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Christen im Irak «Diese Weihnachten werden einzigartig»

Karakosch ist das Zentrum der Christen im Irak. Nach drei Jahren Terrorherrschaft des IS feiern viele zurückgekehrte Christen dieses Jahr wieder zum ersten Mal Weihnachten in ihrer Heimatstadt. Nahost-Korrespondent Pascal Weber hat Karakosch und seine Einwohner besucht.

Legende: Video Weihnachten im Irak abspielen. Laufzeit 2:33 Minuten.
Aus Tagesschau vom 23.12.2017.

Lange Jahre war die Kirche der unbefleckten Empfängnis die grösste christliche Kirche im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Heute ist das Hauptschiff ausgebrannt. Die Terroristen des Islamischen Staats (IS) hatten die Kirche missbraucht, um hier ihre Leute zu unterrichten. In einer Ecke hatten sie ein kleines Lazarett eingerichtet.

Und sie hatten die Kirche und ihren Innenhof benutzt, um Schiessübungen abzuhalten: «Es war ihr Schiessstand! Sie haben aus der Kirche heraus auf Ziele gegenüber im Hof gezielt und umgekehrt. Ihr könnt immer noch die Kugeln in den Türen und am Boden sehen», erzählt der Pater Boutros Qaqo.

«Als hätten sie uns direkt ins Herz geschossen»

Boutros Qaqo kann es heute noch nicht fassen, was die Terroristen hier angerichtet haben: eine Kirche als Schiessstand. Am anderen Ende des Hofes sind die Einschusslöcher deutlich zu sehen. Als Zielscheibe diente ausgerechnet der älteste Teil der Kirche. Mauern, die seit dem 12. Jahrhundert hier stehen. «Es ist, als hätten sie uns direkt ins Herz geschossen. Als wir das gesehen haben – es war extrem schmerzvoll.»

Betende Frauen.
Legende: In einer kleinen Kapelle treffen sich die Frauen des Quartiers zum Abendgebet. SRF/Pascal Weber

Aus einer kleinen Kapelle direkt nebenan schallt Gesang. Die Frauen von Karakosch haben sich hier versammelt, um das Abendgebet abzuhalten. «Wir sind froh, wieder hier zu sein. Natürlich, es ist alles kaputt. Aber fliehen zu müssen, deine Heimat verlassen zu müssen, in der Fremde zu leben – das ist kein gutes Leben! Da sind wir lieber wieder hier, aller Schwierigkeiten zum Trotz», erzählt Iman Zakaria.

Die Frauen ringsum nicken. Sie sind der gleichen Meinung wie Iman Zakaria, die sich mutig vor das Mikrophon stellt und dem Fremden aus der fernen Schweiz antwortet.

«Unser Haus ist komplett ausgebrannt, aber der Vermieter will trotzdem Geld von uns. Dabei haben wir kaum mehr etwas. Sagt das den Leuten in der Schweiz. Wir brauchen Hilfe.»

Die Lage sei für zu unsicher im Irak

Von den einst fast 50’000 Christen, die bis vor dem Sturm des IS in Karakosch gelebt haben, sind inzwischen etwas mehr als die Hälfte zurückgekehrt. Auch Sabah Majid Sefo. Sefo verkauft Nüsse, die besten Nüsse im ganzen Nahen Osten kämen aus dieser Region, ist er überzeugt. Die Geschäfte würden wieder laufen – jetzt, kurz vor Weihnachten, sogar sehr gut. «Diese Weihnachten wird einzigartig! Dieser Ort lebt wieder, wir fühlen uns wie neugeboren.»

Priester Boutros Qaqo ist sich hingegen nicht sicher, ob die Christen hier wirklich eine Zukunft haben. Zu unsicher sei die Lage im Irak, sagt er: «Alles kann sich von einem Tag auf den anderen komplett ändern. Niemand garantiert uns, dass nicht morgen schon wieder alles anders aussieht!»

Solange die Menschen fürchten müssen, wegen ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit fliehen zu müssen, wird im Nordirak, wird im Nahen Osten nie Ruhe einkehren.

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Legende:Die Terrormiliz IS hat einen Grossteil seiner eroberten Gebiete in Syrien und Irak wieder verloren.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Gleiche Zerstörung wie Aleppo andere Berichterstattung, warum stand hier jetzt nirgends, dass es eine Tote Stadt sei?
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Oh wie gönn' ich den Christen im Irak und anderen muslimischen Ländern eine friedliche Weihnachtszeit, frei von Terror und Verfolgung. Ich wünsche ihnen vor allem eine ruhige, angstfreie Zeit mit ihren Angehörigen, in der Kirche und privat zu Hause.
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    1. Antwort von Daniele Röthenmund (gerard.d@windowslive.com)
      Ich wünsch dies allen Friedfertigen Menschen unabhängig von Religion!
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    2. Antwort von Lars Graf (Lars)
      Ich wünsche allen Menschen die friedlich sind und keine Gewalt Ideologie Unterstützen schöne Weihnachten.
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  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Rund 1,5 Millionen Christen lebten vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im Irak; im März 2003 waren es noch geschätzte 400.000. Interview mit Dr.John Eibner, Nahost-Verantwortlicher CSI - Warum unterstützen wir den Dschihad und nicht die Christen? - Ihre These lautet also, dass die USA im Interesse der Geopolitik die Christen im Nahen Osten geopfert- haben? Ja. Nicht dass die Amerikaner die Christen eigenhändig ausrotten würden, es genügt, dass sie kein Interesse an ihnen zeigen.
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    1. Antwort von Matthias Stäubli (M.Stäubli)
      Stimmt! Der sogenannt "christliche Westen" hat die Lage der Christen im Nahen Osten am nachhaltigsten beschädigt. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wie würden wir an ihrer Stelle denken und handeln? - Genauso desillusioniert und verzweifelt. Für mich am Schlimmsten: Wo blieb der Aufschrei der "weltweiten Christenheit" (ich zähle mich dazu)? - Wenn die Bushs/Blairs/Obamas/Trumps Weihnachten inszenieren, ist es nur zum K.... Dennoch: Frohe Weihnachten - auch in Irak & Syrien
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    2. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Wenn ich bedenke was die Christenheit alles angerichtet hat, vor allem in Amerika, aber euch heute noch bei der Zerstörung von uralter Weisheit in den Naturreligionen Südostasiens, wo Missionare mit Waffen, Geld und Lügen missionieren gehen, dann würde ich für diese Religion nie aufschreien, eigentlich für gar keine Religion. Die alte Kultur und Tradition die im Mittleren Osten verloren geht, die finde ich hingegen sehr bedauernswert.
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