Das hat Slowenien der Schweiz voraus

In der Schweiz verdienen Frauen 20 Prozent weniger als Männer. Ganz anders sieht es in Slowenien aus: Dort beträgt der Unterschied gerade einmal drei Prozent. Woran das liegt, sagt Südosteuropa-Korrespondent Walter Müller.

Slowenische Soldatinnen treten in ein Gebäude ein

Bildlegende: Gleicher Lohn bei gleicher Leistung? Slowenien ist näher am Ideal als andere europäische Staaten. Reuters

Am Ende des Monats haben Frauen in der Schweiz rund ein Fünftel weniger Lohn auf dem Konto als ihre männlichen Kollegen. Für diesen Lohnunterschied gibt es mehrere Gründe. Einerseits sind Kader – und damit Gutverdiener – meist Männer; zudem arbeiten Frauen oft Teilzeit oder verdienen gar nichts, wenn sie sich zu Hause um die Kinder kümmern. Ein Teil des Lohnunterschieds von rund 20 Prozent lässt sich also mit der Struktur des Arbeitsmarkts erklären. Ein weiterer Teil aber geht nicht auf solche Faktoren zurück. Sondern einzig darauf, dass die betroffenen Personen Frauen sind.

Wie die Daten von Eurostat zeigen, gehört die Schweiz mit einer Lohnungleichheit von 19,3 Prozent (2013) in Europa zum letzten Drittel. Noch schlechter als die Schweiz schneiden etwa Deutschland (21,6 Prozent) und Estland ab, das mit rund 30 Prozent Lohnunterschied das Schlusslicht bildet.

Gleiche Arbeit, gleiche Rechte, und die Küche noch dazu

Ganz am anderen Ende der Skala befindet sich – Slowenien. Dort beträgt der Lohnunterschied gerade einmal 3,2 Prozent. Dafür gebe es mehrere Gründe, sagt Südosteuropa-Korrespondent Walter Müller. Einer davon habe mit Sloweniens Vergangenheit als Teilstaat von Jugoslawien zu tun. In der Republik Jugoslawien habe nach dem Zweiten Weltkrieg – anders als in den sozialistischen Staaten in Osteuropa – tatsächliche Lohngleichheit geherrscht, sagt Müller. «In Jugoslawien gab es einen Staatsfeminismus. Dessen Credo war: Gleiche Arbeit, gleiche Rechte. Und: Sei eine gute Hausfrau.» Für die gleiche Arbeit gab es also gleich viel Geld; von den Frauen wurde aber zusätzlich erwartet, dass sie den Haushalt schmissen.

Mit Quoten der Zeit voraus

Slowenien hat diese Gleichstellungspolitik auch nach dem Zerfall Jugoslawiens beibehalten, sagt Müller. Einerseits habe das Land Kommissionen aufgestellt, die über die Lohngleichheit wachten. Dazu gehörte auch die Einführung von Frauenquoten in Politik und Arbeitswelt – Jahre bevor Westeuropa solche Quoten überhaupt erst diskutierte.

Andererseits habe sich Slowenien nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens dem Kapitalismus in kleinen Schritten angenähert: «Während beispielsweise Serbien eine neoliberale Politik verfolgte, hat Slowenien seinen Markt nur sehr vorsichtig geöffnet», sagt Müller. Auch das habe geholfen, die Lohnungleichheit klein zu halten.

60 Prozent Frauen an den Unis

Der Südosteuropa-Korrespondent nennt zwei weitere Faktoren, welche der Lohngleichheit zuträglich seien: Einerseits die starke Stellung der Gewerkschaften; andererseits der Frauenüberhang an Universitäten. «Im Jahr 2007/08 waren an der Uni 60 Prozent aller Studierenden Frauen.»

Müller befürchtet allerdings, dass das fortschrittliche System Sloweniens in Zukunft unter Druck gerät. So sei das Land beispielsweise gezwungen, seine Staatsbetriebe zu privatisieren. Damit werde es schwieriger werden, die Lohngleichheit halten zu können.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Demo zum Frauentag in Bern

    Aus Tagesschau vom 7.3.2015

    Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – dieser Satz steht seit über 30 Jahren in der Bundesverfassung. Und doch verdienen Frauen auch heute im Schnitt immer noch fast 20 Prozent weniger als Männer. 12‘000 Teilnehmer nahmen anlässlich des morgigen Frauentags in Bern an einer Kundgebung teil.

  • Fokus Lohngleichheit: Bundesrat will Zwangsmassnahmen

    Aus 10vor10 vom 22.10.2014

    Frauen und Männer sollen in der Schweiz bei gleicher Qualifikation und gleicher Arbeit auch den gleichen Lohn erhalten. Dieses Ziel besteht schon lange, umgesetzt wurde es bislang nicht. Nun handelt der Bundesrat. Simonetta Sommaruga erläutert die Massnahmen im Interview und Arbeitgeberpräsident Roland Müller kontert im Gespräch mit Moderatorin Daniela Lager.