Schiiten in Afghanistan Das Volk der Hazara will mehr Licht

Die ethnische Minderheit in der Provinz Bamiyan fordert von Kabul Strom. Doch es geht um weit mehr als Elektrifizierung.

Viel los ist nicht im Elektrowarenladen von Ali Hussain. In der Provinzhauptstadt von Bamiyan hat nur gerade jeder zehnte Haushalt Strom. Geliefert wird dieser von einer staatlichen Solaranlage, der einzigen Stromquelle in der bitterarmen Region.

Bamiyan – das ist dort, wo die beiden riesigen Buddha-Statuen standen, bevor sie 2001 von den Taliban gesprengt wurden. Der Tourismus kam zum Erliegen. Heute ist der Kartoffelanbau die einzige Verdienstquelle. Reich wird man damit nicht, die Arbeitslosenquote liegt bei 60 Prozent.

Eine Hochspannungsleitung weckte Hoffnungen

Wirtschaftlichen Aufschwung erhofften sich die Menschen von einer internationalen Hochspannungsleitung, die quer durch Bamiyan verlaufen sollte. Die Leitung TUTAP als Verbindung Afghanistans mit Turkmenistan und Usbekistan im Norden und Pakistan im Süden. Das Problem: Es ist eine Durchgangslinie und nie war geplant, auch Bamiyan zu elektrifizieren. Diese Idee aufs Tapet brachte erst das «Enlightenment Movement». Der Name hat dabei weniger mit Aufklärung zu tun, sondern umschreibt das Ziel, Licht nach Bamiyan zu bringen.

«Wenn schon eine Stromlinie über Bamiyan gezogen wird, dann soll man sie doch auch für die Bevölkerung nutzen», sagt Habibullah Bahlulzada für die Bewegung. Doch die Regierung in Kabul reagierte kaum auf die Forderung. Seit sie den Verlauf der Stromlinie gar um Bamiyan herumführen will, ist Feuer im Dach.

Was will das «Enlightenment Movement»?

Bahlulzada spricht von einer systematischen Diskriminierung. Es ist ein altes Narrativ. Bamiyan wird hauptsächlich von den Hazara, einer schiitischen Minderheit bewohnt. Wegen ihres Glaubens und ihres zentralasiatischen Aussehens mit den breiten Backenknochen wurden sie über Jahrhunderte hinweg verfolgt. Auch die Taliban machten regelrecht Jagd auf sie im hauptsächlich sunnitisch geprägten Afghanistan.

Dass nun das Argument der Diskriminierung wieder auftaucht, erstaunt Alexey Yusupov von der deutschen Friedrich Ebert Stiftung nicht. Es sei hier allerdings nicht angebracht. Die Elektrifizierung von Bamiyan sei zwar ein durchaus gerechtfertigtes Anliegen, doch das «Enlightenment Movement» missbrauche den Strommangel für ihre ethnisch ausgerichtete Politik: «Es geht nicht mehr um Strom. Die TUTAP-Linie ist heute vielmehr das politische Vehikel der Bewegung, um die Hazara hinter sich zu vereinen.»

Ein Vertreter der Hazara an der Demonstration vom 23. Juli i 2016 in Kabul.

Bildlegende: Ein Vertreter der Hazara an der Demonstration vom 23. Juli i 2016 in Kabul. Reuters/Archiv

IS-Anschlag in Kabul

Und dies vor allem seit dem letzten Juli, als die Terrormiliz Islamischer Staat in Kabul eine Kundgebung für die Stromlinie angriff. Fast 100 Hazara kamen beim Bombenanschlag ums Leben, über 500 wurden verletzt. Der Analyst Yusupov ortet eine Aufspaltung der Gesellschaft nach ethnischen Grenzlinien. «Es ist eine negative Entwicklung, die weiter zu Destabilisierung des Landes beitragen dürfte.»

Vom politischen Geplänkel bekommt Elektrowarenhändler Ali Hussain wenig mit. Er und viele Hazara stehen hinter dem «Enlightenment Movement». Er will weiterprotestieren bis zum Schluss, auch wenn sein Wunsch nach Strom fürs Erste unerfüllt bleiben wird.

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert und arbeitet seit 2008 bei Radio SRF. Ab 2012 berichtete er als Korrespondent aus der Westschweiz. Seit 2016 lebt er im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien.