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International «Dann vergrabe ich mein Geld im Garten»

Nikosia ist keine Touristenhochburg, Zyperns Hauptstadt gilt als verschlafen. Heute aber, am Tag, an dem das entscheidende Treffen der Eurominister stattfindet, scheint Nikosia wie gelähmt. Taxifahrer, Ladenbesitzer, Kameraleute – alle warten. Viele haben resigniert. Ein Stimmungsbericht.

Markosia Avenue im Herzen von Nikosia
Legende: Markosia Avenue im Herzen von Nikosia: Die Strassencafés haben geöffnet, aber sie bleiben leer. SRF/Florian Inhauser

18 Grad und sonnig. Das ist die einzige gute Nachricht an diesem Nachmittag in Nikosia. Eigentlich ist das die einzige Nachricht. Denn der Nachmittag zieht sich hin – zähflüssig.

Alles wartet auf Nachrichten von Präsident Nikos Anastasiadis aus Brüssel. Aber der meldet sich nicht. Er lässt etwas ausrichten, von seinem Sprecher: Er habe eine sehr schwierige Aufgabe. Es gibt wohl niemanden in Zypern, der ihm das nicht glaubt. Aber es gibt nicht mehr viele, die ihm uneingeschränkt vertrauen. Das Vertrauen habe die Regierung verspielt, hört man immer wieder: «Zuviel Hin und Her. Zu viele Versprechungen. Zu viele gebrochene Versprechen.»

Das ganze Zentrum ist wie ausgestorben

Die Makarios Avenue ist die Bahnhofstrasse von Nikosia. Die Strassencafés haben geöffnet, aber sie bleiben leer. Das ganze Zentrum ist wie ausgestorben. Am Samstag sah das nicht anders aus, obwohl da auch die Geschäfte der Einkaufsmeile geöffnet hatten. Wenn man dann ein Geschäft betrat, wurde man vom Verkaufspersonal regelrecht bestürmt: Gut möglich, dass man der erste und letzte Kunde des Tages war.

Fernsehkameras vor dem Parlament in Nikosia
Legende: Warten auf Nachrichten: Vor dem Parlament in Nikosia stehen die Kameras der internationalen Fernsehstationen bereit. SRF/Florian Inhauser

Und noch etwas fällt auf an diesem Sonntag auf der Makarios: Beinahe jedes dritte Geschäft ist zu vermieten. Christos Avraamides ist Taxifahrer und er hat eine Erklärung: «Früher musste man eine halbe Million Euro hinblättern, bloss um so einen Laden mieten zu können. Und dann die Miete – gut und gerne 7000 Euro im Monat. So gut lief das Geschäft. Und jetzt? Jetzt steht alles leer.»

Leer bleiben auch die Tennisplätze beim «Nicosia Field Club». Nach Wettbewerb scheint heute Nachmittag niemandem zumute zu sein. Einer der wenigen Passanten auf der Strasse lacht im Vorbeigehen: «Game over!» Und ruft noch über die Schulter zurück: «Game, Set and Match for Angela Merkel!»

Viele zweifeln, ob die eigene Regierung wirklich auf der Gegenseite steht bei diesem Kräftemessen. Die Bevölkerung sei nie gefragt worden.

Der Nachmittag zieht sich hin

Vor dem Parlament tut sich nichts. Nicht einmal bei den Fernsehstationen, die dort ihre Kameras für Liveschaltungen aufgebaut haben. Die Journalisten warten – wie alle anderen auch. Auf Nachrichten aus Brüssel. Aber der Nachmittag zieht sich hin.

Das grosse Warten zermürbt Kameramann Georgios: «Wir wissen ja nicht einmal, ob das Parlament heute noch einmal zusammenkommt. Wird jetzt über diesen staatlichen Raub, diese Zwangsabgabe, abgestimmt oder nicht?»

Georgios ist überzeugt, dass es am nächsten Dienstag – wenn denn die Banken wieder öffnen – zu einem Sturm auf die Konten kommt. «Und dann hebe ich auch mein ganzes Geld ab. Egal ob es ein Rettungspaket gibt oder nicht. Dann vergrabe ich es im Garten!»

Umgestürzte Polizeiabsperrung
Legende: Resignation in Zypern: Auch wenn es zwischenzeitlich Hoffnung auf eine Lösung gibt, erwarten viele Zyprer Einschnitte. SRF/Florian Inhauser

Sir Mervyn King, der Chef der Bank of England hat einmal gesagt: «Es ist irrational, einen ‹Bankrun› zu starten. Aber es ist sehr rational, sehr vernünftig, an einem ‹Bankrun› teilzunehmen.» Kameramann Georgios scheint Sir Mervyn gut zugehört zu haben.

Alles wartet

Bei der verlassenen Polizei-Absperrung beim Parlament liegt ein kleines Papierfähnchen mit der Flagge von Zypern im Staub. Manchmal bewegt es sich ein bisschen im leichten Wind. Sonst regt sich fast nichts. Alles wartet.

Bis auf heute Abend. Wenn sich die Finanzminister der Eurogruppe in Brüssel treffen, dann wird vielleicht wieder demonstriert beim Parlament. Und vielleicht nimmt dann wieder jemand das kleine Papierfähnchen in die Hand. Wenn es Nachrichten aus Brüssel gibt.

Legende: Video Zyperns Parlament entscheidet über Abgaben abspielen. Laufzeit 0:45 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 24.03.2013.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von jc.heusser, erstfeld
    Mit immer Mitgliedstaaten und deren verschiedenen "Mentalitäten, Kulturen und Auffassungen" ist die EU nichtmehr regierbar und wird wie Ihre Währung zum "Rohrkrepierer" !
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  • Kommentar von Urs Keller, Binningen
    auch wenn die Banken in Zypern am Dienstag öffnen, sie werden Höchstbezugslimitten anordnen oder andernfalls in eingen Stunden wieder schliessen, den faktisch sind sie Bankrott. Zypern sollte sofort neues Geld drucken und Genossenschaften gründen um den Zusammenbruch zu vermeiden. Der Ausstieg aus dem Euro und EU ist wohl Tatsache ob gewollt oder durch die Fehleistungen der Politiker ist eine andere Frage. Wäre ich ein Zypriote, ich wäre einer in der ersten Reihe um mein Geld zu holen.
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    1. Antwort von Karl Sauter, Zürich
      Da weiss offenbar jemand sehr gut Bescheid - wie wäre es mit einem Angebot für ein Beratermandat an die zypriotische Regierung ...
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    2. Antwort von Marcel Amgwerd, Solothurn
      Genossenschaften - dass ich nicht lache! Genau mit diesem Schwachsinn hat es ja angefangen! Der Euro die grösste Umverteilungsmaschinerie der Geschichte ist gescheitert! Daran sind nicht Banken, sondern unfähige, in erster Linie sozialitische Politiker schuld! Die Geschichte hat sich einmal mehr wiederholt: Immer wenn die Politik die Notenbanken für ihre Vorhaben missbrauchen, entspricht der Wert des Geldes langfristig dem Papier worauf es gedruckt ist!
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