«Der Ball liegt jetzt weit im Feld der Griechen»

Die Griechenland-Gespräche sind erneut ins Stocken geraten. Der Internationale Währungsfonds hat seine Unterhändler aus Brüssel abgezogen. Zu gross seien die Differenzen, heisst es.

In den Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen internationalen Geldgebern gibt es einen weiteren Rückschlag. Überraschend zog der Internationale Währungsfonds (IWF) am Nachmittag sein Verhandlungsteam aus Brüssel ab. Auch die griechische Delegation soll die Gespräche inzwischen verlassen haben.

Der IWF begründete seinen Rückzug mit den «grossen Differenzen» bei den Gesprächen. Diese Meinungsverschiedenheiten seien nicht überbrückt worden, sagte IWF-Sprecher Gerry Rice in Washington. «Und deshalb sind wir von einer Einigung noch weit entfernt.» Der Ball liege jetzt «weit im Feld der Griechen», so Rice weiter. Die grössten Hindernisse gebe es bei Renten, Steuern und in Finanzierungsfragen.

Gleichzeitig hiess es, der Währungsfonds bleibe «voll engagiert». Die griechische Regierung suche offenbar nach einer Lösung auf politischer Ebene mit den EU-Partnern.

Vorsichtiger Optimismus bis zum Nachmittag

Auf dieser Ebene hatte es zuvor gar nicht so schlecht ausgesehen. Am Morgen äusserte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zufrieden über ein Treffen mit Tsipras und Frankreichs Präsident Francois Hollande am Vorabend.

Ein hochrangiger EU-Vertreter sprach danach von «guten Aussichten» für eine Einigung in der kommenden Woche. Diese müsste auch für die Euro-Finanzminister akzeptabel sein, die am 18. Juni regulär in Luxemburg tagen.

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Juncker spricht wieder mit Tsipras

1:06 min, aus Tagesschau vom 11.6.2015

Am Nachmittag kam es dann in Brüssel zu einem zweistündigen Treffen zwischen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras. Schon zu diesem Zeitpunkt deuteten sich Differenzen an: In Brüssel war von einem «letzten Versuch» die Rede, um ein Abkommen zu ermöglichen, hiess es. Die Begegnung wäre wohl nicht notwendig gewesen, wenn in den Verhandlungen alles rund gelaufen wäre.

Offiziell verlautete nichts aus dem Treffen. Aus Diplomatenkreisen hiess es später, Juncker habe ein Verfahren erläutert, dass eine rechtzeitige Einigung mit den Geldgeber-Institutionen Kommission, Internationaler Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) ermöglichen würde. Die beiden Spitzenpolitiker wollten in den kommenden Tagen in engem Kontakt bleiben, hiess es.

Auf der Suche nach einem Reformprogramm

Die drei Institutionen EU-Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationaler Währungsfonds (IWF) verhandeln mit Griechenland seit Monaten über ein verbindliches Reformprogramm. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Griechenland bislang blockierte Hilfsgelder in Höhe von 7,2 Milliarden Euro erhalten kann, um eine Pleite zu vermeiden. Seit 2010 hat das Land insgesamt bereits 240 Milliarden Euro an internationalen Hilfen bekommen.

Börsen reagieren

Die Börsen reagieren empfindlich auf den Abbruch der Griechenland-Gespräche. Der deutsche Leitindex Dax gab binnen weniger Minuten stark nach. Die Hoffnung auf eine baldige Lösung hatte die Anleger zuvor zu Aktienkäufen verleiht. Der Dax war um 1,6 Prozent gestiegen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • FOKUS: Herkulesaufgabe der griechischen Bürokratie

    Aus 10vor10 vom 10.6.2015

    Die griechische Bürokratie hinkt der eines modernen Landes hinterher, strukturelle Reformen sind dringend notwendig. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der südgriechischen Stadt, Keratea, wo zum ersten Mal die Grösse der Grundstücke und die Art ihrer Nutzung systematisch erfasst wird.