«Das ist eine Provokation von Russland»

Russische Bomber an der Grenze zum Nato-Luftraum haben Westeuropa einen Schreck eingejagt. Über eine Provokation gehe das Manöver aber nicht hinaus. Die grösste Gefahr von solchen unangekündigten Übungen bestehe für die zivile Luftfahrt, meint ein Schweizer Militärexperte.

Russischer Bomber über dem Meer

Bildlegende: Russische Flugzeuge verletzten 2013 den japanischen Luftraum (Bild) und wurden letzte Woche über Estland abgefangen. Reuters

Was bezweckt Russland mit diesen Luftmanövern?

Es geht den Russen darum, die Einsatzbereitschaft ihres Personals, ihrer technischen Systeme zu testen. Das kann man grundsätzlich auf eigenem Hoheitsgebiet tun. Ein solches Manöver wie heute hat man in dieser Grössenordnung ausserhalb des russischen Hoheitsgebiets noch nicht gesehen. Dabei können Funksprüche der Gegenseite abgehört werden. Die russischen Flugzeuge sind entsprechend ausgerüstet. Ein solches Abfliegen der Luftraumgrenzen von benachbarten Staaten ist auch ein Test um zu sehen, wie die jeweiligen Luftwaffen darauf reagieren.

Da wird also ein Angriff auf Europa simuliert.

Das würde ich nicht so sehen. Aber es ist eine gezielte militärische und politische Provokation von russischer Seite.

Als Laie tönt das gefährlich. Ist es das?

Man sollte nicht dramatisieren. Das ist nicht der Auftakt zu einem militärischen Schlagabtausch zwischen Russland und der Nato. Aber es ist eine Provokation, und das Manöver folgte überraschend ohne Ankündigung, ohne Kommunikation. Wenn man auch die Transponder ausschaltet, gefährdet man damit die zivile Luftfahrt. Das ist meiner Einschätzung nach die grösste Bedrohung.

Die Nato hat auf diese Provokation reagiert und etwa deutsche und britische Kampfflugzeuge aufsteigen lassen. Geht es nun darum, Präsenz zu markieren?

Bestimmt. Die Nato ist ein Bündnis, das auch in Friedenszeiten die Souveränität ihrer Mitgliedsstaaten verteidigt. Das kann bis zum Abschuss eines Flugzeuges gehen, das in terroristischer Absicht in den Luftraum eines Nato-Staates eindringt. Das bedeutet ein gewisses Eskalationspotential.

Russland hat über das Manöver im Vorfeld nicht informiert, wie das eigentlich üblich ist. Ist das als Beleidigung zu werten?

Das ist die politische Seite der Provokation. Das Wiener Dokument der OSZE beinhaltet sicherheits- und vertrauensbildende Massnahmen für Eurasien. Darunter gibt es eine Absichtserklärung aller Mitgliedsstaaten, solche Militärmanöver im Vorfeld anzukündigen. Das haben die Russen dieses Mal offensichtlich unterlassen.

Wie geht es nun weiter?

Auf Seite der Nato bemüht man sich um Deeskalation. Dieser Vorfall wird auch ein diplomatisches Nachspiel haben. Man wird sich Fragen, wie Vertrauen und Sicherheit unter solchen Bedingungen aufrecht zu erhalten sind. Man muss aber auch sehen: Das Wiener Dokument ist rechtlich nicht bindend. Man kann also Russland nicht vorwerfen, Recht verletzt zu haben. Sie haben auch nicht Nato-Luftraum verletzt, sondern sind einfach nah an dessen Grenzen geflogen.

Das Gespräch führte Barbara Peter.

Mauro Mantovani

Mauro Mantovani

Der Dozent für Strategische Studien lehrt an der Militärakademie der ETH Zürich. Vorher war er beim VBS und beim strategischen Nachrichtendienst tätig.