Burma: Ein Land im Drogenrausch

Der Bürgerkrieg, der bis heute in vielen Teilen Burmas tobt, fördert den Anbau von Schlafmohn, aus dem Heroin gewonnen wird. Der Grossteil des Stoffes wir nach Australien exportiert, doch das Land hat längst selbst ein riesiges Drogenproblem.

Früher hatte Bauer Lao Nan Mais angebaut. Doch vor sechs Jahren wechselte er auf Schlafmohn. «Ihn anzubauen war viel lukrativer als Mais. Ich verdiente so siebenmal mehr und alle meine Nachbarn taten dasselbe», erzählt er. Lao Nan wohnt in einem kleinen Dorf im Gliedstaat Shan. Hier wird mehr als 90 Prozent des burmesischen Schlafmohns angebaut, obwohl der Anbau illegal ist.

Die Soldaten hätten auch sein Feld zweimal zerstört, sagt Lao Nan. Trotzdem nahm er das Risiko in Kauf. «Wir haben das Opium an verschiedene Rebellengruppen verkauft. Ihnen mussten wir auch Steuern abgeben. Aber wir verdienten so immer noch mehr als mit dem Verkauf von Mais.» Der Schlafmohn wird in Gebieten angebaut, in denen bis heute Bürgerkrieg herrscht. In Burma leben mehr als 130 verschiedene Ethnien. Viele von ihnen verfügen über eigene Rebellengruppen.

Opium finanziert den Kampf der Rebellen

Diese kämpfen zum Teil bereits seit Jahrzehnten gegen die Armee und für mehr Selbstbestimmungsrechte. Der Handel mit Opium dient manchen Rebellengruppen als Einnahmequelle. Doch nicht nur sie profitieren vom Geschäft, wie ein Besuch bei einer Rebellengruppe an der Grenze zu China zeigt. Ein paar Männer, in Tarnanzügen und mit Kalaschnikows ausgestattet, haben sich in einem unscheinbaren Haus ausserhalb eines Dorfes versammelt.


Burmas riesiges Drogenproblem

7:05 min, aus Rendez-vous vom 23.08.2016

Sie gehören der Ta'ang National Liberation Army (TNLA) an. Die Gruppe ist nebst ihrem anhaltenden Kampf für Autonomie auch für ihre Anti-Drogen-Kampagnen bekannt. Tar Parn Lal, der Sprecher der Rebellen, bezeichnet Opium als Seuche, die sein Volk zerstöre: «85 Prozent aller Männer in unserem Gebiet sind abhängig, weil hier Opium angebaut wird.»

Vor drei Jahren habe die TNLA begonnen, die Süchtigen als Kämpfer zu rekrutieren. «Wir haben sie zuerst in den Entzug geschickt.» Die Rebellen wenden dabei die brutalste Entzugsmethode an: den Cold Turkey. Den Abhängigen wird von einem Tag auf den anderen der Stoff entzogen.

Schlafmohnfelder mit Helikoptern verteidigt

Die TNLA zerstört auch regelmässig Schlafmohnfelder. Die Bauern leisteten dabei wenig Widerstand, so Tar Parn Lal. Doch dann zeigt er auf einen Hügel in einiger Entfernung: «Dort bauen Milizen Schlafmohn an. Als wir die Felder im Februar zerstören wollten, beschossen sie uns von Helikoptern aus. Der Anführer der Miliz ist ein mächtiger Mann mit besten Beziehungen zur ehemaligen Militärregierung.»

Die Milizen stehen zudem unter dem Kommando der Armee. Während einige Soldaten also an einem Ort den Drogenanbau bekämpfen, profitieren sie in anderen Gebieten selbst davon. Auch ist es ein offenes Geheimnis, dass in Burma während der 50-jährigen Militärherrschaft einige Personen mit guten Verbindungen zu den Generälen dank der Opium-Produktion zu Multi-Millionären wurden.

Lo Hsing Han

Bildlegende: Geschäftsmann Lo Hsing Han sagt, er habe heute nichts mehr mit dem Drogenhandel zu tun. Reuters

Drogen als alternative Währung

Lo Hsing Han, der Gründer der Firma Asia World, eines der grössten Konglomerate des Landes, war einer der bekanntesten Drogenbarone. Sein Drogenimperium wurde lange Jahre von den Generälen geduldet, da er sich bei Verhandlungen mit den Rebellen als nützlich erwies. Zudem schanzten ihm die Militärs grosse Infrastrukturprojekte zu, so etwa die Erweiterung des Flughafens von Rangun.

Korruption sei ein Problem, und Teile der Regierung sowie einige Rebellen seien involviert ins Drogengeschäft – jedoch nicht alle, bestätigt Troels Vester, der Chef der UNO-Drogenbekämpfungsbehörde in Burma: «Wir haben es hier mit internationalem Verbrechen zu tun. Viele sind involviert: vom Bauern bis zu den grössten Geldwäschern.»

Laut Vester gibt es heute eine eigene Drogenökonomie im Land: «In der wird mit Drogen bezahlt.» Die Gebiete des Drogenanbaus überschneiden sich mit jenen des Bürgerkriegs. «Das bedeutet, es wird keinen Frieden in Burma geben, wenn das Drogenproblem nicht gelöst wird», schliesst der UNO-Vertreter daraus.

Nach dem Waffenstillstand: Kaffee statt Mohn

In einem kleinen Pilotprojekt im zentralen Gliedstaat Shan hat die UNO-Behörde nun Bauern und Rebellen davon überzeugt, Schlafmohn durch Kaffee zu ersetzen. Auch der 40-jährige Bauer Lao Nan baut heute keinen Schlafmohn mehr an. Denn vor einem Jahr hat die Regierung mit den Rebellen in seiner Region ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Seither fehlen ihm die Abnehmer.

Doch dem Fluch der Drogen ist er nicht entkommen. Jeden Tag geht er in ein Methadon-Abgabezentrum in der Nähe seines Dorfes, um seine Dosis zu kriegen. Ehemalige Heroin-Abhängige spielen hier Carambole und Gitarre. Es sind Männer, die in Bergbauminen oder als Lastwagenfahrer gearbeitet haben, oder Bauern, die Schlafmohn angebaut haben. Viele von ihnen verfielen dem Stoff aus Unwissen.

«Meine Kollegen sagten mir, die Drogen würden mich glücklich und entspannt machen. So begann ich zu rauchen und später zu spritzen. Vor zwei Jahren versuchte ich aufzuhören, aber es war hart. Oft bin ich deprimiert», sagt Lao Nan.

Eines der Hauptanliegen von Aung San Suu Kyi

Laut Schätzungen der UNO spritzen 90'000 Burmesen Heroin. Wer sauber werden will, hat kaum Chancen. Es gibt nur ungefähr zwanzig Therapiezentren mit wenigen Plätzen. Zudem ist bereits der Konsum strafbar. Wer erwischt wird, landet meist im Gefängnis, nicht in der Therapie. Die Regierung von Aung San Suu Kyi hat das Problem erkannt und die Drogenbekämpfung zu einem ihrer Hauptanliegen erklärt.

Doch der Stoff ist billig, das Bewusstsein der zerstörerischen Wirkung klein, das Geschäft gross. Der Kampf wird ein schwieriger werden.

Mehr zum Thema hören Sie in der Sendung International am 27. und 28. August.