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Giftgas-Angriff in Syrien «Damaskus ist es völlig egal, wenn viele Zivilisten sterben»

Für Syrien-Kenner Guido Steinberg ist völlig klar, dass Assad den Angriff verantwortet. Konsequenzen müsse er keine fürchten.

Legende: Audio Giftgasangriff: «Eine Gewaltdemonstration Assads» abspielen.
5:18 min, aus Echo der Zeit vom 06.04.2017.
  • Der Giftgas-Einsatz in Syrien vom Dienstag, bei dem mehr als 80 Menschen starben, erschüttert die Welt.
  • US-Präsident Trump droht Assad, doch der UNO-Sicherheitsrat kann sich nicht auf eine Resolution einigen: Moskau hält die schützende Hand über Damaskus.
  • So lange dies so bleibe, habe das Assad-Regime nichts zu befürchten, sagt der Syrien-Experte Guido Steinberg.

SRF News: Die jüngsten Giftgasangriffe in Syrien sollen laut den USA von der syrischen Armee verübt worden sein. Diese bestreitet das und wird von Moskau gedeckt. Wem glauben Sie?

Guido Steinberg: Ich glaube den Russen und den Syrern kein Wort. Ich bin überzeugt, dass das syrische Regime einmal mehr Giftgas eingesetzt hat. Bisher hat nur dieses solche Mittel in grösserem Ausmass eingesetzt. Auch sind in der betroffenen Region zwar dschihadistische Kämpfer unterwegs, diese haben bisher aber nie Giftgas eingesetzt. Sie haben auch nicht die Kapazitäten und Mittel, solches herzustellen und einzusetzen.

Ist das Giftgas-Arsenal der syrischen Armee nicht unter Aufsicht der Russen vernichtet worden?

Natürlich nicht. Zwar ist Syrien 2013 der Giftgas-Konvention beigetreten – und das war ein grosser Erfolg für die russische Politik. Trotzdem muss allen klar sein, dass sich die Syrer in einem solchen Konflikt die Option offen halten, mit einigen Giftstoffen weiterzukämpfen.

Dem syrischen Regime fehlt es an Soldaten, um das grosse Territorium zu beherrschen.
Karte von Syrien.
Legende: Im Süden Idlibs wurde der Giftgasangriff verübt. SRF

Wieso sollte die syrische Armee gerade jetzt zu solch verbrecherischen Mitteln greifen?

Die Armee greift schon seit Jahren immer wieder zu Giftstoffen, meist allerdings zum weniger gefährlichen Chlorgas. Das Motiv ist immer das gleiche: Dem Regime fehlt es an Soldaten, um dieses grosse Territorium auch nur halbwegs zu beherrschen. In den letzten Wochen nun hat es im betreffenden Gebiet – dem nördlichen Hama und südlichen Idlib – grössere Offensiven der Rebellen gegeben, wobei die Regimetruppen unter Druck gerieten. In dieser Situation nutzen die Truppen, was gerade da ist – und wenn das Giftgas ist, und dabei viele Zivilisten sterben, ist das den militärischen Planern in Damaskus völlig egal.

War das eher eine Verzweiflungstat oder eine Machtdemonstration des syrischen Regimes?

Wohl eher eine Machtdemonstration. Der Aufstand ist sehr geschwächt und mir scheinen eher die Offensiven der Aufständischen in den letzten Wochen Verzweiflungstaten gewesen zu sein. Das Regime zeigt, dass es die Unterstützung Russlands hat und tun kann, was es will, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen: Die USA werden nun kaum Luftschläge gegen Assad durchführen. Dieser sitzt immer noch fest im Sattel und er wird die Geschicke Syriens noch längere Zeit mitprägen.

Das Regime hat die Unterstützung Russlands und kann tun, was es will, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.
Legende: Video Giftgasangriff in Syrien abspielen. Laufzeit 5:25 Minuten.
Aus 10vor10 vom 04.04.2017.

Welches militärische Ziel wurde mit dem Giftgas-Angriff erreicht?

Zwar sind sicher ein paar Aufständische ums Leben gekommen – die Stadt Chan Schaichun ist seit je her eine Hochburg des Aufstands gegen Assad. Es geht aber vor allem darum, den Rebellen klar zu machen, dass die Zivilbevölkerung leiden muss, wenn die Kämpfe weitergehen. Das Regime versucht mit solchen Angriffen, die Bevölkerung zur Flucht zu bewegen, um anschliessend die militärische Eroberung zu Erleichtern. In Aleppo waren es Fassbomben, die über Monate über der Zivilbevölkerung abgeworfen wurden. Giftgas ist bloss eine ganz besonders grausame und brutale Variante der syrischen Kriegsführung, wie wir sie mittlerweile seit fast sechs Jahren kennen.

