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Der Frust der Ostdeutschen Nachwende-Trauma ist längst nicht verdaut

Die Flüchtlingskrise hat alte Wunden aufgerissen. Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping zu den Sorgen im Osten.

Legende: Audio Die unverdaute Wendezeit abspielen. Laufzeit 06:23 Minuten.
06:23 min, aus Echo der Zeit vom 05.12.2017.

In Ostdeutschland geht die Angst um. Siemens will 3000 Stellen streichen. Vor allem rund um die Stadt Görlitz fürchten sich viele vor der Arbeitslosigkeit. Der geplante Abbau erinnert viele an die frühen 1990er Jahre, als die Treuhandanstalt 23'000 DDR-Staatsbetriebe abwickelte. Millionen Stellen gingen verloren, das Selbstwertgefühl einer ganzen Generation wurde ramponiert.

«Integrieren Sie erst mal uns»

Der sozialdemokratischen Integrationsministerin von Sachsen Petra Köpping macht das Sorgen – auch weil das Trauma von damals möglicherweise viele ältere Wähler der AfD in die Arme getrieben hat.

Sie erinnert sich an das Jahr 2015, als die vielen Geflüchteten kamen und sie ihre Programme vorstellte. An den Bürgerrunden und Einwohnerversammlungen bekam sie damals den Satz zu hören: Sie, Frau Köpping, mit ihren Flüchtlingen, integrieren sie erst mal uns!

Anfänglich habe sie den Einwand nicht ernst genommen, erzählt die Ministerin. Doch dieser Satz sei immer wieder gekommen. Auch in Gesprächsrunden mit Anhängern von Pegida. Als sie dann jeweils nachgefragt habe, hätten die Leute nicht nur ihren Namen genannt, sondern sofort ihre ganze Geschichte erzählt – «im Positiven, aber sehr viel mehr vor allem im Negativen».

Petra Köpping (SPD) ist Ministerin für Gleichstellung und Integration im Bundesland Sachsen.
Legende: Petra Köpping (SPD) ist Ministerin für Gleichstellung und Integration im Bundesland Sachsen. Keystone/Archiv

«Ich merkte dabei, dass Flüchtlinge sehr wohl ein Thema sind, das die Menschen umtreibt. Aber auch, dass es eigentlich nur die Spitze des Eisbergs ist», sagt Köpping. So hätten die Menschen den Eindruck, für Flüchtlinge werde alles getan. Bei der Suche nach Arbeit und Ausbildung oder Möglichkeiten für Unterstützung. «Ich glaube, das hätten sich viele 1990 auch gewünscht», vermutet Köpping.

Ich merkte, dass das Flüchtlingsthema die Menschen umtreibt. Aber auch, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist.

Die Flüchtlingskrise hat in Ostdeutschland alte Wunden aufgerissen, die Generation der heute 60- bis 80-Jährigen fühlt ein zweites Mal als Bürger zweiter Klasse. Da spielt unter anderem die Treuhand eine Rolle. Es ging um 8000 grosse und viele kleinere Firmen mit fast vier Millionen Beschäftigten, die innerhalb von zwei Jahren durch die Treuhand abgewickelt wurden.

Eine druckfrische Studie der Universität Bochum kommt zum Schluss, dass die Treuhandanstalt für viele Ostdeutsche eine mentale «Bad Bank» ist. Dass alles, was in der Wendezeit schlecht war, auf diese von Westdeutschen geführte Abwicklungs- und Privatisierungsinstitution projiziert wird.

Gebraucht, aber nicht anerkannt

Ein 74-jähriger Mann, der sich nach der Wende einen neuen Job suchte und fand, erzählt an einer Veranstaltung mit Köpping über seine Erfahrungen. Er baute für ein Westunternehmen Autohäuser im Osten auf formte nach eigenen Angaben in 15 Jahren Millionenumsätze für den Westunternehmer. Bis zum Herzinfarkt: «Nach 14 Tagen im Spital erhielt ich die Kündigung, später bestätigt von einem Arbeitsgericht, dass alles völlig in Ordnung ist.»

Es ist das Gefühl, dass meine Biographie nicht anerkannt worden ist. Das wirkt so tief.
Autor: Rainer EichhornEhemaliger Bürgermeister von Zwickau, heute Unternehmensberater

Viele Ostdeutsche wagten nach der Wende einen Neustart. Der frühere Bürgermeister von Zwickau, heute Unternehmensberater, Rainer Eichhorn spricht von diesem «Gefühl, dass meine Biographie nicht anerkannt worden ist». Das wirke so tief und sei ein Grossteil der Antworten bei den letzten Bundestagswahlen. Von denen, die sich jenen zuwandten, die sagten: Wir sind für euch da.

