«Der Hunger ist eine der grausamsten Waffen dieses Krieges»

18 Monate waren sie eingeschlossen – nun berichten sie: jene Frauen, Männer und Kinder, die aus der belagerten syrischen Stadt Homs evakuiert werden konnten.

«Es ist die Hölle», sagt Yacoub el Hillo, der Leiter der UNO-Mission in Homs. Und Valerie Amos, welche die UNO-Nothilfe koordiniert, sagt: «Es gibt keine Worte, welche die schreckliche Realität in Syrien beschreiben könnte.»

Hilfslieferungen: nur Tropfen auf den heissen Stein

Seit einer Woche evakuieren UNO und Roter Halbmond Kinder, Frauen und Männer aus Homs. 18 Monate waren sie eingeschlossen. Nun berichten sie. Sie erzählen Journalisten, wie sie Gras assen, das zwischen den Trümmern wächst. Wie sie Suppe kochten, nur mit Regenwasser, Gewürzen und ein paar Tropfen Olivenöl.

Sie erzählen, wie Frauen gebären mussten, ohne Ärzte oder Hebammen. Wie sie zusahen, wie Angehörige starben, weil lebenswichtige Medikamente langsam ausgingen.

Seit einer Woche gilt in Homs ein Waffenstillstand. Seit letztem Freitag konnte die UNO 6000 Kilo Weissmehl in die Stadt bringen und rund 500 Pakete mit anderen Lebensmitteln. Trotzdem spricht Amos nicht von einem Fortschritt: «Unsere Leute wurden beschossen, als sie Lebensmittel in die Stadt brachten und Leute evakuierten. Löcher in den Windschutzscheiben und zerfetzte Pneus zeigen, wie gefährlich die Arbeit der Helfer ist.» 15 von ihnen seien allein seit Oktober gestorben, sagt die UNO-Koordinatorin.

Endlich raus aus Homs – dann verhaftet

Der Einsatz der Vereinten Nationen ist voller Gefahren. Zwar konnte die UNO in den vergangenen Tagen rund 1400 Bewohner aus Homs evakuieren. Vor allem Frauen und Kinder. Unter ihnen waren aber auch drei- bis vierhundert Männer und Knaben. Kaum waren sie draussen, wurden sie von Assads Leuten verhaftet.

Was mit ihnen geschah oder geschieht, ist unklar. Wer männlich und über 15 ist, dem droht die Rache des Regimes. Denn es könnten Kämpfer der Rebellen sein. Es besteht das Risiko, dass die UNO mit ihrer Evakuation dem Regime in die Hände arbeitet. Ein schrecklicher Verdacht. Aus diesem Grund entschied sich die UNO heute Nachmittag, die Evakuation vorerst zu unterbrechen, bis klar ist, was mit den Verschwundenen passiert ist.

In den Trümmern von Homs sollen noch immer über 2000 Menschen ausharren. Wahrscheinlich sind es vor allem Männer. Was mit ihnen geschieht, ist vollkommen unklar.

Was sich in der einstigen Millionenstadt Homs abspielt, ist nur eine kleiner Ausschnitt der syrischen Realität. Die Leiterin der UNO-Nothilfe, Valerie Amos: «Eine Viertelmillion Syrerinnen und Syrer leben eingeschlossen, in belagerten Dörfern, Städten oder Quartieren. Sie leben ohne Strom, ohne fliessendes Wasser, ohne Nachschub an Medikamenten und Lebensmitteln. Der Hunger ist eine der grausamsten Waffen dieses Krieges.»

Verhandlungen in Genf ohne Fortschritte

Verantwortlich dafür seien alle Konfliktparteien, sagt die UNO. Doch die meisten der bekannten Fälle gehen aufs Konto des Assad-Regimes. Dessen Vertreter und die Vertreter der syrischen Opposition verhandeln nun seit drei Wochen in Genf.

Die Gespräche werden geleitet von UNO-Vermittler Brahimi. Gestern Abend, nach einer weiteren Verhandlungsrunde, trat er vor die Mikrofone und erklärte, nützlich seien die Gespräche gewesen. Und Brahimi dankte den Vertretern für ihre Anwesenheit. Im Klartext heisst das: Die Verhandlungen drehen sich im Kreis. Es bewegt sich gar nichts.