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Viele Rentner – wenig Junge Das schwedische Dilemma

Schweden braucht mehr Einwanderer für einen funktionierenden Sozialstaat, führt aber strenge Grenzkontrollen ein. Bruno Kaufmann, Nordeuropa-Mitarbeiter von SRF, erklärt die Widersprüche in Schwedens Migrationspolitik.

Legende: Audio Schweden braucht mehr Einwanderer für den Sozialstaat abspielen. Laufzeit 03:54 Minuten.
03:54 min, aus SRF 4 News aktuell vom 23.12.2016.

Schweden hat ein Problem, das wir in der Schweiz kennen: Zu viele Rentner und zu wenige Junge. Deshalb sagt die schwedische Regierung nun: wir brauchen wieder mehr Einwanderer, damit der Sozialstaat auch in Zukunft funktioniert. Gleichzeitig hatte Schweden vor rund einem Jahr strenge Grenzkontrollen eingeführt – gegen die vielen Flüchtlinge, die plötzlich kamen.

SRF News: Was will Schweden nun, mehr oder weniger Einwanderer?

Bruno Kaufmann: Im Moment will man eigentlich fast beides. Einerseits rufen viele Branchen nach Arbeitskräften. Gleichzeitig bleiben die Grenzen dicht. Die Kontrollen zum Beispiel an der Öresund-Brücke bleiben aufrechterhalten. 2015 sind fast 200'000 Menschen nach Schweden eingewandert. 2016 rechnet man nun mit weniger als 50'000.

Die meisten Schweden sind und bleiben in Sachen Einwanderung positiv eingestellt.
Autor: Bruno KaufmannNordeuropa-Mitarbeiter von SRF

Haben die Schweden ein ähnliches Problem wie die Schweiz? Man will Einwanderung, um die Alterung der Gesellschaft zu kompensieren. Es sollen dann aber die gut ausgebildeten Leute sein.

Am liebsten natürlich schon. Aber das geht in der Praxis nicht. Schweden braucht ja nicht nur Ärzte oder Computerfachleute, sondern auch viel Pflegepersonal, Waldarbeiter oder Kleinunternehmer. Da sind aber eben Leute, die nicht für einen bestimmten Job nach Schweden kommen, sondern aus anderen Gründen.

Die schwedischen Behörden haben nun mitgeteilt, sie wollen wieder mehr Migranten ins Land lassen. Wie empfinden das die Schweden selbst?

Die meisten Schweden sind und bleiben in Sachen Einwanderung positiv eingestellt. Es sind nicht nur die Problemfelder in den grössten Städten, die man hier anschaut, sondern das Land ist sehr gross, es gibt sehr viele Gebiete, die in den letzten Jahrzehnten an Bevölkerung verloren haben. Und da war man froh, dass wieder mehr Menschen eingewandert sind. Schweden hat von der Einwanderung profitiert in den letzten zehn Jahren. Auch deswegen die positive Einstellung der Allermeisten.

Polizistien stellen Gitter auf an einem Bahnhof.
Legende: Einladen und gleichzeitig Grenzen schliessen. Schweden ist momentan nicht fähig, mit einer Stimme zu sprechen. Keystone

Was macht Schweden, um die Zuwanderer auf lange Sicht gut zu integrieren?

Das ist die ganz grosse Herausforderung und schafft auch Widerstand an vielen Orten. Es ist so, dass unter den neu Eingewanderten die Arbeitslosigkeit viel höher ist als im Durchschnitt, etwa zwei bis dreimal so hoch. Und dies bei einem gleichzeitigen Arbeitskräftemangel. Das heisst, Schweden müsste eigentlich seinen Arbeitsmarkt liberalisieren. Aber hier stemmen sich viele Kräfte dagegen, vor allem die Gewerkschaften.

Es ist ja die linke schwedische Regierung, die diese Vorschläge für mehr Zuwanderung macht. Inwiefern will sie so gleichzeitig durch die Hintertür die schwedische Asylpolitik wieder liberalisieren?

Eigentlich will sie das nicht, denn die schwedische Linke ist historisch betrachtet eher einwanderungskritisch. Es waren die bürgerlichen Parteien, die, als sie zwischen 2006 und 2014 an der Macht waren, eine sehr liberale Ausländerpolitik eingeführt haben. Heute ist es so, dass beide Lager tief gespalten sind. Die Sozialdemokraten regieren zusammen mit den liberalen Grünen. Im bürgerlichen Lager sind die Konservativen sehr einwanderungskritisch geworden. Neu dazu kommt eine dritte politische Kraft – die nationalkonservative Partei der Schweden-Demokraten. Sie wollen einen starken Staat und hohe Steuern, aber keine Einwanderung. Es zeigt sich auch in dieser Frage, wie in anderen auch, dass Schweden eine eigenständige Einwanderungspolitik, ob liberal oder restriktiv, nicht führen kann. Das Land müsste hier mit anderen Ländern in Europa zusammenspannen.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann lebt in Schweden und berichtet als freier Korrespondent für Radio SRF über die nordischen und baltischen Staaten. Der Politikwissenschaftler forscht ausserdem zu Fragen der modernen Demokratie.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    "Schweden braucht Einwanderer für den Sozialstaat." Wer da nicht zumindest grinsen muss, der hat kein Gespür für unbeabsichtigt Komik. Wer aber im vollen Ernst glaubt, dass man mit Billigarbeitskräften die niemals die Kosten zu decken vermögen die sie verursachen, oder gar mit illegalen muslimischen Migranten, die zu 90% voll oder in irgend einer Form den Sozialstaat belasten, den Sozialstaat erhalten könnte, der ist ein unfreiwilliger Spassvogel!
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Wer glaubt, die Einwanderer kommen, um unsere AHV zu sichern, der glaubt wohl an den Samichlaus. Die AHV braucht neue Einnahmequellen - beispielsweise aus Steuern über hohe Vermögen. In einer Zeit, in der sich Vermögen am Kapitalmarkt wie von selbst vergrössern, Arbeit aber immer weniger wert ist, sollte das die logische Konsequenz sein.
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    1. Antwort von René Käser (Sommervogel)
      Soweit richtig, doch das Schweizer Volk verzichtete auf die Erbschaftssteuer und ist für die Pauschalsteuer. 98% wären davon nicht betroffen und 70% haben sich in den Rücken geschossen - wow! Wir befeuern den Neoliberalismus und beklagen uns darüber - nicht sehr kompetent. Wohlstand entsteht durch Arbeit, Reichtum entsteht durch arbeiten lassen und wird massiv weniger besteuert. Der Wunsch auf Volksarmut wird bei uns regelmässig bestätigt.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Mit der Einwanderung allein, kann man Sozialstaat sicherlich nicht sichern. Die Einwanderung allein ist absolut kein Erfolgsmodell um da Lücken decken bzw. schliessen zu können. Schweden hat aber im Gegensatz zur Schweiz, viel Platz, es ist ein grosses Land und da sind gute Möglichkeiten vorhanden. Nicht so in der Schweiz mit ca. nur 40'000 km2 wovon rund 60% davon auch noch empfindliche Gebirgsregionen sind.
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