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International «Das ist ein Konflikt, der eigentlich nicht zu lösen ist»

Trotz internationaler Vermittlungsbemühungen nimmt der Krieg in Gaza an Intensität zu. Mit den Extremisten auf beiden Seiten rückt eine Lösung in weite Ferne. Der israelische Historiker Tom Segev sieht die Demokratie seines Landes zunehmend geschwächt und kritisiert die Regierung wie auch die Hamas.

Historiker Tom Segev
Legende: Der israelische Historiker Tom Segev geht mit seiner Regierung wie auch mit der Hamas hart ins Gericht. Keystone/Archiv

Krieg als Schicksal, als immer wiederkehrender Fluch? Allein innerhalb der letzten sechs Jahre ist dies nun der dritte Gaza-Krieg. Der bekannte israelische Historiker und Schriftsteller Tom Segev sieht keine Anzeichen, dass sich dies ändern könnte.

«Das ist ein Konflikt, der eigentlich nicht zu lösen ist und deshalb immer wieder ausbricht. Es passiert alle paar Jahre wieder mit denselben Bildern», sagt er im Gespräch mit SRF in Jerusalem.

«Psychologisch selbstzerstörerische Phase»

Auch ein Waffenstillstand werde nur vorübergehend und nur an der Oberfläche die Lage beruhigen, sagt Segev weiter. Zu stark sei das Verhältnis auf beiden Seiten von Extremisten geprägt. Israel habe sich in eine Sackgasse manövriert: «Ich glaube, dass Israel psychologisch zurzeit eine selbstzerstörerische Phase durchmacht, die wirklich sehr erstaunlich ist.»

Die Zweistaaten-Lösung, die Frieden bringen könnte, ist nicht mehr wirklich realistisch. Zu gross ist der Widerstand der extremen Rechten in Israel, und zu stark haben die israelischen Siedlungen das palästinensische Land inzwischen zerstückelt.

Routine in Unterdrückung statt Lösung

Und auch die Idee eines binationalen Staates wirft grosse Fragen auf: Wenn die Palästinenser ohne Grundrechte darin blieben, würde man ihn als einen Apartheid-Staat sehen. Wären sie aber gleichberechtigt mit den Israeli, wäre das das Ende des jüdischen Staates, da es eine palästinensische und damit arabische Mehrheit gäbe.

Um diese Gefahr wüssten die Israeli seit dem Sechstage-Krieg 1967, stellt Segev fest. Bereits seit dieser Zeit habe man von diesem sogenannten «demografischen Problem» gesprochen. Israel habe dabei in der Unterdrückung der Palästinenser eigentlich eine «ständige Routine entwickelt».

Wer nichts mehr zu verlieren hat

Jetzt rücken einmal mehr die Lebensbedingungen der Palästinenser im übervölkerten und verarmten Gazastreifen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Segev lässt das Elend der Bevölkerung von Gaza nicht kalt: «Sie sind wirklich in einem Gefängnis und leben mit dem Gefühl, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.»

Israel hat nach seinen Worten den grossen Fehler gemacht, diese Menschen in eine solche Lage zu treiben: «Man zerstört einen Wohnblock, aber Elektrizität und Wasser hatten sie auch vorher nicht. Ebenso wenig eine Arbeit und Zukunft und auch keine Hoffnung.»

Unter diesen Umständen ist es laut Segev plausibel, dass die Hamas die Lockerung der Gaza-Blockade verlangt. Allerdings sei dies nur die harmlosere Seite der Hamas, die eigentlich die Politik einer islamistischen Diktatur betreibe: «Diese Grundideologie der Hamas macht es unmöglich, mit ihnen in Frieden zu leben.»

Neuer Terror mit modernen Waffen

Unter dieser Hamas habe sich die Terrorbedrohung gewandelt. Das umfangreiche Tunnelsystem überrasche selbst israelische Miltärs und Politiker:«Es ist nicht mehr ein Junge, der ins Café geht und sich mit einer Bombe in die Luft sprengt. Es ist eigentlich ein richtiger Staat mit fortgeschrittener Technik.» Wie die Hamas zu einem derart kraftvollen Arsenal mit Raketen komme, werde noch geklärt werden müssen.

Extremisten in Gaza und Extremisten in Israel. Früher hatten in der israelischen Regierung oft ehemalige Generäle das Sagen. Heute haben die Siedler und ihre Vertreter grossen Einfluss.

«Demokratie in Israel in grosser Gefahr»

Historiker Segev kritisiert in diesem Zusammenhang Aussenminister Avigdor Liebermann für den Aufruf, die Läden israelischer Araber zu boykottieren. Eine solch rassistische Haltung sei sehr gefährlich und abscheulich: «Wir waren immer stolz, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Die Demokratie in Israel ist heute schwächer und in grosser Gefahr. Ich glaube, das ist die wirkliche Gefahr für die Zukunft Israels.»

10 Kommentare

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  • Kommentar von j. von hettlingen, schwyz
    Tom Segev, Tzipi Livni und andere moderate Stimmen gehören zur Minderheit in Israel. Leider haben "die Siedler und ihre Vertreter" das Sagen. Radikale Siedler hatten kürzlich den jungen Palästinenser bei lebendigem Leib verbrennt! Aussenminister Avigdor Lieberman & Handelsminister Naftali Bennett betreiben eine kompromisslose Politik gegen Palästinenser, wollen sogar Neuwahlen ausrufen, um Netanyahu zu bestrafen, weil es ihm nicht gelungen hat, den Fatah/Hamas-Zusammenschluss zu diskreditieren.
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  • Kommentar von Gerri Müller, Zürich
    Wie der oberste geistliche Führer im Iran vorgeschlagen hat und zahlreiche Israelis dem beistimmen: Ein Referendum von allen die in diesem Gebiet gehören, könnte den Konflikt beenden. Aber vermutungsweise hätte Israel kein Interesse daran, denn sie hätte viel zu verlieren (identität, Land etc...), es kann daher angenommen werden, dass zionistische Strömungen dies verhindern würden...
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    1. Antwort von S. Bolliger, Kirchleerau
      ....das tönt äusserst wirr!
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  • Kommentar von Markus Hofmann, Canada
    Sehr guter Beitrag.Ich stimme mit Tom Segev absolut überein. Extremismus verdrängt überall die (leider) schweigende Mehrheit. Es liegt an eben dieser Mehrheit sich aufzuraffen und für ein friedliches Zusammenleben zu kämpfen. @ Peter Frei: Dieser Konflikt hat nichts mit Religion zu tun.Orthodoxe und Moslems lebten vor der Staatsgründung Israels friedlich zusammen.Es ist der Zionismus mit den fanatischen Siedlern, die ein Erez Israel anstreben mit dem Glauben, dass Gott ihnen dieses Land gegeben
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