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International «Der Irak-Krieg war ein Komplott»

Die Operation «Iraqi Freedom» wurde ohne UNO-Mandat geführt, der Irak steht heute am Rande eines Bürgerkriegs. Trotzdem sagen 38 Prozent der Amerikaner, der Einmarsch habe sich gelohnt. Ganz anders sieht das der Stabschef des damaligen Aussenministers Colin Powell. «10vor10» sprach mit ihm.

Legende: Video «Du kannst hier nicht sagen, der Irakkrieg war falsch» abspielen. Laufzeit 05:31 Minuten.
Aus 10vor10 vom 18.03.2013.

Der Irak-Krieg wird vermutlich als das grösste Versagen der USA in die moderne Geschichte des Landes eingehen. Es war ein Krieg, der aufgrund falscher Annahmen geführt wurde. Grundlage war die Rede vor der UNO, die der damalige Aussenminister Colin Powell im Februar 2003 hielt. Saddam Hussein würde weiterhin Massenvernichtungswaffen besitzen, sagte er, und mit El-Kaida zusammenarbeiten.

Powells damaliger Stabschef Lawrence Wilkerson
Legende: Wilkerson zum Einmarsch im Irak: «Ich werde diesen Krieg noch im Grab bereuen.» SRF

Powells Stabschef Lawrence Wilkerson hatte die UNO-Rede geschrieben. Gegenüber «10vor10» sagt er, dass die angeblichen Beweise für Massenvernichtungswaffen aus einem «48seitigen Papierstapel stammten, geschrieben vom damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney».

Cheney heute noch von Krieg überzeugt

Gemäss Wilkerson war der Einmarsch im Irak ein Komplott, das Dick Cheney schon vor den Terroranschlägen von 9/11 mit dem damaligen Verteidigungsminister Rumsfeld geschmiedet hatte. Cheney verteidigt den Einmarsch im Irak heute noch, nur so habe Saddam Hussein gestürzt werden können.

Damals habe ihn die Regierung beim Verfassen der UNO-Rede unter Druck gesetzt, sagt Wilkerson im «10vor10»-Interview. Nur vier Tage habe er Zeit gehabt, um die Informationen zu überprüfen. Zusammen mit Colin Powell verbrachte er Tag und Nacht bei der CIA. Powell habe stark bezweifelt, dass der Häretiker Hussein Beziehungen zur Terrororganisation Al-Kaida unterhalte.

Rolle des CIA

CIA-Chef George Tenet habe diese Zweifel aber mit einer angeblich bahnbrechenden Neuigkeit zerschlagen: Ein hochrangiger Al-Kaida-Funktionär hatte im Verhör gesagt, der Irak unterrichte Al-Kaida im Gebrauch von chemisch-biologischen Waffen.

George W. Bush vor einem Banner «Mission accomplished» anno 2003 auf einem Flugzeugträger.
Legende: 2003 erklärte George W. Bush die «Mission» im Irak auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln für erfüllt (Archiv). Reuters

«Wir wussten damals nicht, dass Scheich al-Libi diese Aussage unter Waterboarding gemacht hatte.» Der Scheich hatte gelogen. Cheney habe den Geheimdienst für seine Zwecke instrumentalisiert, sagt Wilkerson heute.

Die CIA hatte sich 2006 in einem geheimen Schreiben für sein Vorgehen entschuldigt. Erst letzten Sommer wurde es veröffentlicht: Schuld sei die «Veranlagung» des CIA, hiess es. Weil der Irak die USA in der Frage der Massenvernichtungswaffen früher getäuscht hatte, habe man sich zu sehr darauf abgestützt und nicht realisiert, dass Iraks Angaben seit 1995 mehrheitlich stimmten.

Irak-Soldat: «Wir waren keine Nazis»

Die Soldaten im Feld erfuhren nicht, dass sie einen Krieg auf der Basis von Lügen führten. Erst Jahre später, als er in die USA zurückgekehrt war, habe er davon gehört, sagt der damalige Truppenchef Arock Bolanos. Zunächst habe er es kaum glauben können, erklärt der 27jährige, «aber dann war es mir wichtig, meinen Auftrag zu erfüllen. Wir waren ja keine Nazis».

