Der ehemalige Ostblock entdeckt sein Selbstbewusstsein wieder

Wie weiter nach der Wirtschaftskrise? Unter diesem Titel diskutieren in Bratislava die Staatschefs Ost- und Mitteleuropas. Das Treffen zeigt: Die Staaten, die einst hinter dem Eisernen Vorhang waren, interessieren sich wieder füreinander.

Im slowakischen Bratislava diskutieren die Staatschefs des ehemaligen Ostblocks über Wachstumsstrategien nach der Krise. Die Konferenz soll ein positives Signal gegen den Westen aussenden. «Die Osteuropäer sind es leid, immer als Bürger zweiter Klasse angesehen zu werden», sagt SRF-Korrespondent Marc Lehmann.

Zwar dauert die Wirtschaftskrise nach wie vor an, doch traf sie den Osten Europas deutlich weniger stark als den Süden. Polen beispielsweise blieb als einziges europäisches Land ganz von einer Rezession verschont.

Alte Kontakte leben wieder auf

Lange haben sich die Länder, die einst hinter dem Eisernen Vorhang waren, auf Westeuropa und die USA ausgerichtet. Nach 40 Jahren der Diktatur mussten die Staaten ihre politischen Systeme und ihre Volkswirtschaften auf Vordermann bringen. «Sie taten dies nach den Rezepten des Westens, der EU, des IWF», sagt Lehmann.

Die beleuchtete Burg in Bratislava in der Dämmerung, im Vorderund ein Fluss.

Bildlegende: In Bratislava befeuern die Staatsches Ost- und Mitteleuropas das eigene Selbstbewusstsein. Keystone

Nun erinnern sich die ehemals sozialistischen Länder ihrer alten Kontakte. Laut Lehmann haben die Ex-Ostblock-Staaten gemerkt, dass sie mit ähnlichen Problemen kämpfen, ähnliche Erfahrungen gemacht haben, dass sie teils eine kulturelle Nähe verbindet. Der Handel unter den Staaten nimmt wieder zu, man besinnt sich zunehmend wieder auf die eigenen Stärken.

Konkrete Beschlüsse seien von der Konferenz nicht zu erwarten, schätzt Lehmann. «Das Treffen hat eher zeremoniellen Charakter.» Denn in Bratislava treffen sich die Staatschefs, die meist weniger Entscheidungskompetenz haben als Premierminister. Trotzdem kommen Themen wie Energie- und Sicherheitspolitik zu Sprache.

Nicht zuletzt dank solcher Zusammenkünfte leben auch alte Bündnisse wieder auf. Beispielsweise die sogenannten Visegrád-Gruppe: Zu der Staatengruppe gehören Tschechien, die Slowakei, Polen und Ungarn. Gegründet wurde sie bereits 1993, dann «dümpelte sie jahrelang ambitionslos rum», so Lehmann. Nun stösst man wieder gemeinsame Projekte an und will sich zu einem Verbund weiterentwickeln wie die Benelux-Staaten oder Skandinavien.