«Der IS hat Waffen aus 20 verschiedenen Ländern»

Über verschlungene Pfade gelangt Kriegsmaterial unterschiedlichster Herkunft zur Terrormiliz IS. Conflict Armament Research, eine private Organisation in London, hat in Syrien und Irak dazu recherchiert – unterstützt von der EU. SRF hat mit Damien Spleeters, einem der Rechercheure, gesprochen.

Ein MG3-Automatik-Gewehr, Teil einer deutschen Lieferung an irakische Kurden

Bildlegende: Auf Umwegen zur IS? Waffenlieferungen, wie diese deutsche an die Peshmarga-Kämpfer, können in die falschen Hände fallen. Reuters

SRF: Können Sie uns sagen, wie ihre Organisation bei der Suche konkret vorgegangen ist?

Damien Spleeters: Wir arbeiten mit kurdischen Kämpfern zusammen, der Peshmerga im Irak und der YPD in Syrien. Sie zeigen uns, was sie im Kampf gegen den IS erbeutet haben. Wir dokumentieren dann minutiös die erbeuteten Waffen und die Munition und befragen die Kämpfer nach Ort und Zeitpunkt des Fundes.

Es wird ganz allgemein angenommen, dass der sogenannte Islamische Staat vor allem über amerikanische Waffen verfügt, die er von der irakischen Armee erbeutet hat. Deckt sich das mit Ihren Resultaten?

Bisherige Aussagen haben nicht auf Fakten beruht. Aber tatsächlich stammt ein grosser Teil des Kriegsgeräts aus US-Produktion. Fast gleich viele Waffen und Munition stammen jedoch aus China, Iran und vor allem Russland. Und wir haben sogar Munition aus ehemaligen Sowjetstaaten gefunden – in Syrien und im Irak.

Welche Schlüsse ziehen sie sonst noch aus Ihren Funden?

Zum einen hat der IS Waffen in kürzester Zeit von Irak nach Syrien transportiert. Im syrischen Kobane haben wir Waffen gefunden, die erst zwei Tage vorher bei der Eroberung von Mossul, das heisst 500 km entfernt im Irak erbeutet wurden. Das zeigt nicht nur die logistische Kompetenz des IS, sondern legt nahe, dass Kobane schon damals ein wichtiges strategisches Ziel des IS war.

Zum anderen stammen die Waffen der Terrormiliz aus mehr als 20 verschiedenen Staaten – sie hat also ein Arsenal aus vielen verschiedenen Quellen. Bei der Art der Kriegsführung, die wir in Syrien und Irak beobachten, ist dies ein entscheidender Vorteil. Denn: In Abnützungskriegen verliert, wem die Munition zuerst ausgeht. Und unsere Funde lassen den Schluss zu, dass der IS auf einen langen Krieg vorbereitet ist.

Sie haben Kriegsmaterial aus mehr als 20 Ländern gefunden. Darunter ist überraschend auch Sudan. Was lässt sich darüber sagen?

Wir haben zwar nur wenig Patronen aus dem Sudan gefunden. Aber es ist erstaunlich, dass sie überhaupt in die Hände des IS gefallen sind. Denn bisher hat Sudan vor allem Waffen in afrikanische Konfliktgebiete geliefert und nicht in den Nahen Osten.

Sie können sagen, wo die Waffen produziert wurden. Können Sie auch sagen, auf welchen Wegen die Waffen schliesslich in die Hände des sogenannten Islamischen Staats gelangen?

Zur Zeit können wir noch fast nichts darüber sagen. Wir haben zwar bei verschiedenen Staaten Anfragen deponiert zu Seriennummern von Waffen und Munition – um herauszufinden, wer sie gekauft hat und wohin sie geliefert wurden. Aber präzisere Angaben zur Lieferkette können wir noch nicht machen.

Sind Sie auch auf Waffen gestossen, die Saudiarabien oder die Golfstaaten ursprünglich an moderatere Rebellen lieferten, die dann aber in die Hände des IS gelangten?

Ja, wir haben eine Rakete vom Typ M79 gefunden, die nachweislich von Saudiarabien an sogenannte Moderate geliefert wurde. Das heisst: die Saudis bestellten sie in Kroatien und liessen sie nach Syrien liefern.

Lassen sich aus Ihrer Untersuchung Konsequenzen ablesen im Hinblick auf die Bewaffnung von sogenannt moderaten syrischen Rebellen durch die USA?

Nein, dafür ist es noch zu früh. Zudem sind das politische Entscheidungen – und wir untersuchen nur die Fakten vor Ort. Selbstverständlich kann jede Regierung Schlüsse ziehen aus unseren Berichten – es liegt nicht an mir zu sagen, welches die richtigen Schlüsse wären.

Das Interview führte Matthias Kündig.