Der Führung entgleitet Kontrolle über den Westen der Ukraine

Während die Lage in der Hauptstadt Kiew eskalierte, ist es auch in mehreren Städten im Westen der Ukraine zu Ausschreitungen gekommen. Gegner von Präsident Janukowitsch haben die Grossstadt Lemberg (Lwiw) für politisch autonom erklärt.

Feuer in Lemberg in der Nacht während einer Demonstration.

Bildlegende: In Lemberg verbrennen Oppositionelle am frühen Mittwochmorgen Akten der Staatsanwaltschaft vor dessen Gebäude. Reuters

Die ukrainische Führung verliert im Machtkampf mit der Opposition zunehmend die Kontrolle über den Westen des Landes. Die Regionalversammlung von Lemberg (Lwiw) warf der Regierung in Kiew vor, in der Hauptstadt einen "offenen Krieg" gegen die Demonstranten zu führen. Daher nehme sie die Exekutive in ihrem Gebiet in eigene Hände. Die siebtgrösste Stadt der Ukraine erklärte sich als politisch autonom.

Lokale Medien berichteten von ähnlichen Vorgängen in mehreren anderen Städten im Westen der Ukraine, wo Regierungsgegner ebenfalls öffentliche Gebäude besetzt halten. So fesselten in Luzk Demonstranten den Gouverneur des Gebiets Wolhynien an ihre aufgestellte Protestbühne. In Ternopol versuchten Regierungsgegner am Dienstag, ein Polizeigebäude zu stürmen. Auch aus Iwano-Frankowsk und Rowno gab es Berichte über Angriffe. Die nationalistisch geprägte Gegend nahe der Grenze zu Polen gilt als Hochburg der radikalen Opposition.

Polizeikaserne Lemberg in Brand

Am Dienstagabend besetzten in Lemberg mehrere Tausend Menschen eine Polizeikaserne. Laut dem dort lebenden Journalisten Yuri Durkot wurde mit der Blockade verhindert, dass die Truppen des Innenministeriums ausrücken und nach Kiew verlegt werden konnten. Die Sicherheitskräfte hätten daraufhin versucht, die Blockade zu durchbrechen, dabei sei mindestens eine Frau verletzt worden.


Auch in der West-Ukraine kommt es inzwischen zu Unruhen

3:44 min, aus SRF 4 News aktuell vom 19.02.2014

In der Folge hätten die protestierenden Regierungsgegner Molotow-Cocktails gegen die Kaserne geworfen und diese in Brand gesteckt. Die Truppen hätten die Gebäude schliesslich unbewaffnet verlassen, so der Journalist Durkot. Derzeit sei nicht ganz klar, in wessen Hände die Munitionsdepots seien. Es gebe Berichte, wonach Soldaten und Demonstranten sie gemeinsam bewachten.

Bürgermeister appelliert an Polizisten

Der Bürgermeister von Lemberg, Andrej Sadowy, rief die Polizei dazu auf, zu den Regierungsgegnern überzulaufen: «Wendet eure Waffen zum Schutz der Menschen an – eurer Verwandten, Nachbarn, Freunde. Seid euch bewusst, die kleinste Aggression von eurer Seite wird eine um einige Male stärkere Antwort bekommen», warnte Sadowy auf seiner Facebook-Seite.

Bislang seien die Polizeikräfte der Aufforderung des Bürgermeisters in Lemberg allerdings nicht gefolgt, sagt der Journalist Durkot. Andererseits hätten sie aber auch keinen Widerstand geleistet, als das Polizeipräsidium der Stadt sowie mehrere Polizei-Kommissariate von Demonstranten besetzt wurden.

Hunderte Studenten demonstrieren.

Bildlegende: In Lemberg haben sich die Studenten zu einer Demonstration versammelt. Mikekomar

Grosse Studentendemo in Lemberg

In Lemberg hat sich die Situation am Mittwochmorgen etwas entspannt, allerdings hat am Vormittag eine neue Studenten-Demonstration begonnen. Durkot geht davon aus, dass es nicht Zusammenstössen mit Sicherheitskräften kommen wird. «Die Polizei wagt in Lemberg derzeit nicht, irgendwelche Aktionen durchzuführen.»

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Weltweite Reaktion auf Gewalt in Kiew

    Aus Tagesschau vom 19.2.2014

    Die Gewalt in der Ukraine löst weltweite Kritik aus. Die EU-Aussenminister haben ein Sondertreffen einberufen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die EU will nun Sanktionen gegen die Ukraine verhängen. Eine Einschätzung von Christof Franzen.

  • Gewalt in Kiew eskaliert

    Aus Tagesschau vom 19.2.2014

    In Kiew erreicht die Auseinandersetzung zwischen der Opposition und Präsident Janukowitsch einen blutigen Höhepunkt. 25 Menschen kamen bei Strassenschlachten ums Leben, laut Regierung seien darunter auch neun Polizisten. Hunderte Menschen wurden zudem verletzt.

  • Blick auf den Unabhängigkeitsplatz Maidan in Kiew - am frühen Morgen nach eine blutigen Nacht.

    Kiew nach einer blutigen Nacht

    Aus Rendez-vous vom 19.2.2014

    Die Zusammenstösse in der ukrainischen Hauptstadt Kiew in der Nacht auf Mittwoch gehören zu den gewalttätigsten, die Osteuropa seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt hat. Mindestens 25 Menschen sind gestorben, Demonstranten wie Polizisten.

    Gespräch mit Kyryl Savin, Büroleiter der deutschen Heinrich Böll-Siftung in Kiew.

    Simon Leu