So gut wie die drüben waren, waren wir auch. Wir hatten nur schlechtere Bedingungen.
Autor: Wolfgang NeefEhemaliger Produktionsdirektor bei Trabant in Zwickau

Gerade in der Autostadt Zwickau, wo der Trabant, aber auch kurz nach dem Mauerfall der VW Polo gebaut wurde, fühlen sich Manager und Ingenieure zu Unrecht als Idioten abgestempelt. Man habe unter schwierigen Umständen, in der Staatswirtschaft der DDR Gutes geleistet, sagt der 78-jährige frühere Produktionsdirektor Wolfgang Neef: «Über uns sagt man, wir hätten erst nach der Wende gelernt, mit Messer und Gabel zu essen. Doch so gut wie die drüben waren, waren wir auch. Wir hatten nur schlechtere Bedingungen.»

Es reichte also, wenn man sagte, aus Hamburg zu sein. Die Qualifikation spielte keine Rolle.
Autor: Petra KöppingMinisterin für Gleichstellung und Integration im Bundesland Sachsen (SPD).

Auch wenn Neef weiss und zugibt, dass die DDR 1989 am Ende war. Seine Generation aber will eine faire Bewertung. Viele Ostdeutsche seien nach der Wende benachteiligt worden, hätten als Ossis weniger Bankkredite als Wessis erhalten, weiss Köpping. Und sie erzählt von einem Erlebnis 1994 in ihrer Zeit als Bürgermeisterin. Damals sei ein Bauunternehmer aufgekreuzt, der ein ganzes Baugebiet gemanagt habe. «Ich habe dann erfahren, dass er früher Fischverkäufer in Hamburg war. Es reichte also, wenn man sagte, aus Hamburg zu sein. Die Qualifikation spielte keine Rolle.»

Weitere Ungleichheiten in Merkels Deutschland

Der Frust im Osten ist hauptsächlich ein emotionaler, der mit der Flüchtlingskrise bei den Älteren wieder hochgekommen ist. Aber nicht nur. Viele sind enttäuscht über ihre Rente, die sie jetzt erhalten. Zum Teil ist es wenig, 600 bis 700 Euro, weil sie zeitweise arbeitslos oder in Arbeitsbeschäftigungsmassnahmen untergebracht waren.

Zum Teil gibt es auch nach wie vor Ungleichheiten, wie beispielsweise die Tatsache, dass in der DDR geschiedene Frauen im Unterschied zur Bundesrepublik bei der Rente schlechter gestellt werden. Gerade Angela Merkel, der Bundeskanzlerin mit ostdeutscher Biografie, werde das persönlich angelastet, sagt Köpping.

Peter Voegeli

Peter Voegeli

Peter Voegeli ist seit Sommer 2015 SRF-Korrespondent in Deutschland. Er arbeitet seit 2005 für Radio SRF, zunächst als USA-Korrespondent, danach als Moderator beim «Echo der Zeit».

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Aber trotz allem sollten die Ostbürger auch nicht vergessen, dass der Westen bis heute enorme finanzielle Mittel in den Aufbau gesteckt hat. Wer die DDR von früher kennt und heute durch das Land reist, erkennt es nicht mehr wieder. Die Umstellung war enorm, Vater Staat hat alles gemacht. keine Steuern, keine Krankenkassen, kostenlose Kinderbetreuung, es gab keine Versicherungen.
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  • Kommentar von Geneviève Schmid (Geneviève)
    Der Begriff "die Flüchtlingskrise" befeuert den Sündenbock-Reflex à la "die Flüchtlinge sind das Problem! Durch DIE ist für UNS kein Geld da!" Bitte überdenken Sie doch diesen Ausdruck. Das Problem sind die geringen Vermögens- und Unternehmenssteuern, Renten und Löhne (speziell im Osten), Kaufkraft und Binnenwirtschaft. Und: Die Flüchtlinge wurden ohne jegliche organisatorischen Massnahmen, Unterkünfte und Personal einfach so aufgenommen - das ist - siehe Artikel! - eine POLITIK-Krise.
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  • Kommentar von Geneviève Schmid (Geneviève)
    "Der Frust ist ... hauptsächlich ein emotionaler"? Die "Treuhand" agierte wenig treuhänderisch, sondern liess die Betriebe im Osten von Westfirmen im grossen Stil aufkaufen und oft sofort schliessen - damit schaltete man die neue potentielle Konkurrenz aus und verkaufte die eigenen, West-Marken in dem neuen Markt. Selbstverständlich entsteht als Folge die diesem entsprechende Emotion: Gerechtfertigter Frust. "Abwickeln" ist ein beschönigender Begriff. Genaue Wortwahl wäre wünschenswert.
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