Wir wissen seit 2012, dass wir es mit Assad mit einem Massenmörder zu tun haben.

Das Massaker ist auf grosse internationale Empörung gestossen. Kann das im Interesse von Assad liegen?

Das kann Damaskus weitgehend egal sein. Das sieht man an der russischen Reaktion, die zeigt, dass das syrische Regime keine Probleme mit Moskau zu befürchten hat. Die russische Politik hat in den letzten Jahren die Lüge als Mittel in der internationalen Politik entdeckt – denken sie nur an den Abschuss des malaysischen Flugzeugs über der Ostukraine und all die anderen Geschichten, die wir uns von den Russen anhören müssen. So lange Moskau seine schützende Hand über Damaskus hält, die Iraner auf der Seite Assads stehen und schiitische Milizen für das Regime kämpfen, muss Assad nichts befürchten.

Eine unabhängige Untersuchung ist nun angesetzt worden. Kann sie die Täterschaft für den Giftgasangriff klären?

Das kann sie wohl schon. Es wird sicher bald Gewissheit über die Urheber herrschen – allerdings werden die syrische, russische und iranische Seite weiterhin an der Lüge vom Giftgaseinsatz durch die Rebellen festhalten. Deshalb wird die unabhängige Untersuchung keine grossen Auswirkungen auf den Konflikt haben. Wir wissen ohnehin seit 2012, dass wir es mit Assad mit einem Massenmörder zu tun haben.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Guido Steinberg

Portrait von Guido Steinberg

Der promovierte Islamwissenschaftler ist Sicherheitsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Bis 2005 arbeitete er als Terrorismusreferent für die deutsche Regierung. An der SWP erforscht er die Politik des Nahen Ostens und den islamistischen Terrorismus.

13 Kommentare

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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber (SeDem)
    Assad lässt Babys mit Sarin ermorden, Putin hält seine schützende Hand über Assad und verhindert, dass dieser Massenmord überhaupt auch nur untersucht werden kann: Zynischer kann "Politik" nicht sein. Doch nichts bleibt für immer - irgendwann wird auch Putin einem Anderen Platz machen müssen. Gut möglich, dass er dann - zusammen mit Assad - vor Gericht und schliesslich hinter Gittern landen wird.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Während jetzt aber der IS inkl. die Verbündeten weiterhin unschuldige Menschen ermorden können! Trump wollte doch verstärkt gegen den IS in Syrien vorgehen! Mit seinem Angriff aus Assads Truppen aber unterstützt er jetzt den IS & Co. Ist das denn besser? Die USA hat wohl bisher zuwenig an diesem scheusslichen Krieg verdient. Und man ja jetzt die Wirtschaft ankurbeln will, passt ja diese "Strategie". Der Dollar muss rollen!
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  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Eine Militärintervention in Syrien ist nahe; viele Syrer äussern ihre Sorge in den sozialen Medien. Seit Vietnam mehrere Millionen tote Zivilisten auf dem Gewissen und nichts daraus gelernt. Gemäss dem britischen Militärlabor Porton Down in Wiltshire stammte das 2013 eingesetzte Sarin nicht aus syrischen Regierungsbeständen. Mitglieder der Terrorgruppe Al-Nusra Front (jetzt Tahrir al-Sham), von Steinberg als "Aufständische" glorifiziert, wurden in der Türkei im Besitz von Sarin erwischt.
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    1. Antwort von Sebastian Demlgruber (SeDem)
      Vietnam?! Porton Down (in Wiltshire!)? Und all die vielen Syrer, die Angst haben (nein, nicht vor Assad und Putin, nein...)? Und wie genau bestimmt man, aus welchen Beständen Sarin stammt? Und wann wurde die Al-Nusra-Front mit "Sarin in der Türkei erwischt" (Google weiss nix davon)? Tja, lauter Behauptungen, die durch nichts belegt sind und damit mal wieder den Verdacht begründen, dass alles frei erfunden ist, um von der Verwantwortung des Kremls abzulenken.
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    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      @S. D.: Aber bisher nicht bewiesen ist, dass es Assad war, sind auch ihre Argumente einfach nur Behauptungen. Genauso diejenigen des Nahost-Experten, welche plötzlich überall wie Pilze aus dem Boden wachsen. Plötzlich wollen alle Experten sein & immer alles ganz genau wissen.
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  • Kommentar von Jerg Stacher (JESSTA)
    Sehr tendenziös. Das ist eine Meinung, mehr nicht. Beweise gibt es keine. Geht ins gleiche Kapitel wie der Militärputsch in der Türkei. Man muss wirklich die Frage stellen wem nützt es am Schluss am meisten ? So kommt man vielleicht der Wahrheit etwas näher.
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