Christenverfolgung im 21. Jahrhundert

Im Einzugsgebiet der Terrormiliz IS sind Christen von Verfolgung oder Vertreibung bedroht. Mehr als zwei Millionen Christen haben inzwischen ihre Heimat verlassen. Die an sie gerichtete Weihnachtsbotschaft von Papst Franziskus lässt nun wieder Hoffnung aufkommen.

2014 war ein schreckliches Jahr für die Christen im Nahen und Mittleren Osten: In den Wirren der Konflikte und Krisen machen Dschihadisten im Einflussgebiet der Terrormiliz IS Jagd auf sie, andernorts wird die christliche Minderheit zusehends ausgegrenzt.

Papst Franziskus au seinem Balkon, im Vordergrund steht ein geschmückter Weihnachtsbaum.

Bildlegende: Der Papst bekundet sein Mitgefühl für die verfolgten Christen im Nahen Osten. Reuters

Die Diskriminierung und die Vertreibung von nahezu zwei Millionen Gläubigen sind auch im Vatikan nicht verborgen geblieben. In seiner Weihnachtsbotschaft hat Papst Franziskus ihnen Mut zugesprochen.

«Täglich verfolge ich die Nachrichten über das enorme Leiden vieler Menschen im Nahen Osten. Ich denke besonders an die Kinder, die Mütter, die alten Menschen, an die Vertriebenen und die Flüchtlinge, an alle, die Hunger leiden, an die, welche die Härte des Winters auf sich nehmen müssen ohne ein schützendes Dach über dem Kopf», erklärte Franziskus am Dienstag. «Dieses Leiden schreit zu Gott und ruft uns alle zum Einsatz auf.»

Die Staatengemeinschaft ist gefordert

Das Oberhaupt der Katholiken beschrieb die Terrormiliz als eine «ganz neue und besorgniserregende terroristische Organisation von bisher unvorstellbaren Ausmassen, die alle Art von Gesetzwidrigkeiten begeht und menschenunwürdige Praktiken anwendet».

Die internationale Gemeinschaft müsse «über Verhandlungen und mit Hilfe diplomatischer Aktivitäten» mehr gegen die Gewalt tun. «Ich bekräftige meine ganz entschiedene Missbilligung des Waffenhandels. Wir brauchen vielmehr Friedenspläne und -initiativen, um eine globale Lösung der Probleme der Region zu fördern», so der Papst.

Wie dramatisch die Lage der Christen ist, zeigt ein Blick auf den Weltverfolgungsindex 2014 des christlichen Hilfswerks Open Doors. Syrien und Irak liegen dort auf den Plätzen drei und vier. Schlimmer wird dem Index zufolge nur in Nordkorea und Somalia gegen Christen vorgegangen.

IS verlangt Schutzsteuer von Christen

Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung sind faktisch an der Tagesordnung. Nach der Eroberung der nordirakischen Stadt Mossul durch die IS-Miliz wurden die Christen aufgefordert, zum Islam zu konvertieren oder eine Schutzsteuer zu entrichten. Wer sich weigerte, wurde mit dem Tod bedroht. Mindestens 300'000 Menschen ergriffen daraufhin die Flucht in die umliegenden Kurdengebiete.

Insgesamt sind seit der US-Invasion im Jahr 2003 in den Irak 1,2 Millionen der einst 1,5 Millionen Christen aus dem Land geflohen.

Singende koptische Christen halten ein Kreuz in der Hand.

Bildlegende: Vor allem in Ägypten sind die koptischen Christen als religiöse Minderheit unter Druck. Reuters

Christen zwischen den Fronten in Syrien

Auch in Syrien steht es schlecht um die Christen. Vor dem Bürgerkrieg waren knapp 10 Prozent der mehr als 20 Millionen Einwohner des Landes Christen. Auch hier gerieten sie zwischen die Fronten der Regierungstruppen von Präsident Bascher al-Assad und den Gegnern des Regimes. Aktivisten schätzen, dass seither gegen 40 Prozent der Christen geflohen sind.

Selbst Ägypten, das einst als sicherer Hort der koptischen Christen galt, ist die Lage seit dem Arabischen Frühling kritisch. 2011 gab es regelmässig religiös motivierte Übergriffe auf Kopten, oft mit tödlichem Ausgang. In der aktuellen Verfassung Ägyptens sind die Rechte der Christen wieder stärker verankert.

