«Der Hass auf die Muslimbrüder ist abgrundtief»

«Egypt is fighting Terrorism» – der Slogan der ägyptischen Übergangsregierung entfaltet seine Wirkung. In Ägypten herrscht laut dem SRF-Korrespondenten ein enormes Misstrauen unter der Bevölkerung. Die Armee versucht mit eiserner Faust, die Kontrolle zu behalten.

Person in Tränengasschwaden.

Bildlegende: Stacheldraht, Tränengas, Polizeieinsätze: In Ägypten ist Gewalt alltäglich geworden – und Misstrauen. Keystone

In Ägypten ist die Stimmung explosiv. Seit der Absetzung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi versucht die Übergangsregierung, ihre Gegner in Schach zu halten – auch mit roher Gewalt.

Bei Protesten gegen Mursis Absetzung sind seit Juli laut Menschenrechtsorganisationen über Tausend Menschen getötet worden – die meisten davon Islamisten. Allein die Auflösung des Protestcamps Raba war ein Massaker. Dabei wurden laut Human Rights Watch gegen 380 Menschen getötet und Tausende verletzt.

Der Arabische Frühling sollte die Diktatur wegfegen und Frieden bringen. Jetzt wird die Situation immer gewalttätiger. «An einem Tag sterben 56 Muslimbrüder, und niemand regt sich darüber auf», sagt SRF-Korrespondent Pascal Weber zu SRF News Online. Er bezieht sich auf den 6. Oktober, als Sicherheitskräfte eine Pro-Mursi-Demonstration gewaltsam auflösten. Amnesty International verurteilte die «exzessive Gewalt durch die Sicherheitskräfte, die zum modus operandi» geworden sei.

Armee schürt Misstrauen

Die Toleranz der Gewalt gegenüber rühre von einer Angst her: «Ägypten bekämpft den Terror». Dies bläue die Übergangsregierung den Ägyptern seit Wochen über alle Kanäle ein, sagt Weber. Als Terroristen gelten die Islamisten – also die Anhänger der Muslimbrüder. «Die 24/7-Beschallung zeigt extreme Wirkung. Jeder misstraut jedem.»

Weber schildert eine Szene in Kairo: «Nach der Räumung von Raba ging ich bei mir um die Ecke in einen Telecom-Shop. Wo ich normalerweise hineinspazieren kann, um die Rechnung zu zahlen, kontrollierten plötzlich Sicherheitsleute meine Tasche. Und der ganze Laden war leergeräumt, aus Angst vor Plünderungen. Kurz darauf kam eine ältere verschleierte Frau. Das versetzte die Beamten schon fast in Panik. Zu dritt durchsuchten sie ihre Handtasche. Die Angst war den Männern ins Gesicht geschrieben: ‹sie könnte eine Terroristin sein›. Die Frau war aus dem Quartier und wollte ihre Handy-Rechnung zahlen.»

Die Interimsregierung unter Adli Mansur mit Militärchef Abdel Fattah al-Sisi setzt auf Repression. Im ganzen Land herrscht Ausnahmezustand. In den grossen Städten sind die Strassen nachts menschenleer – ausser den Polizisten an Check-Points. Sie kontrollieren, dass niemand die Ausgangssperre missachtet.

«  Die Sicherheitskräfte wollen die Muslimbrüder auslöschen. Dabei wollen sie nicht gestört werden von irgendwelchen Revolutionären. »

Pascal Weber
Korrespondent SRF, Kairo

Seit Mursis Absetzung Anfang Juli haben die Sicherheitskräfte tausende in die Gefängnisse gesteckt. Offiziell sind darunter 2000 Islamisten – Muslimbrüder sprechen von über 10‘000. Darunter ist fast die gesamte Führungsriege der Muslimbruderschaft.

Stimmen gegen die jetzige Situation sind in Ägypten zurzeit kaum hörbar – obwohl sie auch Politiker säkularer Lager oder Menschenrechtler beschäftigt. Aber laut Weber kontrolliert die Regierung die Medien so, dass sie Kritiker kaum zu Wort kommen lässt.

Ägypter akzeptieren das Morden

«Die Sicherheitskräfte wollen die Muslimbrüder auslöschen. Dabei wollen sie nicht gestört werden von irgendwelchen Revolutionären, die wollen, dass der Sicherheitsapparat reformiert wird», lautet Webers Fazit.

Er erlebe mit, wie sich in der schwierigen Situation ein abgrundtiefer Hass entwickle. Ein Grund ist die schwierige Wirtschaftslage. Dafür werden die Muslimbrüder verantwortlich gemacht. Gepaart wurde dies gemäss Weber mit einer bitteren Erkenntnis, wie er ausführt: Jeder, der an die Macht kommt, nimmt am Schluss alles für sich. Das hat nach Mubaraks Sturz das Militär gemacht und dann auch die Muslimbrüder. Sie wollten möglichst viel Macht anhäufen. Jetzt komme Sisi und mache wieder dasselbe.

»Ägypter akzeptieren, dass Ägypter andere Ägypter töten«, ist Weber entsetzt. Jeder, der nicht gegen den «Terror» ist, gilt als Verräter. In einem Land, in dem sehr viele Waffen im Umlauf sind, kann dies verheerende Folgen haben. »In dieser explosiven Stimmung besteht die Gefahr, dass das Land in einen Bürgerkrieg abgleitet«. Doch Weber meint auch: es bestünden noch Chancen, das Allerschlimmste abzuwenden.

(schl)

Pascal Weber

Pascal Weber in Kairo

Seit 1999 arbeitet Weber für SRF. Als Redaktor und Produzent war er zunächst in der Sportredaktion tätig, danach bei «10vor10». Seit September 2010 ist er Korrespondent im Nahen Osten. Folgen Sie ihm auf Twitter.