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Weissrussland: Niemand kümmert sich um das Coronavirus
Aus Rendez-vous vom 26.03.2020.
abspielen. Laufzeit 04:17 Minuten.
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Coronavirus in Weissrussland Der «letzte Diktator Europas» und die «Psychose»

Alexander Lukaschenko regiert Weissrussland seit 25 Jahren mit harter Hand. Die Corona-Epidemie ist für ihn Hysterie.

Der Fussball in Weissrussland zeigt dem Coronavirus die Rote Karte. Planmässig und mit Zuschauern auf den Stadiontribünen haben die Klubs des Landes zwischen Polen und Russland den Spielbetrieb für die Meisterschaft aufgenommen.

«Eine Oase in der toten Fussballwüste» – so sahen es Fussballkommentatoren im Fernsehen.

Leute am sitzen.
Legende: «Social Distancing»? Nicht in den Fussballstadien von Weissrussland. Keystone

Weissrussland ist derzeit das einzige Land auf dem europäischen Kontinent, wo Corona nicht zu existieren scheint. Nicht etwa, weil Weissrussland keine Infizierten hätte: Bis am Mittwoch waren es knapp 90 bestätigte Fälle.

«Die zivilisierte Welt ist verrückt geworden»

Der als «letzter Diktator Europas» kritisierte Präsident Alexander Lukaschenko sieht keinen Grund für «drakonische Massnahmen». Der 65-Jährige gab früh die Devise aus, dass die Corona-Panik am Ende schlimmer sein könne, als das Virus selbst.

«Ich nenne dieses Coronavirus nicht anders als eine Psychose und lasse mich auch nicht davon abbringen», sagte Lukaschenko. «Die zivilisierte Welt ist verrückt geworden, und die Politiker haben schon damit angefangen, die Situation für ihre Interessen auszunutzen.» Es sei eine «absolute Dummheit», etwa Grenzen zu schliessen.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

Nehmen also alle Weissrussen das Virus auf die leichte Schulter? Nein, meint SRF-Russland-Korrespondent David Nauer: «Es gibt Berichte, dass gewisse Restaurants in der Hauptstadt Minsk inzwischen bereits halbleer sind, weil die Leute Angst haben. Es gibt Studenten, die sich weigern, an Vorlesungen zu gehen und Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken wollen.»

Junge Bevölkerung informiert sich

Vor allem bei der ländlichen Bevölkerung habe Lukaschenko grosse Unterstützung, so Nauer. «Die denken weiterhin, das Virus sei nicht viel anderes als eine gewöhnliche Grippe oder sogar eine westliche Hysterie.»

Bei der jungen städtischen Bevölkerung sehe das ganz anders aus: «Die junge Bevölkerung liest auch internationale Medien. Die wissen sehr genau, was das Virus ist und was es in der Welt gerade anrichtet.»

Auch bei der Fussball-Liga nimmt die Kritik zu. «Die weissrussische Meisterschaft mit Zuschauern – das ist einfach Wahnwitz», sagte Ex-Profi Sergej Alejnikow. Er wirft den Funktionären Leichtsinn vor.

Mann in Anzug.
Legende: Lukaschenko regiert Weissrussland seit 1994. Keystone

Weissrussland lebt weiter, als ob nichts geschehen wäre. Nauer kennt dafür mögliche Gründe: «Lukaschenko ist seit 1994 an der Macht und ich denke, dass er in dieser Zeit den Bezug zur Realität verloren hat. Er ist es sich gewohnt, dass immer alle tun, was er will. Aber das Virus hält sich eben nicht an diese Regeln.»

Dazu komme wohl, dass Lukaschenko wirtschaftliche Befürchtungen habe, sein Land sehr arm sei und sich einen wirtschaftlichen Stillstand nicht leisten könne, meint Nauer.

Keine Gegner in Sicht

Ob die aktuelle Corona-Epidemie für Lukaschenko gefährlich wird, dafür gibt es für Nauer unterschiedliche Sichtweisen: «Eine massive Wirtschaftskrise könnte ihm sicherlich schaden, denn er hat die Unterstützung von vielen Bürgern bisher mit sozialen Leistungen quasi erkauft.»

Andererseits: «Lukaschenko hat alle politischen Gegner aus dem Weg geräumt und es gibt niemanden, der einen solchen Aufstand gegen den Autokraten überhaupt anführen könnte.»

Vorerst sind Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie etwa in der russischen Hauptstadt Moskau mit geschlossenen Stadien, Schwimmbädern und Fitnessclubs in Weissrussland nicht in Sicht.

Rendez-Vous, 26.3.2020, 12:30 Uhr; srf/agenturen/hosb

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22 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Peter Waldvogel  (Uhu52)
    Bei allen (möchte gerne) Diktatoren ist es dasselbe. Sie meinen alles im Griff zu haben. Ein Virus hört halt nicht auf sie. Das ist für diese Leute nicht akzeptabel. Siehe zB auch Ungarn oder USA.
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  • Kommentar von Walter Eiselen  (W.E.)
    Zynismus pur: Es ist schon viel besser wie im Mittelalter! Man hat Bagger, um Massengräber auszuheben; Militärlastwagen, um die Leichen heranzukarren; grosse Hallen, die man zu einfach zu Seuchenlazaretten bzw. Leichenhallen umfunktionieren kann. Man deklariert einfach, die Bürger seien selbst für ihre Gesundheit verantwortlich...Wer weiss, welchen Vorteil Lukaschenko für sich und seinen Clan mit dieser Politik erzielen will?
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    1. Antwort von Marc Hofer  (M. Hofer)
      @Eiselen Wahre Worte....!! Da gibt es Diktatoren, man nennt sie z.T. auch Präsidenten, die mit der Volksgesundheit einfach "russisch Roulette" spielen. Gott sei Dank lebe ich in der Schweiz!!!
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  • Kommentar von Marta Gfeller  (Gfeller)
    Guter Journalismus Herr Nauer, danke. Er zeigt implizit die Vor- und Nachteile einer Diktatur in solchen Krisenzeiten. Ethisch ist das Verhalten von Lukaschenko sehr fragwürdig. Ob schwedischer, italienischer oder belarussischer Ansatz - ich hoffe sehr, dass wir bald einen Lichtblick sehen können.
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