Die koptische Kirche ist heute die grösste christliche Gemeinschaft im Nahen Osten: Unter den 80 Millionen Ägyptern leben 7 bis 12 Millionen Kopten. Doch auch sie sind unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi keineswegs sicher. Vor allem auf dem Land gibt es immer wieder Angriffe auf Kirchen und Wohnhäuser.

In seinem Brief an die Christen in den bedrohten Gebieten spricht der Pontifex den Gläubigen seine Solidarität und Nähe aus. Ob die Botschaft auch andernorts Gehör findet, bleibt abzuwarten.

In vielen islamischen Ländern werden Christen wegen ihres Glaubens bedrängt, unterdrückt oder verfolgt. Eine Auswahl:

TürkeiGebiete der heutigen Türkei waren einst Keimzelle und Kernland des Christentums. Heute sind die knapp 100 000 Christen nur eine kleine Minderheit unter den 81 Millionen Türken. Viele Christen beklagen, dass der Staat ihnen keine volle rechtliche Gleichstellung mit den Muslimen gewährt und dass sie im Alltag Diskriminierung erleiden. Nach einer Serie tödlicher Anschläge vor einigen Jahren ist die direkte Verfolgung von Christen aber eine Ausnahme. Nach Ansicht christlicher Hilfsorganisationen geht die Bedrohung vor allem von fanatischen türkischen Nationalisten aus.
SyrienDer Bürgerkrieg hat die Lage der Christen in Syrien dramatisch verändert. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad verstand sich als weltlicher Staat, auch wenn der Präsident Muslim sein musste. Bis zu 10 Prozent der mehr als 20 Millionen Einwohner sind Christen. Obwohl die meisten von ihnen versucht haben, sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten, sehen sie sich Anfeindungen ausgesetzt. Aktivisten schätzen, dass etwa 40 Prozent der Christen geflohen sind, in die Nachbarstaaten und nach Europa. Viele der Flüchtlinge lebten zuletzt in Gebieten, die von islamistischen Rebellen kontrolliert werden.
IrakAls 2003 die von den USA angeführte Invasion des Landes gegen Saddam Hussein begann, lebten dort etwa 1,5 Millionen Christen, heute sind es nur noch rund 300 000. Die Gruppe Islamischer Staat (IS) geht immer brutaler gegen Andersgläubige vor. Nach einem Ultimatum der Terroristen flüchteten im Juli 2014 praktisch alle Christen aus der nordirakischen Stadt Mossul. 2003 lebten dort 50 000 Christen. Volle Kirchen findet man fast nur noch im Autonomiegebiet der Kurden.
PakistanNicht-Muslime - darunter Christen und Hindus - stellen weniger als 5 Prozent der rund 180 Millionen Pakistaner. 2013 wurde der bislang schwerste Anschlag auf Christen in der Geschichte der Islamischen Republik verübt. Selbstmordattentäter rissen an einer Kirche in Peshawar 86 Menschen mit in den Tod. Zudem werden Christen in Pakistan oft zur Zielscheibe meist absurder Blasphemievorwürfe, in deren Folge auch Menschen getötet werden.
ÄgyptenDer Islam ist Staatsreligion, doch die nach dem Sturz der Muslimbrüder erlassene neue Verfassung garantiert Christen, ihre familiären Angelegenheiten nach ihren eigenen religiösen Vorschriften zu regeln. Die Christen - knapp 10 Prozent der 87 Millionen Ägypter - klagen aber weiterhin über Diskriminierung. Besonders auf dem Land gibt es immer wieder Angriffe auf Kirchen und Wohnhäuser.
NigeriaVor allem im islamischen Norden werden Christen drangsaliert und unterdrückt, Zehntausende sind in den Süden geflohen. Kinder werden zu Islamunterricht gezwungen, Mädchen zwangsweise verheiratet. Die islamistische Sekte Boko Haram kämpft seit Jahren gegen Christen und für einen islamischen Staat. Nach spektakulären Anschlägen auf Kirchen im Jahr 2012 gab es in den vergangenen Monaten viele Übergriffe mit zahlreichen Toten und Verletzten.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Rückeroberung der Stadt Sindschar

    Aus Tagesschau vom 22.12.2014

    Vier Monate nach der Blitzoffensive der Terrormiliz IS im Irak steht die strategisch wichtige Stadt Sindschar offenbar vor der Rückeroberung. Seit letztem Donnerstag melden die kurdischen Peschmerga bedeutende Geländegewinne im Nordirak.