«Das hat vor vier Monaten niemand geglaubt»

Im Zuge der Ebola-Epidemie in Westafrika bahnt sich eine riesige humanitäre Katastrophe in der ganzen Region an. Hat die Weltgemeinschaft zu spät reagiert? Deza-Vertreter Thomas Frey nimmt dazu Stellung.

Ein Mann transportiert mit einer Schubkarre Säcke voller Lebensmittel, im Bild auch ein Lastwagen des World Food Program.

Bildlegende: Das World Food Program der UNO verteilt Lebensmittel im von Ebola heimgesuchten Liberia. Reuters

SRF: Wie kann die Schweiz ihre Hilfe im Kampf gegen Ebola verstärken?

Thomas Frey: Es braucht mehr Leute, mehr Material und dafür braucht es mehr Geld. Wir von der Deza können nicht mehr Personal schicken, denn die Nothilfe im medizinischen Bereich liegt nicht in unserer Kernkompetenz. Deshalb werden wir weiterhin die hauptsächlichen Akteure Médecins sans Frontières und WHO unterstützen. Auch darf man nicht vergessen: Im Windschatten der Ebola-Epidemie breitet sich in der betroffenen Region eine komplexe humanitäre Katastrophe aus. Die öffentlichen Funktionen dieser Länder sind zusammengebrochen, sie sind komplett isoliert, die Nahrungsmittel werden immer knapper. Die meisten Kranken, welche nicht an Ebola leiden, werden nicht mehr behandelt. Die Menschen sterben wieder an Malaria oder an Durchfallerkrankungen. Es gibt also eine viel grössere Katastrophe als «nur» die Ebola-Epidemie. Deshalb haben wir dem Welternährungsprogramm der UNO zusätzlich eine Million Franken zur Verfügung gestellt.

Kuba schickt Ärzte, die USA schicken 3000 Soldaten und Personal nach Westafrika. Kommt deshalb nicht auch die Schweiz unter Zugzwang, mehr zu tun?

Es ist sehr gut, dass endlich grosse Akteure mit massiven Mitteln in Aktion treten. Darüber freuen wir uns sehr. Wir sehen uns aber deswegen nicht unter Zugzwang. Wir erhöhen unser Engagement, weil sich die humanitäre Krise weiter ausweitet, nicht weil wir uns in Konkurrenz zu anderen Ländern sehen. Wir sind daran weitere Mittel zu organisieren und auch weiteres Personal vor Ort zu schicken.

Hat die Welt – und auch die Deza – den Ebola-Ausbruch etwas verschlafen, hätte man nicht früher reagieren müssen?


«Es breitet sich eine humanitäre Katastrophe aus»

4:22 min, aus SRF 4 News aktuell vom 18.09.2014

Ich denke nicht, dass dieser Vorwurf gerechtfertigt ist. MSF und WHO haben sehr früh gewarnt, dass dieses Problem sehr gross werden würde. Doch es hat niemand geahnt, wie gross es wirklich werden und wie rasch dies geschehnen würde. Ähnliches geschieht bei humanitären Katastrophen immer wieder. Die Weltgemeinschaft – und die Schweiz – hat auch diesmal früh reagiert und die Mittel laufend aufgestockt, je grösser das Problem wurde. Unterdessen ist es derart gross geworden, dass wir glücklich sind, dass die Amerikaner mit Armeemitteln anrücken. Das hätte vor vier Monaten niemand geglaubt.

Thomas Frey

Thomas Frey ist in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit zuständig für die humanitäre Hilfe in Afrika.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Ebola-Epidemie kaum zu stoppen

    Aus Tagesschau vom 13.9.2014

    Derzeit sind bereits fünf Länder in Westafrika vom Ebola-Virus betroffen. Weltweit schlagen Experten Alarm. Vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, dem bedeutendsten Ebola-Forschungszentrum Europas, wurde verlautet, dass die Epidemie kaum zu stoppen sei.

  • Ebola: Berner Inselspital für den Ernstfall gerüstet (11.9.2014)

    Aus Einstein vom 1.1.2006

    Die Ebola-Epidemie breitet sich in West-Afrika weiter aus. In der Schweiz dagegen liegt das Infektionsrisiko noch immer bei praktisch Null. Trotzdem müssen die grossen Spitäler für den Ernstfall bereit sein. «Einstein» war bei einem «Ebola-Training» am Berner Inselspital dabei. Es zeigt: Im hochsterilen Umfeld eines Schweizer Spitals hätte das tödliche Virus keine Chance sich weiter auszubreiten.