Zweifel und Kritik am Krieg seien nicht toleriert worden, sagt der damalige Unteroffizier Jason Lemieux zu «10vor10». Das Mitglied der Gruppe «Irak Veteranen gegen den Irak» schildert seine Einsamkeit im Feld. «Die Kollegen halten dich für einen Verräter, weil du damit sagst, dass Soldaten für nichts gestorben sind.» Statt sich zu hintersinnen, seien sie auf den Überbringer der schlechten Botschaft losgegangen.

Falsche Versprechen und geschönte Worte

Tatsache ist: Obwohl der damalige Präsident George W. Bush den Sieg der USA und seiner Alliierten anderthalb Monate nach dem Einmarsch im Mai 2003 verkündete, versank der Irak in einem jahrelangen Bürgerkrieg. Die US-Besatzung dauerte bis Ende 2011, kostete rund 190'000 Menschen das Leben und richtete über eine Billion Dollar Schaden an.

Barack Obamas Aussage beim Abzug der letzten Soldaten, dass der Irak «ein unabhängiger, freier und selbstständiger Staat» sei, ist stark geschönt: Das Land steht abermals am Rande eines Bürgerkriegs. Anschläge zwischen den verfeindeten Volksgruppen der Sunniten und Schiiten sind alltäglich.

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32 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    2. Teil: Vielleicht hatte Saddam Hussein wirklich keine Atomwaffen, obwohl mehrere geflüchtete Offiziere noch vor dem Krieg das Gegenteil gesagt haben sollen, aber die Welt sah vor zehn Jahren anders aus. Warum hat er sich denn so geziert und sich geweigert, mit den "Anti-Atom-Leuten" der UNO zusammenzuarbeiten? Wir wissen zwar, dass die Orientalischen anders ticken als wir, weil die Angst, das Gesicht zu verlieren, viel grösser ist, aber er hat trotzdem eine gute Chance verpasst.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Natürlich scheint an der offiziellen Version zu 9/11 und zum Irak-Krieg ein Teil faul zu sein. ABER: Auch an den "Enthüllungen" ist einiges faul, vor allem an den Filmchen, die im YouTube sogar ein Laie als Fakes erkennen kann. Zudem sagen die einen Ingenieure dieses und die anderen jenes, und auch die Gegenseite konnte "Zeugen" kaufen, Herr Bernoulli. Und noch dies: Saddam Hussein hatte vielleicht wirklich keine Kontakte zur Al-Kaida, aber er hätte sie jederzeit aufnehmen können.
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    1. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Darum ist es bei dem Info-Krieg wichtig, bei den Fakten zu bleiben und Wahrscheinlichkeiten abzuwägen. Dass die Falken den Irak Krieg vor 9/11 wollten, ist ein weiteres Indiz. Es ist auffällig, wie nach 9/11 einiges umgesetzt wurde, was offensichtlich schon vorher bestimmt war und ohne 9/11 nicht hätte umgesetzt werden können, wie wohl sich die Reps fühlten in ihrer Machtausübung nach 9/11.
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    2. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      @ J. Stump: Es gibt nicht nur die Filmchen auf Youtube. Und: der sonderbare Fall von WT7 ist kein Fake. Dass es keine Sprengung gewesen sein soll, wer glaubts? Warum wurden jüdische Mitarbeiter am Vorabend gewarnt, nicht zur Arbeit zu erscheinen? Was ist mit den Aktienkursveränderungen im Vorfeld, welche ein Vorwissen vermuten lassen? Wahrscheinlichkeit, dass die Terroristen die Flugmanöver durchzuführen im Stande waren? Dies nebst vielen, vielen anderen Auffälligkeiten.
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  • Kommentar von Urs Schmidlin, Riehen
    Ich vermute, dass in der Schweiz Antiamerikanismus verbreitet ist. Es gibt zum Antiamerikanismus gute Literatur. Beispiel: Dan Diner; Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2003 Schiiten und Sunniten waren übrigens schon seit der Entstehung des Islam verfeindet (seit ca. 660). Das war und ist nicht nur im Irak so. Es gibt dazu Artikel und auch gute Literatur (z.B. Sunniten vs. Schiiten; Kampf der Kulturen im Islam (CICERO))
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    1. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Es gibt auch einen ganz und gar nicht oberflächlichen Antiamerikanismus: Siehe "Volkers Pispers die USA und Terrorismus".
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