nächsten britischen Parlamentswahl sollte die Opposition weit in Führung liegen. Nach viereinhalb Jahren konservativ geprägter Sparpolitik müsste die Labour-Partei unter Ed Miliband auf einen Sieg hoffen. Doch derzeit findet eher eine Hetzjagd auf den Oppositionspolitiker statt.

Ed Miliband

Bildlegende: Miliband macht sich zunehmend zum Gespött. Auf dem letzten Parteitag «vergass» er, das Thema Staatsschulden zu erörtern. Reuters

Er bereite sich auf ein achtmonatiges Bewerbungsgespräch für das Amt des Premierministers vor, verkündete der britische Oppositionspolitiker Ed Miliband im September.

«  You know I know the next eight months represent my interview with the British people for one of the most important jobs in our country. »

Ed Miliband
Vorsitzender der Labour-Partei

Doch die Labour-Partei denkt offenbar mit kräftiger medialer Begleitmusik über einen Fenstersturz nach. Systematisch und unerbittlich wird der Oppositionsführer demontiert.

Wahlentscheidende Themen «vergessen»

Ed Miliband schlug vor vier Jahren seinen älteren Bruder im Wettbewerb um den Vorsitz der Labour-Partei – dank den Stimmen der Gewerkschaften. Seither hat er seine Partei ein klein wenig nach links gerückt, blieb aber glaubwürdige Rezepte zum Abbau des unverändert astronomischen Budget-Defizits schuldig.

Peinlicherweise vergass er bei seiner letzten Parteitagsrede, das Loch im Staatshaushalt überhaupt zu erwähnen. Doch das sind allesamt keine hinreichenden Gründe, ihn sechs Monate vor der Wahl zu stürzen. Ein britischer Oppositionsführer verrichtet definitionsgemäss undankbare Arbeit.

Seitenhiebe persönlicher Natur

Doch es geht den Kritikern schon längst nicht mehr um programmatische Einzelheiten; die konservativ gesinnten Medien spielen nicht mit dem Ball sondern auf den Mann. Eine Grimasse beim Verzehr eines belegten Brötchens wird ihm zum Verhängnis, ein linkischer Seitenblick während einer Spende für einen Bettler wird zum Beweis, dass der gelegentlich etwas linkische Miliband «sonderbar» sei, ein Automaton ohne menschliche Regungen, ein sorgloses Mittelstandsgewächs ohne Einfühlungsvermögen für das werktätige Volk.

Inzwischen hat die Treibjagd eine scheinbar unwiderstehliche Dynamik gewonnen. Letzte Woche sprang die linke Zeitschrift «New Statesman» aufs Trittbrett, heute stiess der linksliberale «Observer» zur Meute. Die Methode ist bekannt: Anonyme Labour-Abgeordnete werden händeringend zitiert, mit Miliband am Ruder werde Labour im nächsten Mai nicht siegen. Am Radio und Fernsehen treten pensionierte und gescheiterte Labour-Politiker mit derselben Einsicht auf. Meinungsumfragen bestätigen rückwirkend die Berechtigung des Rufmordes, obwohl sie selbst ein Produkt desselben sind.

Wenn man Unsinn oft genug behauptet, gewinnt er offenbar an Wahrheitsgehalt. Dass die Labour-Partei es derweil unterlässt, die unübersehbaren Schwächen der amtierenden Regierung auszubeuten, versteht sich von selbst. Labour und die Konservativen werden während dieses traurigen Spiels von der fremden- und europafeindlichen Ukip-Partei kanibalisiert und kolonisiert. Dabei bleibt das Gemeinwohl auf der Strecke, regierungsfähige Mehrheiten stehen auf dem Spiel.